Gastbeitrag von Kevin Kühnert

Der Sportjournalismus sollte sich ernst nehmen

04.09.2026

Der ehemalige SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert ist leidenschaftlicher Fußball-Fan – und als solcher mit einem Sportjournalismus konfrontiert, der seiner Meinung nach zu wenig an sich selbst glaubt.  

 

Kevin Kühnert (37) leitet den Bereich Steuern, Verteilung und Lobbyismus bei der Bürgerbewegung Finanzwende, die für faire, stabile und nachhaltige Finanzmärkte kämpft. Vor seinem Wechsel zu Finanzwende war Kühnert 20 Jahre lang in der SPD aktiv, zuletzt als Generalsekretär (2021 bis 2024). Von 2021 bis 2025 war er direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für seinen Berliner Heimatbezirk Tempelhof-Schöneberg. In seiner Freizeit ist er häufig auf der Bielefelder Alm und in vielen anderen Fußballstadien im In- und Ausland anzutreffen.

Kürzlich war ich im Fußball-Podcast Brace zu Gast, der den Grenzbereich zwischen Kultur und Business auszuleuchten versucht. Dabei habe ich mit den Hosts auch kurz über Sportjournalismus gesprochen und wie ich diesen als regelmäßiger Leser, Hörer und Zuseher erlebe. Dem Wunsch des sportjournalist, meine dabei skizzierte Kritik noch einmal näher auszuführen, komme ich an dieser Stelle gerne nach.

Mag mein sportliches Interesse auch schier grenzenlos sein, so liegt mein besonderer Fokus als Mitglied und Dauerkarteninhaber bei Arminia Bielefeld auf der 2. Fußball-Bundesliga. Und da der Ligaverband es mit uns Fans gut meint und er sich um unsere Informationszugänge sorgt, zwingt er jeden Verein vor jedem einzelnen Spieltag per Richtlinie zu einer Pressekonferenz in Vorbereitung auf die anstehende Partie. (Kühnert-Foto: Finanzwende)

Zu diesem routinierten Austausch von Belanglosigkeiten kam es in der vergangenen Woche also auch beim 1. FC Heidenheim, wo sich zwischen Trainerurgestein Frank Schmidt und dem Journalisten Thomas Jentscher (Heidenheimer Zeitung) folgender Wortwechsel entwickelte:

Schmidt: "Und Thomas, wir arbeiten so lange zusammen: Wann schau ich das erste Mal auf die Tabelle?" Jentscher: "Zehnten!" Schmidt: "Richtig! Nach acht bis zehn Spieltagen."

Wir ahnen danach, Jentscher könnte ein kundiger und erfahrener Sportjournalist sein, der den 1. FCH und seinen Trainer wirklich gut kennt. Leider ahnen wir aber auch, dass sich bei Frank Schmidt über die Jahre ein Missverständnis eingeschlichen hat: Er hält die Befragung durch Journalisten für eine Form der Zusammenarbeit.

Manche mögen das für eine sprachliche Ungenauigkeit halten, für eine unbedachte Formulierung. Als aufmerksamer und regelmäßiger Zuschauer erlebe ich es jedoch anders. Die Zwänge und Mechanismen des kommerziellen Profisports auf der einen und die Nöte eines um seine Zukunft kämpfenden Sport- und Lokaljournalismus auf der anderen Seite haben einen Prozess befeuert, der mich als Leser, Hörer, Zuseher und Fan regelmäßig zum Verlierer werden lässt. Denn was Frank Schmidt ausspricht, ist landauf, landab zur Normalität geworden.

Über den mich interessierenden Sport berichtet heutzutage eine immer größere Gruppe von Influencern, Streamern, Podcastern, "Experten" und exklusiven Lizenzinhabern. Wer daneben für traditionelle Medien noch relevante Berichterstattung anbieten möchte, ist auf gute persönliche Kontakte und regelmäßige Möglichkeiten zur Befragung angewiesen. Ich erkenne dieses Dilemma vollumfänglich an. Und ich möchte auch nicht tauschen.

Die Ängstlichkeit und mitunter gar Unterwürfigkeit, die ich bei Pressekonferenzen immer häufiger sehen und hören muss, die empfinde ich allerdings als würdelos. Wenn sich Klub-TV und Lokalzeitung regelmäßig nicht mehr in ihrer Fragestellung unterscheiden und jeder jeden duzt, dann scheint die journalistische Selbstachtung verloren gegangen zu sein und damit der Anspruch, mich bestmöglich zu informieren. (Kevin Kühnert, r., auf der Bielefelder Alm. Foto: picture-alliance/dpa/Friso Gentsch)

Seit bald einem Jahrzehnt habe ich nahezu täglich mit (Politik-)Journalismus zu tun und in dieser Zeit hunderte Interviews gegeben und Pressekonferenzen abgehalten. Niemals hat ein Journalist mich bei einer Pressekonferenz geduzt. Und niemals hätte ich dort per Du geantwortet. Nicht, weil es irgendwo festgeschrieben stünde. Und auch nicht, weil ich mit keinem Journalisten per Du wäre – bei manchen hat es sich mit der Zeit ergeben. So weit, so menschlich.

Wir sind im förmlichen Rahmen einer Pressekonferenz deshalb konsequent beim "Sie", weil es Ernsthaftigkeit gegenüber der Sache ausdrückt, um die es geht. Wir begegnen uns dort nicht zum privaten Vergnügen, sondern in unserer jeweiligen Funktion, die wir repräsentieren dürfen. Das setzt eine innere Haltung voraus. Der eine spricht für eine Organisation, deren Mitglieder, Funktionäre und Ziele. Die anderen fragen für die interessierte Öffentlichkeit, die sich Erkenntnisse erhofft. Beide Gruppen haben den verständlichen Anspruch, dass ihre Interessen seriös vertreten werden.

Wer nun einwendet, dass man Pressekonferenzen in Politik oder Wirtschaft nicht ernsthaft mit denen vor einem Bundesligaspiel vergleichen kann, macht es sich deutlich zu leicht. Sport boomt, Fußball allemal. Millionen Stadionbesucher jedes Jahr, immer neue Mitgliederrekorde in den Klubs, nie dagewesene Umsatzzahlen und Transferbilanzen, ein exorbitanter Wirtschaftsfaktor für das ganze Land. Und dazu eine Aufmerksamkeit, so groß, dass sie gesamtgesellschaftliche Debatten auslösen kann: über Kommerzalisierung, Homophobie oder öffentliche Glaubensbekenntnisse. Fußball ist mächtig. Und Macht braucht Kontrolle.

In seinen besten Momenten kann der Profifußball eine schier unbändige Kraft entfalten, Solidarität vermitteln und Menschen miteinander verbinden. Gerne feiern wir ihn dann dafür und berichten fasziniert. Doch im grauen Alltag der Trainingswochen und Ligaspiele behandeln ihn viele derjenigen, die das Privileg haben, sich beruflich mit ihm beschäftigen zu dürfen, so unernst wie eine neue Staffel DSDS mit Dieter Bohlen. Nein, man muss nicht alles im Leben so fürchterlich ernst nehmen. Aber sich selbst und die Aufgabe, die einem zugedacht ist, sollte man schon ernst nehmen.

Als Fan wünsche ich mir nicht etwa mehr Krawall und unversöhnliche Töne im Umgang mit Profis, Klubs und Verbänden. Ich erwarte jedoch den Versuch, schwierige Themen auch dann anzusprechen, wenn erfahrungsgemäß keine hilfreiche Antwort zu erwarten ist.

Natürlich weiß ich, dass die Verantwortlichen nicht gerne über steigende Ticketpreise, intransparente Eigentümerstrukturen, fragwürdige Sicherheitskonzepte, explodierende Kaderkosten, windige Sponsoren oder die irren Auswüchse des Beraterwesens sprechen. Sie tun es so ungern, wie der Regierungssprecher ungern über nationale Sicherheitslücken, steigende Politikergehälter oder die letzten Äußerungen des türkischen Staatspräsidenten spricht. In beiden Fällen ergeben sich daraus manchmal schmallippige Antworten oder gar indirekte Sanktionen in Form von verweigerten Interviews oder ähnlichem. Beides mag für die Fragenden unschön sein, aber es bringt das Publikum der Wahrheit näher. Der Volksmund weiß: Keine Antwort kann auch eine Antwort sein.

Ich wünsche mir einen Sportjournalismus, der in Form und Inhalt wieder deutlich macht, dass seine Loyalität mir als Leser (und Kunde) gilt. Denn wenn er dieses Versprechen einlösen kann, dann ist das sein unverkennbares Alleinstellungsmerkmal im großen digitalen Raum der Sender und Empfänger. Und in diesem Fall kann er auch mit meiner Loyalität und der vieler, vieler Fans rechnen, die wir bereit sind, innerhalb und außerhalb der Stadien deutlich die Stimme für unabhängigen und kritischen Journalismus zu erheben. Doch ich kann an diesen Journalismus nur glauben, wenn er auch selbst an sich glaubt.