Interview mit Hajo Seppelt

"Ich empfinde es als Einschüchterungsversuche"

02.04.2026

Die ARD-Berichterstattung über die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft hat ein juristisches Nachspiel. Der Produzent und Autor Hajo Seppelt wirft dem Verband im Interview mit Marcel Grzanna "Abmahnlaune" vor.

 

sportjournalist: Herr Seppelt, der DESG-Präsident Matthias Große hat wegen Ihrer Berichterstattung rechtliche Schritte gegen die ARD angekündigt. Wie ist der Stand der Dinge?

Hajo Seppelt: Herr Große sagt, wir hätten nicht korrekt berichtet. Wir sehen es anders. Nun beschäftigen sich Juristen auf beiden Seiten damit.

sj: Große wirft Ihnen Lügen vor. Werden Sie Ihrerseits juristisch gegen diese Behauptung vorgehen?

Seppelt: Wir schauen, ob rote Linien in Wortwahl und Inhalt von Große überschritten werden. Aber primär konzentrieren wir uns auf unseren Job: die Recherche. Große und die DESG sind dagegen offenbar in "Abmahnlaune". Nicht nur wir kriegen Anwaltspost. Auch Berichte anderer Medien werden nun angegriffen.

sj: Ist es nur Wortklauberei?

Seppelt: Man kann den Eindruck haben. Ich empfinde es als Einschüchterungsversuche. Es geht oft nur um Nuancen, manchmal sieht es auch nach Nebelkerzen-Werfen aus. Etwa wenn die DESG Vorwürfe gegen Shorttracker zurückweist. Über die Sparte haben wir aber gar nicht berichtet. (Foto Matthias Große: picture alliance/dpa/Britta Pedersen)

sj: Wie sind Sie auf die Geschichte über Teilnahmegebühren und Teamkleidung gestoßen?

Seppelt: Wir haben seit langem Kontakte in den Eisschnelllauf. Kollege Jörg Mebus ist auf Verbandsdokumente und Athleten-Aussagen gestoßen, die nicht zu dem passen, was Große sagt.

sj: Große hat in den vergangenen Tagen lange Stellungnahmen veröffentlicht, die Ihre Berichterstattung angreifen. Hat er diese Argumentationen im Vorfeld Ihrer Veröffentlichung mit Ihnen geteilt?

Seppelt: Nein.

sj: Haben Sie ihn nicht gefragt?

Seppelt: Natürlich haben wir ihn vor Veröffentlichung kontaktiert und mit den Recherchen konfrontiert. Er hatte Zeit zu antworten, seine Position wäre in den Beitrag eingeflossen. Er reagierte nicht. Wir konnten daher nur im Bericht sagen, dass unsere Anfrage unbeantwortet blieb. Später kam die Post vom Anwalt.

sj: Hätte er Ihnen gegenüber im Vorfeld Stellung bezogen, wie er es jetzt getan hat, hätte das die Tonalität oder den Inhalt Ihrer Berichterstattung geändert?

Seppelt: Wir haben faktenbasiert die Lage so dargestellt, wie sie sich nach unseren Recherchen offenbarte. Die DESG-internen Papiere etwa zu Teilnahmegebühren und Bezuschussung von Teamkleidung sprechen eine klare Sprache. Hätte Große geantwortet, hätten wir seine Argumente – warum er die Sachlage anders interpretiert – selbstverständlich inkludiert, so wie es sein muss.

sj: Große plädiert für ein "Moratorium", das kritische, investigative Berichterstattung während der Olympischen Spiele ausschließen soll.

Seppelt: Die ARD berichtet bis zu 16 Stunden am Tag von Olympia. Es entspricht dem Programmauftrag, Hintergründe zu beleuchten. Dass ein Verbandspräsident nach Olympia auf einer Pressekonferenz – von der er ihm nicht genehme Journalisten mit Hausverbot fernhält – sinngemäß erklärt, er werde alles dafür tun, dass während Olympischer Spiele solche Beiträge nie wieder ins Fernsehen kommen, ist vielsagend. Große fügte wörtlich hinzu, seine Aussage sei "keine Drohung, das sei ein Versprechen". Es scheint sein Verständnis von Pressefreiheit zu sein.

sj: Große machte Ihnen auf der Pressekonferenz den Vorwurf, "alles kaputt" gemacht zu haben. Fühlen Sie sich schuld am schwachen Abschneiden deutscher Eisschnellläufer bei Olympia?

Seppelt: Es würde mich wundern, wenn ein Beitrag von wenigen Minuten über die Verbandsführung Leistungen von Athleten beeinflusst hätte. Wir bekamen vielmehr Zuspruch von Sportlern. Sie sagten uns, es sei gut, dass gerade dann, wenn viele Menschen zuschauen, auch solche Missstände aufgezeigt werden. (Foto Hajo Seppelt und Jörg Mebus: picture alliance/Matthias Koch)

sj: Werfen Sie sich in der Rückbetrachtung vor, etwas falsch gemacht zu haben?

Seppelt: Nein. Uns liegen zahlreiche Dokumente vor, die unsere Berichterstattung bis ins Detail stützen, etliche davon haben wir während und nach Olympia veröffentlicht. Jeder kann sich selbst ein Bild machen, warum wir wie berichtet haben. Immer mehr Zeugen bestätigen die Recherchen.

sj: Hatten Sie die veröffentlichten Inhalte mit Juristen vorab besprochen?

Seppelt: Wir berichten nicht einfach munter drauf los, sondern prüfen Inhalte mit Juristen vorab genau. Wir hatten übrigens während Olympia noch eine Recherche zur DESG laufen, die am Ende aber nicht publiziert wurde. Auch hier hatten wir die DESG konfrontiert, diesmal kamen sogar Antworten. Diese warfen aber so viele neue Fragen auf, dass wir auf eine Veröffentlichung erstmal verzichteten.

sj: Die ARD und Große haben ja eine Geschichte…

Seppelt: Das sehe ich nicht so. Wir haben auch früher nur bei Vorliegen belastbarer Informationen berichtet. Das gefiel nur einigen Eisschnelllauf-Protagonisten nicht. Es hat sich als richtig erwiesen, einige ihrer Darstellungen zu hinterfragen. Solche Recherchen machen wir unabhängig von Personen – auf vielen Feldern des Sports. Dass das manchen in den Verbänden nicht so recht ist, ist klar, wer lässt sich schon gern in die Karten schauen? Es sind halt unterschiedliche Interessenlagen.

sj: Sie erfahren seit Jahren immer wieder Gegenwind von Staaten, Verbänden oder Einzelpersonen für Ihre Arbeit. Raubt das Kraft oder ist das eine Energiequelle?

Seppelt: Es kann anstrengend und motivierend zugleich sein. Als ich in den 1980er-Jahren als junger Reporter in den Beruf einstieg, bekam ich eine erste Ahnung davon, wie weit Wunsch und Wirklichkeit im Sport auseinander klaffen. Mit den Jahren wurde mir immer klarer, wie oft uns Journalisten ein X für ein U vorgemacht wird. Später konnten wir belegen, wie Leistungen im großen Stil durch Doping manipuliert wurden, ich sah, wie hochgradig korrupt es in manchen Verbänden zuging. Diese andere Wirklichkeit zu zeigen, ist mir immer ein Anliegen gewesen, sie gehört nämlich zum Gesamtbild. Manche Vertreter des Sports machten daher lange einen Bogen um uns. Heute bekommen wir viel mehr positives Feedback. Immer mehr Informanten klopfen bei uns an.

sj: Für Ihre investigative Arbeit wurden Sie 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Empfinden Sie das als Genugtuung?

Seppelt: Ich empfinde dies als besonderes Zeichen der Wertschätzung. Auch Briefe erreichen uns, in denen Zuschauer schreiben, dass sie für diese Arbeit gern ihre Rundfunkgebühren zahlen. Das bewegt mich. Es ist das schönste Lob.