Es war ein wunderschöner Sommerabend auf der Dachterrasse. Du hattest zusammen mit Sylvia Nachbarn und Freunde eingeladen, die eines gemeinsam haben: die Liebe zu Brasilien. Deine zweite Heimat, Herkunftsland deiner Frau. Dort wolltet ihr in wenigen Wochen euer Domizil bis Dezember beziehen. Rio, die Hochhauswohnung im Stadtteil Ipanema: der unverstellte Blick auf die Skyline, gekrönt von Corcovado und Zuckerhut. Die Vorfreude auf die Reise war euch förmlich anzusehen. Nun ist jene weltberühmte Kulisse zum Ort geworden, wo du dein Leben verloren hast. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass das Schicksal so grausam sein kann.
Meine Erinnerungen an dich, sie überfluten mich in diesen Herbsttagen und finden viele Anknüpfungspunkte: junge und frische wie jene Party in der Mainzer Oberstadt, aber auch sehr alte, nur vorläufig verdrängte. Letztere datieren aus dem Jahr 1993, also vor 33 Jahren. Du hattest dich als neues ZDF-Redaktionsmitglied beworben für das Team, welches über die Alpine Ski-WM berichten sollte – und warst doch „nur“ bei den Nordischen gelandet, die ihre besten Langläufer im schwedischen Falun kürten. Als hervorragender Abfahrtsläufer, der im Harz seine ersten Schwünge auf Schnee machte, magst du das ein wenig als Almosen betrachtet haben (Leissl/Pfeffer-Foto: privat).
1999 warst du längst bei deinen Alpinen gelandet. Da fielst du in der Höhe von Vail (Colorado) auf der Tiefschnee-Abfahrt in Ohnmacht. Nach allem was du davon berichtet hast, war dies ein Moment, wo dein Leben schon einmal akut gefährdet war. Sport-Unfälle haben dich immer schon begleitet. Nicht zuletzt auch ein paar Stürze auf unseren gemeinsamen Radtouren. Doch wie ein Stehaufmännchen hast du dich immer davon erholt. „Immer“, bis zu jenem fatalen Moment in der Brandung vor Rio. Hast du, lieber Michael, in deiner Risikobereitschaft, ja deinem Tempowahn, das Schicksal ein wenig zu sehr herausgefordert? Ein Mittsechziger als Liebhaber rasanter Sportarten wie dem Kite-Surfen, dem Inline-Skaten oder dem Radfahren. Rio – ein ideales Revier für dergleichen: Sonne, Strand und weiße Schaumkronen auf wilden Wellen.
Dort erlebte ich einen weiteren Wesenszug von dir: Michael, der weit über den Tellerrand des Sports blickende Zeitgenosse
13 Jahre, von 1998 bis 2011, bestanden die Sommer aus der Tour de France. Wir beide bildeten ein Duo bei diesem faszinierenden Sportereignis: gemeinsam in der Reporterkabine, aber auch im Auto, im Hotel, beim Abendessen – und nicht zuletzt bei morgendlichen Touren auf dem Fahrrad. In einem akkreditierten Fahrzeug ging es durch Frankreich, immer dem Peloton hinterher (oder besser: knapp voraus). Dort erlebte ich einen weiteren Wesenszug von dir: Michael, der vielseitig interessierte Zeitgenosse, weit über den Tellerrand des Sports blickend, ein weltoffener Typ, der die französische Kultur in sich aufsog. Und das, obwohl, oder gerade weil du kein Französisch sprachst.
Du hast viel gesehen von der Welt, weil du immer neugierig bliebst. Zuletzt hast du mit Sylvia Italien erkundet, bis zur Stiefelspitze hinab. Du kanntest Regionen, die noch Geheimtipps sind, wie das kleine Georgien am Kaukasus. Viele neue Ziele warteten auf dich und deine Familie – auf Tochter Clara, die dir als Journalistin beruflich folgt; auf Sohn Matteo, der als Weltreisender die Sport-Leidenschaft seines Vaters geerbt hat. Auf Gattin Sylvia, die mit ihrer Heimatstadt Rio immer den schmerzlichen Verlust verbinden wird. Sie alle werden schwer zu tragen haben. Unsere Gedanken sind bei ihnen. Und bei dir, lieber Michael, der du uns so unvermutet verlassen hast.