Interview mit Karin Jäger

"Zum ersten Mal in meinem Leben Stille – purer Luxus"

03.12.2025

Olympiateilnehmerin, Sportjournalistin, heute Hüttenvermieterin: Mit Karin Jäger sprach Katrin Freiburghaus.

 

Karin Jäger war 29-fache deutsche Meisterin und dreimalige Olympiateilnehmerin im Skilanglauf. Eine Verletzung beendete ihre aktive Karriere, woraufhin Jäger die Seiten wechselte und zunächst eine Trainerausbildung absolvierte, dann aber auf (Sport-)Journalismus umschwenkte. Ihren Ruhestand verbringt sie als Hüttenvermieterin in Norwegen, wo sie einst tausende Trainingskilometer lief. Bevorzugter Status: im Winterwald.

Sportjournalist: Wie kommt man zu einer Touristenhütte in den Bergen von Lillehammer?

Karin Jäger: Ich habe zwei Hütten. Die erste hat nur ein Schlafzimmer, keine Winterstraße. Dort habe ich den ersten Winter verbracht und dachte: Mein Gott! Zum ersten Mal in meinem Leben Ruhe. Stille, kein Leistungsdruck, kein Zeitdruck – das war für mich der pure Luxus. Als deutsche Steuerzahlerin darf ich 180 Tage im Jahr im Ausland verbringen – die Winter über bin ich in Norwegen.

sj: Wie wurden Sie Vermieterin?

Karin Jäger: Unsichere Schneelagen und heiße Sommer in Mitteleuropa machen Norwegen für Urlaub mittlerweile perfekt. Deshalb habe ich 2023 eine zweite Hütte erworben. Sie hat auch direkten Loipenzugang, und es kommen Sportler aus Mitteleuropa, Gäste aus Kanada, den USA, den Niederlanden und Dänemark. Nur die norwegischen Party-Gesellschaften spare ich mir. Gruppen mieten hier zum Feiern am Wochenende traditionell Hütten an – da hat man hinterher eine Menge zu tun, das muss ich nicht haben. (Karin Jäger mit Hündin Fränzi – benannt nach der Schweizer Skirennläuferin Fränzi Aufdenblatten. Foto: privat)

sj: Sie kennen Lillehammer aus Ihrer aktiven Karriere...

Karin Jäger: Das kann man nicht vergleichen! Ende der 70er war es hier bitterkalt, der Wind pfiff über die Fußgängerzone und das Internationalste, was man bekam, war eine drei Wochen alte FAZ, um die wir uns dann im Trainingslager gestritten haben. Seit den Olympischen Spielen hat sich unheimlich viel getan.

sj: Auch den Alltag der Athletinnen kann man vermutlich nicht mehr vergleichen.

Karin Jäger: Ich war fünf Jahre als einzige Frau in einer Männermannschaft. Wenn der DSV die Fähre nach Norwegen gebucht hat, ging das nach dem Alphabet und da hatte ich halt mit Behle zusammen eine Kabine. Das war ganz normal, auch wenn bei Interviews ständig unterstellt wurde, ich müsse doch eine Affäre mit diesem oder jenem haben. Ich war immer Kumpel Karin, es ist nie was passiert. Aber das geht trotzdem nicht spurlos an einem vorbei, es hat dazu geführt, dass ich meine Weiblichkeit abgelehnt habe. Ich hatte eine Essstörung und Pullovergröße 50 an, um bloß nicht weiblich zu erscheinen.

sj: In Artikeln steht geschrieben, Sie seien "schwierig" gewesen. Würden Sie das revidieren?

Karin Jäger: Ich hätte einzigartig, gradlinig, unbestechlich gewählt. Manchmal reicht für "schwierig", dass es anderen zu anstrengend ist. Ich bin ein sensibler Mensch, aber man darf nicht sensibel sein, wenn man Olympia-Siegerin werden will. Ich hatte immensen Druck von zu Hause und habe von dieser Seite seit meiner Kindheit keinen Schutz erfahren. Deshalb war ich nervlich immer angespannter als viele andere. (Karin Jäger. Foto: privat)

sj: Wollten Sie das nie klarstellen?

Karin Jäger: Irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass sich mal jemand die Mühe macht, für einen Bericht zum Kern vorzudringen und die wahre Karin zu entdecken, aber das ist nicht passiert. Und je mehr man von sich preisgibt, desto angreifbarer ist man. Deshalb war ich später als Journalistin immer daran interessiert, den Menschen hinter einer Leistung zu sehen und darzustellen. Das klassische Reporter-Sein lag mir ohnehin nicht im Blut. Beim ARD- Hörfunk haben sie mich im Winter mit Thorsten vom Wege losgeschickt. Der war genial. Was der alles gleichzeitig sah und antizipieren konnte. Für mich, die ich 20 Jahre lang alleine geradeaus durch den Wald gelaufen war, war das Reportieren purer Stress.

sj: Was haben Sie neben Schnee und der Ruhe in Norwegen, was Sie andernorts nicht finden?

Karin Jäger: In Norwegen wollen Leute aktiv eine gute Nachbarschaft. Viele rufen an. Sie fragen, ob ich Hilfe brauche, ob sie das Wasser abstellen sollen, wenn der Frost kommt, oder jemand den Bauschutt mitnehmen soll. Ich bringe immer mal eine Flasche Gin mit und habe schon einigen ihren Urlaub geplant. Wenn Norweger ins Ausland fahren, wollen die alles sehen, was mit Skisport zu tun hat. Und dann kommen sie wieder, man sitzt zusammen beim Abendessen. Da ist eine menschliche Wärme zu spüren, die ich im Leben nicht hatte.