Ganz sicher ist das mein privates Thema, irgendwie. Als Nordlicht habe ich meine Probleme mit dem televisionären Wintersport-Overkill zwischen Bakken, Eiskanälen und Loipen in der dunklen Jahreszeit. Sowie dem ewigen Herbeigerede von Siegchancen oder mindestens "Treppchen"-Plätzen von deutschen Athletinnen und Athleten durch die Kollegen Kommentatoren – auch wenn nach jedem menschlichen Ermessen klar ist, dass XYZ nach dem ersten Sprung, dem Schießen oder dem Lauf gar keine Möglichkeit mehr hat, etwas zu erreichen, was die deutsche Sehnsucht nach Siegern erfüllt.
Und in knapp einem Monat beginnen die Olympischen Winterspiele.
Olympia ist die "harte Währung", die Sportler groß macht.
Im Gegensatz zu den inzwischen inflationär ausgetragenen Weltcups und Weltmeisterschaften. Da müsste doch auch beim norddeutschen Sportfan längst ein Kribbeln einsetzen und eine große Vorfreude. Aber irgendwie… Vielleicht kommt das ja noch. (Foto Hardt: privat)
220 Stunden live wollen ARD und ZDF im analogen Fernsehen übertragen, dazu rund 700 Stunden in Livestreams auf diversen Kanälen. Jedes End norwegischer Curler werden wir sehen können, jeden 360er kanadischer Snowboarder, jedes Einfädeln bayerischer Slalomläufer – oder auch deren Triumphe. Das wird sicher toll und die Begeisterung wird sich dann schon einstellen. Auch weil das Ganze ja in Europa stattfindet. Oder?
Doch. Mailand und Cortina d'Ampezzo sind die offiziellen Austragungsorte. In Mailand ist (Kunst-)Eis, in Cortina (Kunst-)Schnee. Beide Orte liegen rund 415 Kilometer voneinander entfernt. Ach so, und dann ist da unter anderem auch noch Antholz mit Biathlon. 60 Kilometer von Cortina weg. Ein Olympisches Zentrum, der Geist der Spiele, die Chance, dass Eiskunstläufer ihre Mannschaftskollegen in der Loipe anfeuern, das ist nicht mehr. Schon lange nicht. Aber anders wird es wohl nicht mehr gehen, insbesondere unter den Vorgaben von Nachhaltigkeit, Kosten und deshalb dem Nutzen von vorhandenen Sportstätten. Alles gut, richtig und nachvollziehbar – aber irgendwie fehlt dadurch auch ein wenig das speziell Olympische. Biathlon in Antholz ist schließlich jedes Jahr, Herren-Abfahrt in Bormio (205 km von Mailand entfernt) auch.
Vielleicht, vielleicht liegt es auch daran, dass sich Anfang Januar das Olympia-Feeling noch nicht so recht einstellt. Und die Sorge immer dabei ist, dass Italiens rechtskonservative Regierung das Event propagandistisch ausschlachten könnte.
Wobei – da wird in diesem Sportjahr 2026 sicher noch viel Schlimmeres auf uns zukommen, im Sommer. Wenn nämlich der Friedenspreisträger der FIFA versuchen wird, sich im Glanz der WM zu sonnen. Das alles kann nur ganz entsetzlich werden. Wir sind gespannt, wann sich der DFB mit Präsident Bernd Neuendorf zu den Verhältnissen in den USA und zur FIFA unter Gianni Infantino, Trumps Bruder im Geiste, äußert. Vor vier Jahren in Katar war der DFB in Bezug auf Menschenrechte ja ganz vorne dabei. Oder ist da inzwischen ein Sinneswandel eingekehrt, von wegen Fußball sei unpolitisch? Nicht, dass das abgelenkte Team wieder die K.o.-Runde verpasst!
Gerade steigt die Vorfreude auf Winter-Olympia doch. In diesem Sinne: Ein schönes Sportjahr 2026. Mögen alle Erwartungen nicht eintreten. Außer dem Ligaverbleib des HSV natürlich. Aber das ist ganz etwas anderes.
Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.