sportjournalist: Die Kugelstoßerin Yemisi Mabry und der neue Bundestrainer Jürgen Klopp haben zuletzt eine Debatte über den Umgang der Medien mit Profisportlern angestoßen. Haben Athleten, Trainer, Funktionäre ein falsches Bild von der Rolle der Medien?
Holger Schmidt: Ich weiß nicht genau, ob es ein falsches Bild ist. Ich habe eher das Gefühl, dass es manchmal ein bisschen Unwissenheit mangels gegenseitiger Einblicke ist. Früher war das Verhältnis zwischen Sportlern oder Trainern und den Journalisten sicher enger, weil es weniger Journalisten gab, man sich besser kannte, auch mal Zeit hatte, sich nach einer Pressekonferenz zu unterhalten. Das ist jetzt nur noch ganz selten der Fall. Dazu kommt, dass rund um den Sportler viel mehr reguliert wird. Und bei den Medien geht es immer mehr um Clickbaiting. Das führt zu weniger gegenseitigem Verständnis.
sj: Da kommen Sie als Medien- und Kommunikationsberater ins Spiel…
Schmidt: Ich versuche natürlich, mit meiner Erfahrung als Journalist zu verbinden und zu erklären, manchmal auch ein Stück weit zu versöhnen. Wenn jemand glaubt,
es sei quasi journalistische Pflicht, positiv über ihn zu berichten, dann kläre ich das auf. Umgekehrt achte ich natürlich darauf, dass meine Partner fair von den Medien behandelt werden. (Foto Holger Schmidt: privat)
sj: Bleiben wir mal beim von Yemisi Mabry kritisierten Interview. Wie haben Sie das empfunden?
Schmidt: Die Fragen waren legitim, da muss man drüberstehen. Auf der anderen Seite fand ich die Aufregung über ihre Reaktion übertrieben. Sie hat das in dem Moment emotional so empfunden. Das ist völlig okay. Dass sie da vielleicht inhaltlich nicht ganz richtig gelegen hat, ist eine andere Sache. Trotzdem wollen wir diese Emotionen doch sehen. Ich ermutige meine Partner oft, Emotionen zu zeigen. Im Endeffekt formt es ja auch das Profil. Deshalb glaube ich, dass es ihr langfristig sogar eher nutzen wird als schadet.
sj: Jürgen Klopp hat es sicher nicht geholfen, wie er seine Ansprüche an die Medien formuliert hat…
Schmidt: Das war natürlich falsch. Auf der Pressekonferenz sollte eine Aufbruchstimmung vermittelt werden, aber die Kern-Botschaft lautete am Ende: Wenn das und das nicht so ist, haue ich wieder ab. Im Endeffekt wurde anschließend sehr viel darüber und weniger über seine anderen Aussagen gesprochen. Und das ist schwierig.
sj: Was hätten Sie Klopp geraten?
Schmidt: Ich gebe meinen Partnern immer Dos und Don'ts mit auf den Weg, lasse ihnen aber auch die größtmögliche Freiheit. Sie sollen mithilfe der Leitplanken das meiste auf ihre persönliche Art formulieren. Vorformulierte Sätze gibt es deshalb von mir nur in besonderen Fällen. Zu dem Thema, das dem Sportler, dem Trainer, dem Funktionär, am wichtigsten ist, suchen wir aber desöfteren einen prägnanten Satz, der das zusammenfasst und zur Überschrift taugt. Es ist aber wichtig, diesen
prägnantesten Satz nicht bei dem Thema zu setzen, das nicht die öffentliche Diskussion bestimmen soll. Aber das ist genau das, was Klopp hier getan hat. Hätte er gleich erzählt, dass seine Familie in England von Drohnen belagert wurde, hätte man es eher einordnen können. Der markante Satz wäre aber geblieben. (Foto Manuel Neuer und Journalisten: picture-allience/Bernd Feil)
sj: Was genau vermitteln Sie Sportlern, Trainern, Funktionären?
Schmidt: Ganz wichtig ist das Bewusstsein, dass ein Interview in den allermeisten Fällen keine lästige Pflicht ist, sondern eine Chance. Du hast dadurch auch immer die Möglichkeit, deine eigene Sichtweise darzustellen.
sj: Wie sieht die Vorbereitung auf ein Interview aus?
Schmidt: Ich rate oft dazu, sich etwas zu trauen. Denn wenn man nichts zu sagen hat, braucht man kein Interview zu geben. Lieber haust du im Gespräch fünf Sprüche raus, von denen wir bei der Autorisierung vielleicht einen wieder streichen. Aber dann ist das Interview immer noch gut. Wenn du dagegen eine Phrase nach der anderen drischst, erweckst du den Eindruck, ein langweiliger Mensch zu sein. Und das schadet dir im Endeffekt.
sj: Sie haben gesagt, ein Interview ist auch eine Chance für den Sportler. Aber sieht
der nicht in den Sozialen Medien die viel größere Chance, sich darzustellen?
Schmidt: Auf der einen Seite gibt es Dinge, die am besten über Social Media transportiert werden, weil es ungefiltert ist und du super schnell auf dem Markt bist. Trotzdem behaupte ich, und das hat nicht nur mit meiner journalistischen Prägung zu tun, dass unabhängige Medien ganz wichtig sind. Wenn du jedes Interview immer nur im vereinseigenen TV oder über die Sozialen Medien gibst, erreichst du einerseits immer nur dieselben Menschen, dieselbe Bubble. Und zweitens merkt man doch, wenn etwas komplett durchgestylt ist. Wenn man sich dagegen einem journalistischen Kreuzverhör stellt und sich behauptet, hat das eine viel größere Strahl- und Überzeugungskraft als ein steriler Post in den Sozialen Medien. (Kugelstoßerin Yemisi Mabry mit EM-Bronze. Foto: picture alliance/Torben Flatemersch)
sj: Es gibt viele sogenannte Field-Interviews, in denen vor allem Emotionen transportiert werden. Wenn es aber dann in Interviews außerhalb dieser Wettkämpfe kritische Fragen gibt, scheinen Sportler überrascht…
Schmidt: So extrem empfinde ich das nicht. Aber wenn es so ist, liegt es vielleicht oft an mangelnder Vorbereitung. Es ist auch meine Aufgabe, zusammen mit meinen Partnern zu überlegen, was auf sie zukommt, welche Fragen gestellt werden könnten. Dann kann sie wenig überraschen. Was ich nie mache, ist, den Journalisten Fragen zu verbieten. Es geht eher darum, sich vorher die bestmögliche Antwort auszudenken. Oder wenigstens zu betonen, dass und warum man nichts sagt. Und wenn ich partout über ein Thema nicht reden will, gibt man lieber in diesem Moment kein Interview.
sj: Woher kommt die Erwartungshaltung der Athleten, Kritik außen vor zu lassen?
Schmidt: Ich denke, in den Fällen von Mabry und Klopp lag es auch zu einem großen Teil daran, dass sie für die Nationalmannschaft unterwegs waren. Dort ist es etwas normaler, dass Journalisten parteiisch sind und man Unterstützung verspürt. Allerdings finde ich es schwierig, so etwas einzufordern. Wenn es schlecht läuft, hast du als Journalist trotzdem die Aufgabe, Missstände aufzuzeigen. Das tun viele ja auch. Problematisch wird es dann wieder, wenn es aufgrund der nationalen Bedeutung ins Gegenteil kippt.
sj: Also haben wir Medien auch dazu beigetragen, dass Sportler an uns den Anspruch haben, wir müssten einen positiven Beitrag leisten?
Schmidt: Natürlich besteht eine gewisse Abhängigkeit. Wenn dein Verein aufsteigt, wenn er international spielt, verkaufst du als Medium mehr Abos, hast mehr Online-Clicks. Das ist wichtig in Zeiten, in denen es den Verlagen, den Medienhäusern nicht so gut geht. Außerdem glaube ich, dass die meisten Journalisten lieber über Erfolge als über Niederlagen schreiben. Aber trotzdem ist diese Erwartung an sie falsch – und das muss man den Leuten vermitteln.