Kolumne "Hardt und herzlich"

Boah! Eine Frau!

06.05.2026

Marie-Louise Eta schlägt Hass entgegen. Anlass für Andreas Hardt, sich Gedanken über Qualität und Quote zu machen.

 

Timmy! Oder Hope, wie manche ihn auch nennen. Kein Thema hat in den letzten Wochen die deutsche Seele mehr berührt als der gestrandete Buckelwal vor der Insel Poel und der Versuch, ihn zu "retten". Iran, Benzin, Rentenreform, Kanzler-Absturz – Kleinkram. Timmy bläst, das war das Thema, das die Menschen berührte und emotionalisierte. Bis Marie-Louise Eta kam.

Boah! Eine Frau! Trainerin! Eines Fußball-Bundesligisten! Geht's noch?! Das Ausmaß der frauenfeindlichen Kommentare übertraf ja noch das leider zu erwartende. Und wird hier keinesfalls wiederholt. Und dann setzte der HSV Ende des Monats sogar noch einen drauf und entschied sich dafür, Kathleen Krüger als neue Sportvorständin (heißt das so?) zu verpflichten. Auch da: Volle Breitseite Hass, Verachtung und Dummheit, als hätte der FIFA-Friedenspreisträger diese Posts diktiert.

Man bekommt als Fan das Würgen, wenn man sich vorstellt, dass jemand mit solch einer Denke im Stadion neben einem steht. Dass so jemand dabei ist, wenn sich "wildfremde Menschen jubelnd in den Armen liegen". Nun ist das beim HSV ja nicht soooo oft der Fall, dennoch...

Die schweigende Mehrheit nimmt diese Personalentscheidungen zur Kenntnis: Spannend. Es geht ja um Qualifikation und nicht um das Geschlecht. Einerseits. Andererseits hat der Autor des Hamburger Abendblatts natürlich recht, wenn er schreibt: "Ziel muss es sein, über diese Thematik eines Tages keinen Kommentar mehr zu schreiben. Aber das ist noch nicht heute." (Foto Hardt: privat)

Bei Hamburgs größter Tageszeitung arbeitet übrigens keine Frau fest angestellt in der Sportredaktion. Was aber nicht an Ressentiments gegenüber Frauen liegt, sondern schlicht an fehlenden Bewerberinnen. Der Frauenanteil in Sportredaktionen liegt seit Jahren bei etwa zehn Prozent. In einer Studie von 2020 nannten mehr als die Hälfte der befragten Sportjournalistinnen die Dominanz des Fußballs als Grund für die geringe Präsenz im Sportressort. Mediensport sei primär Männerfußball und Männerfußball sei immer noch eine Männerdomäne.

Die Bemühungen vor allem im Fernsehen, Frauen bei der Fußballberichterstattung sichtbarer zu machen, sind im Gegenzug dazu ja offensichtlich. Im ZDF bilden Katrin Müller-Hohenstein und Martina Voss-Tecklenburg nicht selten ein exklusives Frauen-Duo in der Highlight-Sendung zur Königsklasse. Kolleginnen wie Esther Sedlacek und Lea Wagner haben sich längst durchgesetzt. Sie konnten ihr Können aber möglicherweise nur beweisen, weil sie den Spuren von Pionierinnen wie Sabine Töpperwien oder Monica Lierhaus folgen konnten.

Andererseits gibt es kein Expertenpanel rund um Champions-League-Spiele mehr, in denen nicht eine Ex-Nationalspielerin mit drei bis vier Männern diskutiert. Moderationen, On-Field-Interviews – eine Frau ist inzwischen in der Regel immer dabei. Und leider entsteht dabei nicht selten der Eindruck, das müsse so sein, um eine unausgesprochene Frauen-Quote zu erfüllen. Es fällt jedenfalls auf – und wahrscheinlich ist es richtig so.

Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) ist eine Anhängerin einer Quotenregelung überall im Leben, sie selbst wäre ohne diese nicht in die Politik gekommen. "In der Politik ist es genau so schrecklich, wie in der sonstigen Gesellschaft", erklärte sie auf einem Panel über Frauensport vor dem Frauen-Profigolfturnier in Winsen, "wir sind noch lange nicht so weit, dass Frauen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben."

Marie-Louise Eta und Kathleen Krüger haben diese nun. Auch weil sie das Glück haben, in ihren Klubs Entscheider ohne sexistische Blockaden im Kopf zu haben. Sie haben die Herausforderung angenommen, sich in einer Männerwelt zu beweisen. Und müssen damit rechnen, bei Misserfolg ebenso rausgeworfen zu werden wie ihre männlichen Kollegen. Vielleicht sogar schneller, denn dass Frauen besser sein müssen als Männer, um eine ähnliche Karriere zu machen, ist längst überall in der Wirtschaft bekannt. Und um nichts anderes handelt es sich ja im Profifußball.

Nun sind sie beide ins kalte Wasser geworfen und müssen schwimmen. Womit wir wieder bei Timmy wären. Mal sehen, wie wie das ausgeht.

 

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.