sportjournalist: Herr Balkausky, am 13. November erscheint eine sechsteilige Doku zum Thema Kinderdoping in der ARD-Mediathek. Worauf kann oder muss sich das Publikum einstellen?
Axel Balkausky: Ehrlich gesagt auf etwas Erschreckendes, das in dieser Form noch nicht gezeigt worden ist. Geschätzt gibt es weltweit mindestens zehn Millionen Minderjährige, die zum Teil systematisch mit Doping versorgt werden. Hajo Seppelt und sein Team haben sehr harte Fälle aufgedeckt, auch Todesfälle. Funktionäre betreiben das Kinderdoping mit, wie so oft schauen Verbände nicht hin oder weg. Das Thema ist ein ganz zentrales, weil das inakzeptabel ist. Es geht um Fälle in Deutschland und weltweit, auch in großen Ligen. Die Wünsche junger Menschen, im Sport erfolgreich zu sein, werden mit mafiösen Methoden ausgenutzt. Das zeigt, wie wichtig und relevant das Thema ist. Die Recherchen regen hoffentlich zum Nachdenken an und auch zum Handeln.
sj: Hajo Seppelt hat schon einmal eine Doku zum
Kinderdoping im DDR-Schwimmsport erstellt, 1999 kam auch ein Buch dazu heraus. Inwieweit knüpft die aktuelle Doku daran an?
Balkausky: Damals lag der Fokus auf dem DDR-Sport. Die damaligen Erkenntnisse spielen in der aktuellen Doku-Reihe eine Rolle, vor allem, was Doping anrichtet. Aber das Thema wird nun viel breiter gefasst. Es geht um die weltweiten Auswirkungen des Kinderdopings. (Axel Balkausky bei einer Podiumsdiskussion zur Handball-Bundesliga. Foto: picture alliance/dpa/Angelika Warmuth)
sj: Dafür haben Seppelt und sein Team sechs Jahre lang und in mehr als 50 Ländern recherchiert. Wie kann die ARD zum Schutz des Teams bei dieser gefährlichen Arbeit beitragen?
Balkausky: Der Schutz obliegt Hajo Seppelts Firma, wird aber von der ARD gedeckt. Das findet in Abstimmung statt, zum Teil auch mit dem Außenministerium. Da greifen mannigfaltige Mechanismen. Im Laufe der Jahre hat das Schutzbedürfnis zugenommen, vor allem bei größeren Auswirkungen der Recherchen. Es wurden auch schon Leibwächter für Hajo Seppelt eingesetzt.
sj: Mit solchen Produktionen sind hohe Kosten verbunden, zugleich soll gespart werden. Es ist vermutlich einfacher, Gelder für Fußball-Übertragungen freizugeben als für Doping-Dokus.
Balkausky: Es gibt eine Entwicklung über die vielen Jahre, in denen Hajo Seppelt für uns gearbeitet hat. Erst als freier Mitarbeiter, dann hat er seine eigene Firma gegründet. Und da hat sich die ARD immer sehr klar positioniert und gesagt: Das gehört zu uns. Gleichzeitig ist Hajo Seppelt genauso wenig ausgenommen von Sparmaßen wie alle anderen Bereiche. Es ist nicht so, dass wir ein Fußballspiel einsparen und dafür eine Doping-Dokumentation ermöglichen könnten. Gleichwohl finden wir immer wieder Lösungen, um derartige Recherchen zu ermöglichen.
sj: Wie viel schwieriger ist denn generell die Finanzierung aufwendiger Dokus geworden?
Balkausky: Etats und Budgets werden gekürzt, und zwar massiv. Wir merken, dass die politische Landschaft das verlangt von den Öffentlich-Rechtlichen. Es ist ein grundsätzlicher Trend, dass weniger Geld zur Verfügung
steht. Das haben wir in den vergangenen Jahren schmerzlich erfahren. Im Sport wurde das Budget deutlich reduziert. Und wir gehen davon aus, dass dieser Trend anhält.
sj: Die Einschalt- und Abrufquoten sind bei leichten Themen vermutlich höher. Die Reihe zum Kinderdoping läuft im linearen Fernsehen am 16. November erst ab 23.30 Uhr bis um kurz vor drei Uhr nachts. Werden die ARD-internen Widerstände bei solch wichtigen Themen größer?
Balkausky: Nein, das ist nicht so. Derartige Dokumentationen, besonders im Sport, sind vor allem dazu angelegt, dass sie die Menschen in unsere Mediathek führen. Wir merken ja, dass der Konsum des linearen Fernsehens abnimmt. Genau deshalb versuchen wir, in der Mediathek über spannende Inhalte Impulse zu setzen. Es bestehen intern überhaupt keine Schwierigkeiten, derartige Themen unterzubringen. Ganz im Gegenteil gibt es dafür bei der ARD eine große Offenheit. Gerade zu dieser Jahreszeit wird es aber schwieriger, frühere Sendeplätze zu finden, weil wir in Konkurrenz zu anderen Formaten stehen. Gleichzeitig glauben wir, dass wir über viele Maßnahmen den Weg in die Mediathek weisen können, zum Beispiel über Hinweise in Magazinen und Sportschau-Sendungen.
sj: Trotzdem könnte man bei einem deutlich breiteren Publikum ein Bewusstsein schaffen für eines der größten Verbrechen im Sport, wie die ARD selbst schreibt, wenn man die Doku zum Kinderdoping in der Primetime senden würde.
Balkausky: Wir zeigen eine große Zahl an Dokumentationen, die sich mit wesentlichen Themen für viele Menschen beschäftigen, zuletzt zum Beispiel zur Pflege. Deshalb gibt es in ganz vielen Ressorts die Frage: Wo können wir welches Stück unterbringen? Die Dokumentation zum Kinderdoping ist ohnehin nicht aufs lineare Fernsehen ausgelegt, sondern in erster Linie auf die Mediathek, allein schon wegen der umfangreichen Gesamtdauer der sechs Folgen.
sj: Wie wichtig ist Ihnen generell, derartige Doping-Recherchen zu stärken, die ja auch journalistische Vorzeigeprojekte sind?
Balkausky: Grundsätzlich ist das total wichtig. Das gilt insgesamt für Hintergrundthemen, die wir ja gerade auch rund um Sport-Großereignisse verstärkt senden. Aber auch unterjährig haben wir die beständig im Programm. Es gibt den klaren Beschluss der Sportchefinnen und Sportchefs, dass wir jeden Sonntag in der Sportschau ein Hintergrundstück bringen. Das kann nicht jede Woche investigativ sein, das ist kaum möglich. Und Doping ist natürlich nicht das einzige Thema in diesem Bereich. Die gesamte Hintergrundberichterstattung ist für uns ganz wichtig und wesentlich.
sj: Wie planen Sie die weitere Zusammenarbeit mit Hajo Seppelt und seinem Team, auch mit Blick auf kommende Sport-Großereignisse wie die Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles?
Balkausky: Das werden wir jetzt in Ruhe besprechen. Wir
werden neue Formen finden müssen, weil wir dem angesprochenen Spardruck unterliegen. Wir hoffen, dass wir weiterhin zusammenarbeiten werden. Dafür bedarf es, das auf unterschiedliche Beine zu stellen. Alleine im Sport ist es schwierig. Wir haben da sehr viel investiert, wie man an der Kinderdoping-Recherche sehen kann. (Foto Hajo Seppelt: EyeOpening Media)
sj: Sie sagen, Sie hoffen auf eine weitere Zusammenarbeit. Die ist demnach alles andere als sicher.
Balkausky: Naja, wenn wir Dinge verändern, müssen sich beide Seiten damit arrangieren. Ich kann ja jetzt nicht über Hajo Seppelt entscheiden. Dazu wird er sich selber äußern müssen. Aber klar ist: Wir wollen weiterhin mit Hajo Seppelt zusammenarbeiten.
sj: Noch kurz zu Ihnen: Ihr Vertrag läuft bis Ende 2028. Werden Sie dann nach 20 Jahren als Sportkoordinator der ARD in den Ruhestand gehen?
Balkausky: Beim Vertragsende werde ich fast 67 Jahre alt sein. Das ist ein Alter, in dem man sich verabschieden sollte. Man muss solche Führungspositionen räumen für jüngere Menschen mit anderen Ideen und einer anderen Herangehensweise. Man sollte die Plätze nicht blockieren. Ich habe dieses Amt seit 2009 ausgeübt. Irgendwann ist es auch gut und es sollten andere Impulse gesetzt werden. Ich glaube, dass ich genug gesetzt habe und ich hoffe, dass ich in den kommenden zwei Jahren auch noch gute Impulse setzen kann, bevor jemand anderes übernimmt.
sj: Was wollen Sie zurücklassen, was wünschen Sie sich als Ihr Vermächtnis?
Balkausky: Es freut mich, dass ich die Bedeutung des Sports in der ARD verändern konnte. Früher hat der Sport keine große Rolle gespielt. Sport ist ja weit mehr als ein 1:0. Das zeigen wir über die Hintergründe. Zudem hat Sport eine verbindende Kraft. Wenn ich mir ansehe, wie die Kräfte auseinandergehen in diesem Land, kann Sport auch wieder verbinden. Das ist für die ARD ein ganz wichtiger Faktor. Ich hoffe sehr, dass das bleibt und wir dem Sport in der ARD den Platz verschafft haben, der ihm auch gebührt. Nicht überbordend, in Teilen unterhaltend, aber als bindende Kraft in der Gesellschaft. Diesen Platz für den Sport zu erhalten, wäre ein schönes Vermächtnis.