Interview mit Alexander Steudel

"Es war, wie in einer Zeitmaschine zu sitzen"

04.11.2026

Alexander Steudel hat ein Buch mit den subjektiv besten Sport-Reportagen seit 1925 herausgegeben. Katrin Freiburghaus sprach mit ihm über Recherche damals und heute, über seinen Anspruch und die Auswahl der Texte.

 

Alex Steudel arbeitet als freier Journalist in Hamburg und hat die Anthologie "Die besten deutschen Sport-Reportagen aller Zeiten" mit 38 Texten von 1925 bis heute herausgegeben. Er war Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten, der Münchner Abendzeitung und Welt/WamS sowie Chefredakteur von Sport Bild und Fit for Fun.

sportjournalist: Herr Steudel, die besten Texte aus 100 Jahren auszuwählen ist ein hehrer Anspruch.

Alex Steudel: (lacht) Da merkt man ein bisschen, dass ich früher beim Boulevard gearbeitet habe. Für mich war die Mischung aus Rechercheaufwand und der Art, wie es geschrieben ist, entscheidend. Ob es wirklich die besten sind, ist subjektiv. Ich habe mir größere Sorgen darum gemacht, ob es bis auf ein paar Alibi-Geschichten ein Fußball-Buch wird, weil meine Erfahrung als Chefredakteur eindeutig war: Leserumfragen ergeben oft, dass sich mehr Handball oder Leichtathletik gewünscht wird, aber wenn man es dann macht, kauft es keiner, weil Fußball mit großem Abstand vorn ist. Letztlich war aber das Gegenteil der Fall. Die besten Reportagen kamen nicht zwingend aus dem Fußball, und es zeigte sich bei der Sichtung der Texte, dass wir früher nicht so fußballfixiert waren.

sj: Die Reportagen in Ihrem Buch sind alle zuvor erschienen, großteils ausgezeichnet und viel besprochen. Gibt es bei einem solchen Projekt Überraschungen?

Steudel: Ich habe gestaunt, wie viele Namen falsch geschrieben waren. Die Arbeitsweise war bei Ersterscheinung der meisten Texte ja eine völlig andere. Man hat sie zum Teil per Fernschreiber geschickt oder durchtelefoniert. Vor allem hatte man aber nichts zum Gegenrecherchieren, sondern stand mit dem Block da und hat schnell die Namen aufgeschrieben, die kein Korrektor überprüfen konnte. Ich habe die Kollegen kontaktiert und hatte Angst, dass jemand beleidigt ist, aber sie haben sich gefreut, dass ihre Texte jetzt mal mit den korrekten Namen erscheinen.

sj: Diesbezüglich sind Aktive und Vereine, die schon ab der Jugendakademie selbst alle Informationen online zur Verfügung stellen, eine Hilfe. Wie bewerten Sie diese Entwicklung insgesamt? (Foto Alexander Steudel: privat)

Steudel: Mir gefällt sie nicht. Sportler und Vereine produzieren die Nachrichten selber und ziehen sich ansonsten auf das zurück, was man im Fußball früher "englische Verhältnisse" genannt hat: Man kann niemanden direkt anrufen, es gibt kaum unmittelbaren Kontakt und während Turnieren keine Einzelgespräche. Journalisten bleibt häufig nur die Rolle, über das zu schreiben, was von den Beteiligten selbst herausgegeben wird. Das führt in letzter Konsequenz zu Deutungsjournalismus, wo der Unterschied zwischen Medien nur darin besteht, wie sie die Informationen, die alle haben, auslegen. Für Reportagen bedeutet das, dass sie immer seltener werden – weil sie nicht mehr umsetzbar sind.

sj: Dämpft das zu Viel an online verfügbaren Informationen die Bereitschaft, über einen langen Zeitraum zu recherchieren?

Steudel: Das glaube ich nicht, es gibt ja in vereinzelten Medien Langstrecken, wenn auch längst nicht mehr in derselben Größenordnung und Frequenz. Aber das liegt eher daran, dass sich Medien nicht leisten können oder wollen, was nicht zwingend notwendig ist. Früher musste man hingehen und mit den Leuten reden, bevor man etwas schreiben konnte. Heute bemüht man im Zweifel das Archiv und ruft noch jemanden an. Das ist vollkommen in Ordnung, aber kein Vergleich mit den Geschichten früher. Es ist weder Zeit noch Geld dafür da, Leute für ein Porträt einen Monat nach Südamerika zu schicken. Aber wenn man jemanden über Wochen begleitet hat, kann man Zwischentöne setzen. Je besser man sich auskennt, mit desto mehr Leichtigkeit gelingt das Schreiben, und das merkt man am Resultat.

sj: Wie war es, sich mit Texten zu umgeben, die eine andere Arbeitsweise spiegeln?

Steudel: Schön. Es war, wie in einer Zeitmaschine zu sitzen. Ich habe beim Lesen oft gedacht, wie toll das ist, aber gleichzeitig auch so weit weg. Denn für gedruckte Geschichten ist der Markt schlecht. Die Printauflagen gehen zurück, das lässt sich auch mit guter Qualität nicht umdrehen. Vielleicht gibt es noch mal ein Comeback, so wie Vinyl in der Musik. Aber es wird kein Vergleich zu früher sein.

sj: Was sagt es über 100 Jahre deutschen Sportjournalismus – und seine brancheninterne Rezeption – aus, wenn von 38 Texten weniger von Frauen als von Alexander Osang stammen?

Steudel: Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht, denn ich weiß ja, dass dort, wo ich früher unterwegs war, außer mir fast nur andere Männer waren. Es herrschte ein extremes Ungleichgewicht in den Sportredaktionen zwischen Männern und Frauen. In meiner weiteren beruflichen Laufbahn fand ich das Arbeiten in einer ausgeglichenen Redaktion angenehmer. Aber das Buch bildet historisch schon die realen Verhältnisse ab.