Interview mit DSV-Pressesprecher Ralph Eder

„Der Fußball droht viele Sportarten zu ersticken“

04.01.2023

Fußball-WM im Winter, immer weniger Kolleg*innen vor Ort. Ralph Eder, Pressesprecher des Deutschen Skiverbandes und VDS-Mitglied, erklärt, welche Probleme der DSV auch in der Medienarbeit zu meistern hat.

 

sportjournalist: Herr Eder, waren Sie erleichtert, als die Fußball-WM vorbei war?

Ralph Eder: Für den Wintersport kam sie jedenfalls zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, da wir traditionell im November starten und dabei von der Winterpause im Fußball oder in der Formel 1 profitieren. Für uns ist es wichtig, dass wir medial sichtbar sind, zumal für uns da die Möglichkeiten begrenzt sind. Wiir sind nun mal kein Ganzjahressport.

sj: Dann waren Sie sicher einer Meinung mit dem ehemaligen DFL-Geschäftsführer, Andreas Rettig, der fordert, dass sich der Fußball wieder an den Jahreszeiten orientieren soll – mit einer langen Winterpause.

Eder: Ja, das sehe ich genauso. Das würde auch den Fußballspielern guttun. Auch die müssen vernünftig regenerieren, um dann wieder englische Wochen bestreiten zu können.

sj: Sie sind derzeit nicht vom Glück verfolgt. Die Winter-WM im Fußball fand ausgerechnet im ersten Winter ohne massive Corona-Einschränkungen statt (Foto: GES-Sportfoto/Helge Prang/augenklick).

Eder: In der Pandemie stand das Leben in den Vereinen komplett still, und das wieder anzukurbeln, ist nicht leicht. Wir haben gerade alle Hände voll zu tun, junge Menschen wieder zum Skifahren zu bringen. Es gibt aber auch erfreuliche Nachrichten.

sj: Welche denn?

Eder: Die Rückmeldungen aus den Skigebieten sind extrem erfreulich. Und auch unsere Veranstaltungen sind sehr gut besucht. Das Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf war schon Wochen zuvor mit 25.000 Zuschauern ausverkauft. Man möchte offenbar wieder gemeinsam unterwegs sein, mitfiebern, Emotionen teilen.

sj: Solche Zuschauerzahlen, obwohl wir Medien immer weniger berichten? Wieder ein Beispiel, dass unsere Branche ihren Einfluss überschätzt?

Eder: Die Vor-Ort-Präsenz ist definitiv geringer als noch vor 20 Jahren, quantitativ hat sich die Berichterstattung aber nicht wesentlich verändert. Es gibt die langen Sporttage in ARD und ZDF, Abdrucke in den Printmedien sowie Reportagen und Berichte im Radio. Und wir haben durch Social-Media-Kanäle dazugewonnen, auch durch solche, die wir als Verband selbst bespielen.

sj: Der DSV ist ja sowieso für eine aktive Medienarbeit bekannt.

Eder: Wir versuchen, uns so eng wie möglich mit den Kolleginnen und Kollegen abzustimmen und darauf zu reagieren, was sie brauchen, um ihre Arbeit erledigen zu können. Dazu gehören auch die WhatsApp-Gruppen, in die wir zeitnah O-Töne von den Sportlern stellen. Und natürlich passiert das sehr schnell nach einem Wettkampf, weil wir natürlich wissen, unter welchem zeitlichen Druck sie stehen.

sj: Auch da haben sich die Zeiten offenbar geändert. Sich die O-Töne vom ausrichtenden Verband zu holen, entspricht nicht ganz dem journalistischen Ethos (Foto: sampics Photographie/Stefan Matzke/augenklick).

Eder: Mag sein, allerdings sprechen die Aktiven diese O-Töne selbst ein und in der Regel äußern sie sich dabei zu den ganz grundlegenden Fragen, die die meisten Kollegen definitiv auch gestellt hätten, wenn sie vor Ort wären: Wie geht es, wie lief das Training oder Rennen, ist die Verletzung auskuriert? Aber klar: Natürlich haben wir in letzter Konsequenz die DSV-Brille auf.

sj: Wie ist denn das Feedback von den Kolleginnen und Kollegen?

Eder: Positiv. Der unmittelbare Kontakt mit Athleten und Trainern ist möglich, nicht alles wird überarbeitet oder mit Worthülsen versehen. Skisport ist ein bodenständiger Sport. Ich kenne keinen Athleten, der von zwei Beratern flankiert aufkreuzt, wenn ein Interview ansteht.

sj: Ist es mittelfristig überhaupt möglich, im Schatten des Fußballs zu bestehen?

Eder: Der Fußball droht viele Sportarten zu ersticken, nicht nur uns. Allerdings: Wintersport hat eine große Tradition in Deutschland. Ich glaube, dass er eine große Chance hat, wenn er sich auf seine Kernzeit von Dezember bis März konzentriert. Und wenn es gelingt, da den Fußball weitestgehend rauszuhalten.

sj: Von den Versuchen, Wintersport als Ganzjahres-Event zu etablieren, halten Sie demnach nichts?

Eder: Nein. Gesellschaftlich gäbe es dafür keine Akzeptanz, wenn man im August auf künstlich hergestellten Pisten Skirennen austragen wollte.

Mit Ralph Eder sprach Christoph Ruf. Er arbeitet als Freelancer von Karlsruhe aus. Hier geht es zu Rufs Website.