Das Fernsehen hat in der Fachsprache Sport immer mal wieder merkwürdige Umschreibungen auf Lager. So erfuhr man bei der Vierschanzen-Tournee, dass der Springer Philipp Raimund im Flug „auf den Ski warten“ muss, der Schweizer Sandro Hauswirth den rechten Ski in der Luft „ablegt“, Andy Wellinger auf den ersten Metern seines Fluges „überhaupt keinen Ski“ hat und der Norweger André Forfang „zu weit vom Bauch bleibt“. Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich.
Oder das Beispiel Fußball. Längst verschwunden im Gestern ist hier das alte „WM-System“ mit dem „Manndecker“, dem „Stopper“, dem „Außenläufer“ und dem „Halbstürmer“. Das moderne Spiel kennt dafür den „Zielspieler“, „Wandstürmer“ oder „Stoßstürmer“, der den Ball ins Tor „reinschädelt“. Und es gibt einen „Box-to-Box-Spieler“, der auf seinem langen Weg durch das „Übergewicht im Mittelfeld“ der „Doppel-Sechs“ begegnen kann, dem „hängenden Achter“ oder einem „wuselnden Zehner“ (Uhrig-Foto: VMS).
Sie alle sind angestellt in einem Verein, jeder „hat Vertrag“. Der schützt aber nicht davor, zum Verkauf „freigestellt“ und ausgelobt zu werden in einem „Transferfenster“ – auch so ein ganz spezielles Fachwort. Eine Vokabel, die für den Marktplatz im Profifußball steht, der gerade geöffnet ist, bis zum 2. Februar, Schlag Mitternacht. Alles muss raus, was zu teuer ist oder nicht „performt“ hat im Verein. Neue müssen rein. Deshalb ist jetzt reger Verkehr im Fenster, wer sollte von wem zu welchem Verein wechseln, ein hektisches Feilschen um Personen und Preise.
Mag sich nun ein Spieler dagegen auch noch so sehr wehren und heftig darauf hinweisen, mit diesem unter Fußballern ganz eigenen Deutsch: „Ich hab’ Vertrag!“. Dieses gegenseitige Abkommen ist „am Ende des Tages“ nichts gegen dieses Transferfenster, denn dort steht für jeden Profi ungeschrieben das einzig Wahre: In der Bundesliga ist der Mensch eine Ware.
Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text nutzen zu dürfen.