Editorial des Präsidiumsmitglieds Martin Volkmar
Journalistin bei der Arbeit (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick)

Der Frauenanteil im Sportjournalismus muss steigen

Der Anteil von Frauen im Sportjournalismus ist zu gering. Das muss sich ändern, fordert das Präsidiumsmitglied Martin Volkmar in seinem Editorial. Von einer Erhöhung würden alle Seiten profitieren.

Das Thema Frauenförderung steht auch im Sport seit einiger Zeit und völlig zu Recht ganz oben auf der Agenda. Da diente die Fußball-Europameisterschaft in England als gelungene Blaupause, um eine Vision für eine geschlechtergerechtere Sportwelt zu geben. Endlich bekamen die Fußballerinnen in der Öffentlichkeit einen angemessenen Stellenwert und das nicht nur aus Prinzip, sondern weil die gezeigten Leistungen das massiv gestiegene Interesse erst möglich machten (Volkmar-Foto: Ina Fassbender).

„Der weibliche Fußball hatte immer mit dem Vorurteil zu kämpfen, zu langsam, zu wenig körperlich, zu wenig professionalisiert zu sein, um als Spitzensport ernst genommen zu werden. Doch in diesem Jahr scheinen solche Einwände schneller wegzuschmelzen als ein Eis am Stiel in dieser Rekordhitze“, kommentierte die Süddeutsche Zeitung (€) und bezog auch die Berichterstattung in ihre Begeisterung mit ein: „Dass etwa seit einigen Jahren Frauen im Fernsehen Männerspiele kommentieren oder als Expertinnen bewerten, normalisiert deren Anwesenheit im Sport auch für die stursten Chauvinisten.“

Die Realität des Alltags sieht freilich nach wie vor etwas anders aus. So sind die Wutwellen in der Anonymität sozialer Netzwerke gegen Fußball-Kommentatorinnen noch immer eher Regel denn Ausnahme. Dabei nehmen Frauen garantiert Männern im Sportjournalismus keinen Job weg, der weibliche Anteil in unserem Beruf liegt seit Jahren konstant bei kümmerlichen zehn Prozent. Eigentlich ein Armutszeugnis für alle (männlichen) Beteiligten.

Barrieren sind für Frauen in Medienbranche nach wie vor hoch

Dabei ist das Potenzial genauso vorhanden wie in allen anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Ich selbst konnte mir davon vor einiger Zeit ein Bild machen, als ich ein Seminar zum Sportjournalismus vor ausschließlich Volontärinnen geben durfte. Alle waren engagiert und kompetent. Sie brachten auch sonst die Voraussetzungen für eine Laufbahn in unserem Beruf mit.

Ob sie aber auf diese Karte in Zukunft setzen werden, wussten alle noch nicht. Konservative Geschäftsführungen und männerdominierte Redaktionsleitungen sind zwar komplett aus der Zeit gefallen, gerade in kleineren Verlagshäusern aber noch immer traurige Realität. Und auch sonst sind die Barrieren nach wie vor hoch (Foto Frau mit Kinderwagen: GES-Sportfoto/Oliver Hurst/augenklick).

Das liegt vor allem an strukturellen Problemen. Eine Untersuchung der TU München nannte vor eineinhalb Jahren als Hauptgründe für die geringe Frauenquote im Sportjournalismus die schlechte Vereinbarkeit mit Ehe/Beziehung und/oder Familie (62,9 Prozent), die Dominanz der (Männer-)Fußballberichterstattung (52,8 Prozent), den fehlenden Mut der Ressortleiter, Verleger und/oder Senderchefs, mehr Frauen einzustellen (43,4 Prozent) sowie das geringe Interesse von Frauen, in einem von Männern dominierten Berufsfeld zu arbeiten (38,5 Prozent).

Härten lassen sich dank Homeoffice und kreativer Dienstplanung abschwächen

Hier läge es schon im eigenen Interesse an uns allen, zumindest auf eine Reduzierung dieser Faktoren aktiv hinzuwirken. Natürlich sind Spät- und Wochenenddienste in diesem Job Pflicht, aber einige Härten könnte man sicher dank neuer Möglichkeiten im Homeoffice und kreativer Dienstplanung deutlich abschwächen.

Und vermutlich müssen gerade die Herren der Schöpfung dafür sorgen, dass der Sportjournalismus noch mehr aus seiner testosteron-gesteuerten Altherren-Ecke herauskommt, so dass im besten Fall eine Art „Willkommenskultur“ für Sportjournalistinnen entsteht.

Die Hoffnung, den die Frauen-EM nicht nur im sportlichen Bereich gemacht hat, sollte auch als Aufbruchsignal verstanden und genutzt werden für mehr Frauenpower in unserem Beruf und im VDS. Denn davon würden alle Seiten profitieren.

Herzliche Grüße, Martin Volkmar
(Beisitzer im VDS-Präsidium und 1. Sprecher des Arbeitskreises Online-Journalismus)

02.08.2022






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