Interview mit Tim Rausch

"Die Messlatte für Frauen liegt subjektiv höher"

03.06.2026

Kommentatorinnen werden schlechter bewertet als ihre Kollegen. Das belegt Tim Rauschs Masterarbeit "Faires Spiel? Geschlechtsstereotype bei der Publikums-Bewertung von Fußball-Kommentatoren". Thorsten Poppe hat mit ihm gesprochen.

 

Tim Rausch ist Volontär beim Solinger Tagblatt. Er studierte Journalistik im Bachelor und Master an der KU Eichstätt.

sportjournalist: Herr Rausch, Sie haben sich in Ihrer Masterarbeit mit einem Thema befasst, das die Gemüter in Fan-Foren und Sozialen Medien regelmäßig erhitzt: die Bewertung von Fußball-Kommentatorinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Was war der konkrete Auslöser für diese Untersuchung?

Tim Rausch: Der Auslöser war die Beobachtung, dass Kommentatorinnen oft mit einer Vehemenz kritisiert werden, die über das rein Fachliche hinauszugehen scheint. Ich wollte wissen: Werden Frauen im Fußball wirklich anders bewertet als Männer, selbst wenn sie exakt dasselbe sagen? In meiner Arbeit ging es nicht darum, eine endgültige Antwort für die gesamte Medienlandschaft zu finden. Vielmehr wollte ich durch qualitative Forschung Muster aufdecken. Man kann meine Ergebnisse als Impulse verstehen, die in einer breiteren, quantitativen Forschung weiter überprüft werden könnten.

sj: Sie haben ein spannendes Experiment durchgeführt, bei dem Sie die Probanden quasi "getäuscht" haben. Wie sah dieses Design aus?

Rausch: Genau, ich habe ein mehrstufiges Untersuchungsdesign entworfen. Als Basis diente die Viertelfinalpartie zwischen Deutschland und Spanien bei der EM 2024. Für eine Schlüsselszene – die Handspiel-Situation von Marc Cucurella – habe ich zwei Skripte geschrieben: Eines erfüllte alle Qualitätsmerkmale einer gelungenen Live-Kommentierung, das andere war bewusst mit Fehlern gespickt. Diese Texte wurden dann von Kai Esser und Luise Kropff eingesprochen. So entstanden vier Versionen: Ein Mann und eine Frau, die jeweils einmal "gut" und einmal "fehlerhaft“ kommentierten. Die 20 Teilnehmenden, eine bunte Mischung aus Jung und Alt mit hoher Fußballaffinität, wussten nicht, dass der Text identisch war. Sie sollten lediglich die Leistung bewerten. (Foto Tim Rausch: privat)

sj: Das ist der entscheidende Punkt: identische Texte, unterschiedliche Stimmen. Gab es bei der Wahrnehmung der Fachkompetenz signifikante Unterschiede, allein aufgrund des Geschlechts?

Rausch: Das war eine der zentralen Fragen. Ich habe abgefragt, wie die Qualität, die Stimme und eben das Fachwissen bewertet werden. Interessanterweise zeigen die ersten Rückmeldungen, dass bei Frauen oft genauer hingeschaut wird. Ein Klischee, das ich prüfen wollte, ist, dass Frauen Fehler weniger verziehen werden als Männern. Wenn ein Mann einen Fehler macht, wird das oft als Flüchtigkeit abgetan; bei einer Frau wird es schneller als mangelndes Fachwissen uminterpretiert. 

sj: Also kann man davon ausgehen, dass an Frauen andere Maßstäbe angelegt werden?

Rausch: In den Interviews mit den Probanden kamen sehr prägnante Aussagen zu Tage, die andeuten, dass die Messlatte für Frauen subjektiv oft höher liegt oder anders angelegt wird. Ein Beispiel: "Also die Kommentatorin bestärkt meine Meinung, dass Frauen meistens das nötige Wissen im Zusammenhang mit dem Fußballspiel fehlt" – so lautete die Bewertung einer Teilnehmerin bei der Befragung.

sj: In Ihrer Testgruppe war von 19-jährigen bis 82-jährigen Teilnehmenden alles dabei. Spielte das Alter eine Rolle dabei, wie "traditionell" die Erwartungen an einen Kommentator sind?

Rausch: Absolut. Mir war wichtig, dass die Gruppe nicht nur aus Studenten besteht, sondern die Gesellschaft widerspiegelt. Wir hatten zehn Männer und zehn Frauen, unterschiedlich in Bildung und Herkunft. Es lässt sich beobachten, dass bei älteren Semestern oft noch ein sehr klassisches Bild im Kopf ist: Der Fußball-Kommentator als männliche Autoritätsperson. Jüngere Generationen sind zwar offener, aber auch dort sind tiefsitzende Muster erkennbar. Die Bewertung der Stimme spielt hier eine riesige Rolle – oft wird die weibliche Stimme als "zu hoch" oder "emotional anstrengend" wahrgenommen, während die männliche Stimme fast automatisch als "kompetent" gesetzt ist, egal was inhaltlich passiert. 

sj: Was ist Ihr wichtigstes Fazit aus dieser Untersuchung für die Praxis in den Sportredaktionen?

Rausch: Mein Fazit ist, dass wir eine Sensibilisierung brauchen – sowohl auf Seiten der Sender als auch beim Publikum. Die Arbeit hat Muster innerer Geschlechtsstereotypen aufgezeigt. An vielen Stellen sah sich die Kommentatorin schärferer und persönlicherer Kritik ausgesetzt als ihr männlicher Kollege – obwohl sie ja den identischen Inhalt einsprach. Ich denke, dass sich diese Hypothesen in einer klassischen quantitativen Umfrage durchaus bestätigen lassen würden. Für den Anfang würde ich mich freuen, wenn ich durch meine Arbeit den Ball in dieser Konversation zumindest ins Rollen bringen könnte. Damit wir künftig auf das Fachliche und nicht auf das Geschlecht schauen.

Ein Webinar des VDS zum Thema mit Tim Rausch und Luise Kropff von der ARD-Sportschau können Sie hier abrufen.