Thomas Böhme, 34, lebt in Langgöns bei Gießen und spielt Rollstuhl-Basketball für den RSV Lahn-Dill. Bei der deutschen Nationalmannschaft wurden er und Nico Dreimüller zuletzt Nachfolger als Kapitäne des heutigen Bundestrainers Jan Haller. Mit dem Nationalteam nahm Böhme an den Paralympics in London 2012, Rio de Janeiro 2016, Tokio 2021 und Paris 2024 teil. In Paris gewann er mit der deutschen Auswahl Bronze. Böhme sitzt im Rollstuhl, weil er mit einem offenen Rücken geboren wurde.
sportjournalist: Herr Böhme, am 6. März werden die Winter-Paralympics in Mailand und Cortina d'Ampezzo offiziell eröffnet. Wie werden Sie die Spiele beobachten?
Thomas Böhme: Ich werde sie von zu Hause aus so gut es geht bei den Übertragungen verfolgen. Das wird für mich allerdings nur eingeschränkt möglich sein, weil ich täglich stundenlang trainiere und am Wochenende Spiele habe. Aber wenn Zeit ist, werde ich schauen. Dabei werden sicherlich einige Erinnerungen hochkommen an meine eigenen Paralympics-Teilnahmen, allen voran an Paris 2024, als wir mit der Nationalmannschaft Bronze gewonnen haben.
sj: Was interessiert Sie bei Winter-Paralympics am meisten, und welchen Wintersport haben Sie vielleicht schon ausprobiert?
Böhme: Bevor ich so richtig mit dem Rollstuhl-Basketball angefangen habe, bin ich Ski gefahren, also Monoski. Das habe ich lange mit viel Freude gemacht. Ich bin immer mit der Familie in den Skiurlaub gefahren. Ich musste mich irgendwann entscheiden, ob ich Ski fahre oder Basketball spiele. Auch wegen der Verletzungsgefahr und aus Zeitmangel fahre ich jetzt nicht mehr. Aber weil ich das früher betrieben habe, interessiert mich Ski bei den Winter-Paralympics am meisten.
sj: Wie bewerten Sie, dass der Behindertensport meist nur während der Paralympics
sichtbar, sonst aber kaum über ihn berichtet wird?
Böhme: Das finden wir alle schade. Wenn das Highlight ansteht, ist die Aufmerksamkeit da, dann wird viel berichtet. Man merkt auch, dass die Leute sich dafür interessieren. Aber sobald das große Event vorbei ist, findet eine Berichterstattung wieder nur sehr sporadisch statt. Im Rollstuhl-Basketball ist es dann so, dass man sich alle Informationen selbst zusammensuchen muss. Für Leute, die nicht aktiv in dieser Bubble sind, wird es dann sehr schwierig, etwas mitzubekommen. Das ist schade, weil man ja auch sieht, welche Faszination die Paralympics auslösen. (Foto Böhme: sj/VDS)
sj: Wie wird denn beispielsweise berichtet, wenn Sie ein Ligaspiel haben?
Böhme: Bei uns in Wetzlar ist die Aufmerksamkeit noch vergleichsweise groß. Wir haben einen guten Zuspruch an Zuschauern, bei Topspielen sind mehr als 1000 Menschen in der Halle. Aber auch dann kommen nur Journalisten von der Lokalzeitung vorbei.
sj: Noch immer gibt es zuweilen eine Mitleidsberichterstattung. Was sind die typischen Fehler von Journalisten im Umgang mit Behindertensportlern?
Böhme: Immer wieder begegnet einem zum Beispiel die Aussage, dass ein Behindertensportler seinen Sport trotz seiner Behinderung ausübt, also in meinem Fall, dass ich Basketball spiele trotz Rollstuhl. Nein, ich mache meinen Sport nicht trotz, sondern schlicht mit meiner Behinderung. Und ich leide auch nicht an einer Behinderung, sondern ich lebe mit einer Behinderung.
sj: Was würden Sie Journalisten also empfehlen für die Berichterstattung?
Böhme: Das Wording sollte angepasst werden. Man sollte den Sportler nicht als Mensch mit Behinderung sehen, der einen Sport macht und eine Inspiration ist, sondern schlicht als Leistungssportler. Schließlich trainieren wir genauso viel wie jeder andere Leistungssportler, bringen genauso unsere Leistung und richten genauso unser gesamtes Leben auf den Sport aus. Das sollte man in der Berichterstattung ins Zentrum rücken, nicht die Behinderung.
sj: Was war Ihr unangenehmstes und angenehmstes Erlebnis mit Journalisten?
Böhme: Das kann ich gar nicht so konkret benennen. Generell ist es angenehm, wenn ein Gesprächsfluss entsteht und man als Sportler merkt, dass das Gegenüber vorbereitet ist, sich mit dem Thema beschäftigt hat und weiß, worüber man spricht. Es gibt leider auch immer wieder Journalisten, die planlos sind und bei denen man merkt, dass sie sich noch gar nicht mit etwas auseinandergesetzt haben. Das kann dann unangenehm sein.
sj: Stellen Sie auch fest, dass Journalisten ungelenk sind im Umgang mit
Behindertensportlern, nicht wissen, wie sie sich verhalten und mit Ihnen sprechen sollen, womöglich aus Berührungsängsten oder einer Übervorsicht heraus?
Böhme: Das ist generell in der Gesellschaft noch immer ein Problem, dass Berührungsängste bestehen oder die Leute nicht wissen, wie man etwas ansprechen soll. Aber ich glaube, wichtig ist der gemeinsame Dialog und nicht, auf diesen zu verzichten aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Das A und O ist, seinen Gegenüber einfach zu behandeln wie jeden anderen Sportler auch. Es ist auch ganz normal, dass man vielleicht mal etwas ungeschickt ist und etwas falsch macht, wenn man noch keine Berührungspunkte hatte. Aber das ist ja auch nicht schlimm, wenn man versucht, die Unbeholfenheit im Dialog anzugehen und zu überwinden. (Cover des Buchs von Thomas Böhme. Foto: screenshot sj/VDS)
sj: Sie haben ein teilweise autobiografisches Kinderbuch über einen jungen Rollstuhl-Basketballer namens Tommy geschrieben. Welche Erfahrungen als Autor haben Sie gemacht?
Böhme: Dabei wurden unterschiedliche Gedankenwelten sichtbar. Ein Beispiel: Weil es ein Kinderbuch ist, gibt es darin Illustrationen. Die Illustratorin lebt ohne Behinderung, und das hat man im Entstehungsprozess gemerkt. Sie hat Skizzen von dem Haus, in dem der Junge wohnt, mit Treppen vor dem Eingang angefertigt. Das hat mir gezeigt, dass sie noch keine Berührungspunkte mit dem Thema hatte und über kein Bewusstsein für das Leben mit einem Rollstuhl verfügt. Stufen sind für einen Jungen, der im Rollstuhl sitzt, ja ein großes Hindernis. Das Beispiel verdeutlicht, wie wichtig Dialog und Perspektivwechsel sind.
Thomas Böhme und Marcel Friedrich referierten zuletzt auch im VDS-Webinar mit dem Titel "Mutmacher Paralympics & Co. – Wie über Inklusion und Para-Sport angemessen berichten?" zum Thema. Eine Aufzeichnung finden Sie hier.