Bernd Linnhoff war Chefreporter Fußball beim SID und der dpa, ehe er 2008 nach Thailand auswanderte. Mit seinem Newsletter "Wir spielen mit!“ wagt er nun einen thematischen Spagat.
sportjournalist: Hallo Herr Linnhoff, wie lässt sich die WM in Ihrer thailändischen Wahlheimat an?
Bernd Linnhoff: Thailand ist ja nicht qualifiziert, das dürfte die Freude am Turnier ein wenig trüben. Und die meisten Spiele finden hier nachts statt. Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Stimmung in Deutschland gerade sehr niedergeschlagen ist, nicht nur bei den Älteren. Es ist ja paradox: Wir waren noch nie so vernetzt, aber die Einsamkeit steigt – auch weil die KI zusehends zwischenmenschliche Kontakte und Interaktion ersetzt.
sportjournalist: Und das färbt auf den Fußball ab?
Linnhoff: Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass der Fußball für viele gerade seine Magie verliert. Darunter auch für solche, die ihn früher mit Leidenschaft verfolgt haben. Das ist dann nicht immer ein radikaler Bruch. Man wirft ja auch sein Spielzeug nicht von einem Tag auf den anderen weg. Aber man legt es immer öfter in die Ecke. (Foto Linnhoff: privat)
sportjournalist: Und in solchen Zeiten kommen Sie mit einem neuen Newsletter um die Ecke.
Linnhoff: Genau deshalb. Wir wollen den aktuellen und den vergangenen Fußball ja nicht nur abbilden, sondern wohlwollend kritisch reflektieren, wie er heute ist. Ein Kollege sagte mir jüngst, unser Konzept sei retro. Ich sehe das anders, auch wenn wir gerne die alten Helden feiern.
sportjournalist: Zumal retro ja kein Schimpfwort sein muss. Sie waren Augenzeuge der Massenpanik im Brüsseler Heyselstadion, bei der 39 Menschen starben. Wie Sie darüber berichten, ist gerade im Rückblick ausgesprochen interessant.
Linnhoff: Das freut mich. Und ich glaube, auch dem Interview, das Kurt Röttgen für den ersten Newsletter mit Jupp Heynckes geführt hat, merkt man an, dass sich da zwei Menschen gut kennen. Jupp hat jedenfalls einiges an wirklich Neuem gesagt. Nur den Blick zurückzuwerfen, wäre mir ein zu schmaler Blickwinkel. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die das Spiel lieben, die vielleicht auch ihren Lieblingsklub haben, die aber über dessen Grenzen hinausblicken wollen. Und das mit journalistischem Anspruch. Zumal man ja auch durchaus die Entwicklung des Fußballs als Sport hinterfragen kann und muss.
sportjournalist: Wie meinen Sie das?
Linnhoff: Als langjähriger Liverpool-Fan hat es mich
zuletzt richtig mitgenommen, wie sich die Mannschaft selbst ihrer Stärken beraubt hat und den Heavy-Metal-Fußball, den ich mir so gerne angeschaut habe, beerdigt hat. (Screenshot Newsletter Wirspielenmit!: vds/sj)
sportjournalist: Und das geht nicht nur Fans der Reds so?
Linnhoff: Ich habe ja auch hier in Thailand diverse Pay-TV-Anbieter abonniert, und es kommt nicht selten vor, dass ich deutsche Zweitligaspiele anschaue. Aber oft erkenne ich dann nur an den Trikots, wer da gerade spielt, so ähnlich ist die Spielweise in der ganzen Liga. Auch dadurch könnte der Fußball ein Problem bekommen.
sportjournalist: Das müssen Sie erklären.
Linnhoff: Ich vermisse den Mut zum Risiko. Wenn Ballbesitz das dominante Element ist, ist das ja nur ein anderer Ausdruck für Kontrolle. Das passt dann nicht dazu, dass durch Social Media eine Erwartung geweckt wird, die der Fußball schon unter normalen Umständen nicht erfüllen kann – mit Risikominimierung aber erst recht nicht.
sportjournalist: Sie selbst schreiben bislang die meisten WSM-Beiträge. Überhaupt nehmen Sie den Ruhestand nicht allzu wörtlich, schon bald erscheint Ihr zweites Buch, das Sie als Pensionär geschrieben haben.
Linnhoff: Und das heißt "Der ewige Anfänger", weil Neugier immer ein zentrales Motiv in meinem Leben war. Ich kann einfach nicht nichts tun.
sportjournalist: Ein Ein-Mann-Projekt ist "Wir spielen mit" aber nicht, oder?
Linnhoff: Ohne Jan Skolik, der mir mit seiner IT-Firma sehr geholfen hat, wären wir noch in der Entwicklungsphase. Überhaupt war ich erstaunt, wie viele der alten Kontakte sofort wieder aktivierbar waren. Viele einstige Kollegen freuen sich, eine neue Plattform zu haben. Überhaupt gibt es ja nur drei Möglichkeiten zu antworten, wenn ich jemanden anrufe: keine Zeit, das Thema interessiert mich nicht, oder drittens: mache ich gerne. Schließlich kann ich erst einmal keine Honorare zahlen.
sportjournalist: "Mache ich gerne" hören Sie oft, hat man den Eindruck, Sie haben schließlich bereits zahlreiche Mitarbeiter.
Linnhoff: Ich finde das ganz logisch. Es gibt ja auch kein Verfallsdatum für Journalisten und Menschen, die sich eine gewisse Neugier bewahrt haben.
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