Interview mit Philipp Awounou

"Stereotype halten sich im Sport erstaunlich hartnäckig"

05.08.2026

Katrin Freiburghaus im Gespräch mit dem Medienmacher Philipp Awounou über Rassismuskritik, Wissenslücken und mediale Verantwortung. 

 

Philipp Awounou ist freier Journalist, Medienmacher und Autor der WDR-Dokumentation "Einigkeit und Recht und Vielfalt – Die Nationalmannschaft zwischen Rassismus und Identifikation". Für die ARD-Dokumentation "Spielfeld der Macht" reiste er vor der Fußball-WM der Männer mit Ingo Zamperoni durch die USA. Während der WM löste Ex-Profi und TV-Experte Bastian Schweinsteiger mit Äußerungen über das Team der Elfenbeinküste eine Rassismus-Debatte aus, die Awounou für Spiegel Online einordnete.

sportjournalist: Herr Awounou, Sie haben die Debatte um Bastian Schweinsteigers Äußerungen als vertane Chance kritisiert. Warum?

Philipp Awounou: Weil in erster Linie darüber diskutiert wurde, ob Bastian Schweinsteiger ein Rassist ist. Ist er natürlich nicht! Das führte, wie auch Gerald Asamoah in seinem starken Statement betonte, von Anfang an am Thema vorbei, weil es einen wichtigen Unterschied dazwischen gibt, ob jemand etwas rassistisch Konnotiertes gesagt hat oder ein ideologisch überzeugter Rassist ist. Diese beiden Vorwürfe zu vermischen, ist leider typisch und führt dazu, dass weniger über problematische Äußerungen und Denkweisen diskutiert wird als über Persönlichkeiten. Dieses Einzelfall-Hopping halte ich für nicht zielführend, weil es für Ermüdung statt Fortschritt sorgt. Bei der Flut von Meldungen, in denen es letztlich um die Person Bastian Schweinsteiger ging, lernte man kaum etwas über Rassismuskritik. (Foto Awounou: Jacques Zaunbrecher)

sj: Wie kann man es besser machen?

Awounou: Darauf habe ich keine perfekte Antwort. Was ich persönlich wichtig finde: Man sollte Hinweise auf rassistische Äußerungen oder Verhaltensweisen nicht als moralisches Todesurteil verstehen – und sie umgekehrt auch nicht so formulieren. Schließlich tragen die allermeisten von uns, inklusive mir selbst, problematische Denkweisen in uns, die wir als Gesellschaft über Generationen erlernt haben. Das hat meist nichts mit "bösen" individuellen Haltungen zu tun, sondern mit einem Mangel an Wissen oder Sensibilität. Unter dieser Prämisse sind produktive Debatten nach meiner Erfahrung absolut möglich. Leider fehlt in vielen Diskussionen genau dieses Verständnis, und daran sind wir Medien nicht unbeteiligt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Debatten nicht als Reichweitengenerator, sondern als etwas sehen, was wir gesellschaftlich ernst nehmen und präzise einordnen sollten. Natürlich funktioniert Empörung medienökonomisch sehr gut, aber gesellschaftspolitisch ist es Energie, die verpufft.

sj: Sie nennen den Ablauf der Debatte "typisch". Woher kommt die automatisierte Dynamik dahinter?

Awounou: Wenn Personen mit Rassismusvorwürfen konfrontiert sind, muss man das aus zwei Richtungen betrachten: Einerseits gibt es Abwehrreflexe, die teils nachvollziehbar sind, aber oft auch kritikwürdig. Andererseits gibt es auch Angriffsreflexe, bei denen sich auf eine Person gestürzt wird. Beides trägt nicht zum lösungsorientierten Diskurs bei, sondern polarisiert. Dabei gibt es genügend Leute, die sich produktiv mit Kritik auseinandersetzen wollen. Viele haben lediglich einen Wissensrückstand, und wir müssen verstehen, dass das nichts Schlimmes ist. Etwas anderes sind Menschen, die ignorant sind. Da kann man nicht gewinnen und sollte seine Kraft für diejenigen schonen, mit denen Austausch möglich ist.

sj: Was entgegnen Sie Menschen, die Debatten über Rassismus zu anstrengend finden?

Awounou: Viele Leute begreifen Sport als Zerstreuung und wollen ihn unbelastet lassen – auch Journalisten. Aber das ist das privilegierteste Argument, das man bringen kann. Menschen, die Rassismus betrifft, beschäftigt er zwangsläufig – und zwar in einer Form, die konkrete Auswirkungen auf ihr Leben hat. Sich damit zu befassen, ist also wirklich das Mindeste, was man von einer demokratischen Zivilgesellschaft erwarten darf.

sj: Gibt es bei der Sensibilisierung für Rassismus Fortschritte?

Awounou: Ja. Und obwohl wir gut darin sind, Fortschritte nicht zu sehen, weil uns die Probleme zu Recht immer noch stören, halte ich es für kontraproduktiv, das Narrativ zu bedienen, alles würde immer schlechter. Der Sportjournalismus ist in Bezug auf diskriminierungssensible Sprache deutlich weiter als vor 30 Jahren. Aber wir haben weiterhin problematische Strukturen, und der Sportjournalismus ist aus meiner Sicht im Vergleich zu anderen Ressorts hinten dran. Wir sehen vor allem bei internationalen Großevents, dass sich Stereotype im Sport erstaunlich hartnäckig halten. Das betrifft nicht nur Schwarze Athleten. Wir merken oft gar nicht, wie rassistisch konnotiert Berichterstattung auch über Südamerikaner oder asiatische Athleten aufgeladen ist. Das ist nicht sofort ein Riesenproblem, aber man darf es gerne hinterfragen. Gleiches gilt für die Berichterstattung über Frauen im Sport.

sj: Aber ist es nicht eher ein Rückschritt, wenn das immer wieder diskutiert werden muss?

Awounou: Nein. Der Fortschritt besteht darin, dass solche Debatten überhaupt geführt werden. Das ist das Wahrnehmungsparadox: Die Probleme sind nicht größer geworden, aber die Gruppe derer, die sie anspricht, ist sichtbarer. Sportjournalismus ist in puncto Rassismuskritik aufmerksamer als vor 30 Jahren. Aber eben weil er aufmerksamer ist, nehmen wir auch mehr Dinge als problematisch wahr. Die waren vorher schon genauso problematisch, es ist nur nicht aufgefallen. (Philipp Awounou in der NDR-Talkshow mit Ingo Zamperoni. Foto: sj/vds/NDR)

sj: Stimmt Sie das zuversichtlich?

Awounou: Vielleicht ist es Zweckoptimismus, aber ich bin Fan davon, Fortschritt anzuerkennen und gleichzeitig zu betonen, dass wir damit nicht am Ende der Reise sind. Es gibt Redaktionen, die das ernst nehmen. Es gibt Wandel. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es irgendwann zum Problem wird, dass er zu langsam ist, weil der Wandel am rechten Rand der Gesellschaft gefühlt schneller passiert.

sj: Würde es helfen, wenn Redaktionen personell diverser aufgestellt wären?

Awounou: Es kann helfen. Sportredaktionen sind noch immer sehr männlich und sehr weiß, auch wenn sie weiblicher und diverser werden. Aber Repräsentation ist keine Grundvoraussetzung für gute Berichterstattung in dem Bereich. Ich erwarte ja auch von mir, dass ich als Mann adäquat über Sportlerinnen berichten kann. Es gibt ein riesiges Angebot an Literatur und Workshops; man ist nicht auf migrantische KollegInnen angewiesen, um sich Expertise anzueignen. Gleichzeitig sollte klar sein, dass es nicht damit getan ist, dass man einen Schwarzen Journalisten einstellt.