Der hochkarätig besetzte Film "Adams Acht" zeigt das Leben des Rudertrainers Karl Adam, dessen "Goldachter" 1960 sensationell Olympiasieger wurde. VDS-Mitglied Dirk Klaus Andresen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem liberalen Pionier. Dabei war auch er schockiert, als er erfuhr, dass der schon früh in die SA eingetreten war.
sportjournalist: Herr Andresen, Sie wohnen in Ratzeburg, in der Stadt, in der Karl Adam jahrzehntelang gelebt hat. Kennt ihn dort denn jedes Schulkind?
Dirk Klaus Andresen: Vor kurzem hätte ich noch gesagt: Kaum eines kennt
ihn. Es gibt hier einen kleinen Karl-Adam-Weg, das war's. Karl Adam war auch hier über Jahrzehnte fast völlig in Vergessenheit geraten. Das hat sich jetzt aber gründlich geändert.
sj: Sie spielen auf den Film "Adams Acht" an, der am 21. August in Ratzeburg uraufgeführt wurde. Wie lief es?
Andresen: Das war schon beeindruckend. Die Premiere war in 20 Minuten ausverkauft, dann wurden sofort zwei weitere Vorführungen drangehängt, die ebenfalls schnell voll waren. Am Premierentag, etwas zeitversetzt, lief "Adams Acht" auch in Lübeck, wo er so begeistert aufgenommen wurde, dass die Leute nach der Vorführung applaudiert haben. So etwas habe ich in einem Kino noch nie erlebt. Der offizielle Filmstart ist am 17. September – in 400 Kinos gleichzeitig. Ich habe vor ein paar Tagen Rainer Kleinschmidt getroffen… (Foto Dirk Klaus Andresen: privat)
sj: ... der ehemalige Ruder-Bundestrainer lebte ebenfalls in Ratzeburg, hat Adam früher schon kennengelernt und gilt als Initiator des Filmes.
Andresen: Kleinschmidt hat Adam als 16-jähriger Schüler aus Minden interviewen dürfen und war sofort begeistert. Ihn habe ich gefragt, ob er jemals damit gerechnet habe, dass es mal einen Kinofilm über sein Idol geben würde. 43 Jahre hat er nicht daran geglaubt. Dann schob er an, was nun auf der Leinwand zu sehen ist.
sj: Sie selbst haben sich lange vor den Kino-Leuten intensiv mit seinem Leben beschäftigt und bereits 2012 das Buch "Karl Adam – der Vater des Deutschland-Achters" veröffentlicht. Was hat Sie denn so fasziniert an diesem Mann, der damals nur Ruder-Experten ein Begriff war?
Andresen: Karl Adam war ein unheimlich innovativer Mensch. Er hat völlig neue Trainingsmethoden eingeführt – beispielsweise das bis dato im Rudern unbekannte Intervalltraining – und hat den Rudersport auch mit seinem physikalischen Wissen und seiner Akribie auf ein völlig neues Niveau gehoben. Er hat seine Teams
beispielsweise häufig im Einer trainieren lassen, was natürlich belächelt wurde. Aber so hatten die Athleten ein ganz anderes Bootsgefühl. Als studierter Sport-, Mathe- und Physiklehrer haben ihm zudem vor allem seine physikalischen Kenntnisse unheimlich geholfen, gerade was die Hebelverhältnisse anbetraf. Das Macon-Ruderblatt, das Adam konzipiert hat und mit dem sein Team in Frankreich 1959 die Goldmedaille im Zweier ohne Steuermann und im Achter gewann, war kürzer und breiter. (Foto Karl Adam: picture alliance/Schreiner)
sj: Adam war auch einfach sehr erfolgreich, oder? Nachdem sein "Deutschland-Achter" 1960 in Rom völlig überraschend Olympia gewonnen hatte, siegten seine Boote im Grunde bis 1968 in jedem Rennen bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.
Andresen: Ja, genau, das allein wäre es eigentlich schon wert gewesen, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Aber je mehr ich über ihn gelesen und recherchiert habe, desto facettenreicher wurde mein Bild von ihm. Er war ein genialer Querkopf, aber auch ungeheuer liberal in seinen Ansichten und seiner Menschenführung. Er setzte auf die Eigenmotivation seiner Athleten: "Wer zu mir kommt, den brauche ich nicht mehr zu motivieren", sagte er beispielsweise. Dabei war zu Beginn meiner Recherche, als herauskam, dass er NSDAP-Mitglied war, mein spontaner Impuls, dass ich jetzt sofort aufhören kann, weil eben jede Erinnerung an ihn kontaminiert ist.
sj: Der Mann war nicht nur NSDAP-Mitglied, sondern bereits 1933 in die SA eingetreten.
Andresen: Ja, aber auch da lohnte der genauere Blick. Er ist nämlich nur ein halbes Jahr danach wieder aus der SA ausgetreten und ins Fliegerkorps gewechselt, bei der ersten Gelegenheit, die sich bot.
sj: Was nichts daran ändert, dass nur überzeugte Nationalsozialisten so früh in die
SA eingetreten sind. Wie konnte ein Mann, der angeblich liberal gesonnen war, das tun?
Andresen: Genau das habe ich mich natürlich auch gefragt. Ich bin dann auf zwei Bücher gestoßen, die sehr genau nachgezeichnet haben, wie im Wintersemester 1933/34 an der Uni Münster per Zwangsdekret tausende Studenten in die SA überführt wurden. Hätte er das abgelehnt, wäre er wohl sofort exmatrikuliert worden. Dass er später an der Napola, der Nationalpolitischen Lehranstalt in Bensberg, unterrichtet hat, war dann ein Karrieresprung für ihn, den er kaum ablehnen konnte. Die darf man übrigens nicht mit den NSDAP-Parteischulen verwechseln, in denen der fanatisierte Parteinachwuchs indoktriniert wurde. Aber ja: Es gibt Historiker, die es für plausibel halten, dass er in den frühen Dreißigern durchaus mit dem Regime sympathisiert hat. (Filmplakat Adams Acht, Foto: Majestic Film/vds)
sj: Die Biographie eines Widerstandskämpfers liest sich jedenfalls anders.
Andresen: Biographien wie seine gab es eben millionenfach im sogenannten Dritten Reich, das ist ja das Monströse. Klar ist, dass er nach 1945 ohne jeden Zweifel als überzeugter Demokrat gewirkt hat. Und das in seinem Beruf als Lehrer wie auch als Sportler und Trainer.
sj: Als Adam-Experte kennen Sie alle Verästelungen seines Lebens, ein Spielfilm muss hingegen nicht historisch exakt sein. Schauen Sie sich den Film an, in dem auch Stars wie Axel Milberg und Heino Ferch mitspielen?
Andresen: Ich habe ihn schon gesehen und kann ihn nur empfehlen. Es mag nicht jedes Detail stimmen, die Liebesgeschichte hat es so beispielsweise nicht gegeben. Aber er fängt die Zeit zwischen 1958 und 1960 prima ein und lebt von wirklich großartigen Schauspielern, bei denen es auf mich so gewirkt hat, als legten sie sich für "Adams Acht" ganz besonders ins Zeug. Oliver Masucci ist zudem ein großartiger Hauptdarsteller. Adams älteste Tochter sah ihn am Set und sagte spontan: "Der ist ja wie mein Vater."