Interview mit Daniela Braun

"Lokalsport ist mehr als eine Ergebnisspalte"

03.06.2026

Daniela Braun ist Referentin der Geschäftsführung beim Verband Deutscher Lokalzeitungen und Lokalmedien, der jährlich den VELTINS-Lokalsportpreis vergibt. In die Zukunft des Lokalsports blickt sie im Gespräch mit Christoph Ruf optimistisch.

 

sportjournalist: Frau Braun, die Bundesliga ist zu Ende, die WM steht vor der Tür. Und mal wieder redet keiner über den Lokalsport. Frustrierend, oder?

Daniela Braun: Solche Großereignisse absorbieren natürlich einen großen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber gerade dann kann der Lokalsport eine wichtige Rolle spielen, indem er die lokale Ebene abbildet. Die Menschen verfolgen den Sport global, aber sie wollen dabei auch wissen, was bei ihnen vor der Haustür passiert.

sj: Die Rolle des Lokalsports ist es also in diesem Fall, die WM auf die kommunale Ebene herunterzubrechen?

Braun: Nicht nur das. Es gibt ja so viel mehr als Fußball und Co., über das man berichten kann. Der Blick hinter die Kulissen ist im Lokalen spannend und bekommt die Aufmerksamkeit vor Ort.

sj: Ist das so? Wir hören die Klage, dass das Lokale im Redaktionsalltag oft unterzugehen droht.

Braun: Das mag mancherorts so sein, aber das Herzstück der Zeitung bleibt das Lokale. Gerade in der Lokalsportberichterstattung sehen wir Jahr für Jahr beim VELTINS-Lokalsportpreis, welch enorme Vielfalt an Themen und Herangehensweisen vor Ort abgebildet wird. In ihrem Gewinnerbeitrag ("Nach dem Suizid ihres Mannes: Wie Katrin Beck zurück ins Leben läuft") zeigt Michaela Widder, wie der Sport Betroffenen Orientierung und Mut geben kann. Ein anderer Beitrag beschreibt einen Wettskandal in der Kreisliga und zeigt auf, was oberen Ligen droht. Gerade diese investigative Stärke des Lokalen ist noch nicht genügend im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Lokalsport ist ja weitaus mehr als eine Ergebnisspalte. (Foto Daniela Braun: privat)

sj: Und er hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

Braun: Oh ja, Bild- und Videoformate werden gerade im Lokalen immer wichtiger. Über den Amateursport wird ebenfalls zunehmend crossmedial berichtet. Es gibt immer mehr Podcasts mit jungen coolen Leuten, zuletzt hat mich ein Video-Feature über die U17-Mannschaft der Starbulls Rosenheim sehr beeindruckt.

sj: Sie schwärmen ja richtig. Es stimmt also nicht, dass der Lokalsport unter Druck geraten ist, weil er nicht genügend Klicks generiert, um die Sanierer zufriedenzustellen?

Braun: Das mag es vereinzelt geben, aber so pauschal lässt sich das nicht sagen. Entscheidend ist nicht nur die reine Klickzahl, sondern ob Inhalte in ihrer Gesamtheit relevant sind und Qualität liefern. Darüber hinaus findet der Content zunehmend auch in weiteren Angeboten der Medienhäuser statt. So entstehen Formate, mit denen junge Zielgruppen direkt erreicht werden. YouTube etwa ist für Roman Prokopenko und die Fuldaer Zeitung längst kein Experiment mehr, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell, mit dem Communitys und neue Erlösquellen parallel zum Print aufgebaut werden können.

sj: Welche Rolle spielt das Live-Streaming von Amateurspielen?

Braun: Das wird zusätzlich immer wichtiger und wird in der Regel vor Ort vom Nachwuchs produziert. Die Verlage berichten uns, dass auch deshalb das Interesse an Volontariaten wieder steigt. Viele junge Leute haben wieder Lust, sich multimedial ausbilden zu lassen. Das sind genau die Kolleginnen und Kollegen, die wir brauchen, um weiterzukommen. Und genau das haben auch die Verlage zunehmend begriffen.

sj: Die Zeit der Generationenkonflikte, in der die Jungen über die verknöcherten Alten und die wiederum über die ahnungslosen Jungen klagten, ist also vorbei?

Braun: Das zu behaupten, wäre übertrieben. Aber es bewegt sich etwas: Die Einsendungen beim VELTINS-Lokalsportpreis zeigen immerhin viele Beispiele guten Miteinanders.

sj: Trotzdem ist Journalismus unter Druck. Ihr Verband fordert die Prüfung des Luxemburger Modells, um Lokaljournalismus zu fördern. Was ist darunter zu verstehen?

Braun: Das Luxemburger Modell gilt als eines der transparentesten Systeme der Presseförderung, weil es nicht um Seitenumfang oder Druckkosten geht, sondern um journalistische Qualität und redaktionelle Beschäftigung. Bis 2031 stellt Luxemburg jährlich rund 10 Millionen Euro bereit, die durch unabhängige Institutionen vergeben werden. Ein solcher Ansatz könnte helfen, Arbeitsplätze im Lokaljournalismus und die publizistische Qualität zu sichern.