Podcast-Boom
Szene Radio-Interview (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Das modernere Radio

Das Internet-Radio ist in. Die Nutzerzahlen steigen kontinuierlich. Für die Medienunternehmen bieten sich dadurch neue Geschäftsfelder.

Von Gregor Derichs

Was hat Amazon mit der Fußball-Bundesliga zu tun? Der Online-Händler bringt ab der Saison 2017/2018 alle Spiele live – als Radioübertragung im Internet. Amazon hat von der Deutschen Fußball Liga die Netcast-Rechte erworben, damit Sport1 abgelöst, und wird Live-Übertragungen aller 617 Spiele der 1. und 2. Bundesliga, des Supercups und der Relegationsspiele über das Internet als weiteren Vorteil für Abonnenten seines Spezialdienstes Prime und zusätzlich im Rahmen seines Streamingangebots Music Unlimited anbieten. Damit wird die Audioübertragung der Spiele kostenpflichtig.

Das gute alte Radio, das scheinbar für das Netz wenig geeignet schien, erfährt auch mit dem Eintritt des Onlinekaufhauses in den Sportrechtemarkt – gekauft wurden die Rechte für vier Jahre – eine neue Blüte als Podcast. Radio hat trotz der Verwerfungen im Medienbusiness immer weiter funktioniert. Einbrüche blieben aus, viele Leute schätzen Infos und/oder Musik beim Autofahren oder morgens nach dem Aufstehen als Geräuschkulisse. Aber Podcast ist mehr als Radio.

„Deutschland wird zum Podcast-Land“, schrieb der Branchendienst Meedia vor einigen Wochen. Ein vor zwei, drei Jahren einsetzender Trend wächst sich offenbar zum Boom aus. Im Jahr 2016 haben 40 Prozent der User mindestens einmal in der Woche Audios gehört, vor allem bei jüngeren Leuten, also den Hauptnutzern von Streamingdiensten wie iTunes, Spotify und Deezer, steht das Podcast-Hören hoch im Kurs.

Journalistisch sind Podcasts sehr gut geeignet, um Reportagen, Interviews, Features, News und Fakten in einen Audiostream zu verwandeln. Sie sind einfacher und schneller herzustellen als vertonte Videos. O-Töne oder Kurzinterviews machen Podcasts authentisch. Laut einer ARD-Studie hören mittlerweile etwa 1,3 Millionen Deutsche mindestens einmal am Tag Podcasts. Die ARD hat angekündigt, noch in diesem Sommer eine App, die ARD Audiothek, zu launchen, in dem das Beste aus den Hörfunkprogrammen ihrer Sender und des Deutschlandradios zeitversetzt abgerufen werden kann.

Dieses Angebot macht deutlich, dass sich Podcasts besonders gut über das ideale Abspielgerät Smartphones konsumieren lassen – beiläufiger als Videos. Das ist wahrscheinlich der Grund für die wachsende Popularität von Radio on demand. Man bekommt nur was auf die Ohren, die Augen werden nicht abgelenkt. Die Werbebranche ist ganz verrückt danach, weil es neue Marketing-Möglichkeiten bietet. Podcasts werden auch schon von Unternehmen und einzelnen Personen mit großem Erfolg im Internet verbreitet. Apps wie Anchor, AudioBoom und Soundcloud bündeln Podcast-Angebote und organisieren so eine größere Usergemeinde. Es gibt bereits deutschsprachige Podcast-Blogs, die von über 100.000 Nutzern angesteuert werden.

„Alexa, bitte spiele Bayern München gegen Bayer Leverkusen vor“

Dass die neue Podcast-Welt auch dem klassischen Radio die Hörerschaft abspenstig machen könnte, so wie Netflix den traditionellen TV-Sendern zusetzt, ist durchaus möglich. Podcasts bieten als das modernere Radio auch Printverlagen gute Chancen, ihr Netzangebot attraktiver zu gestalten. Aber deutsche Zeitungen und Zeitschriften sind anders als viele Zeitungsredaktionen in den USA noch nicht auf den Zug aufgesprungen, abgesehen von Bild mit dem Format Daily.

Der Begriff Podcast, entstanden aus der Abkürzung für Broadcasting (englisch Rundfunk) und Pod (Speichermedium), schließt Video eigentlich ein. Experten sind sich sicher, dass Amazon eines Tages auch die Bewegtbildrechte ins Visier nimmt. Vorerst geht es mit der Bundesliga und dem kurzfristig auch noch dazu gekauften DFB-Pokal aber um Audio, mit einem eigens gebildeten Redaktionsteam. Die Hör-Bundesliga passt ideal zum Hausprodukt Echo, dem Lautsprecher, der per Stimme gesteuert wird. „Alexa, bitte spiele Bayern München gegen Bayer Leverkusen vor.“

Dieseser Artikel stammt aus der Ausgabe August/September 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen. Weitere Informationen zu Podcasts gibt es in einer mehrteiligen sportjournalist-Serie (Teil I und Teil II und Teil III).

16.08.2017






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