Kolumne "Hardt und herzlich"

Deutungshoheit

31.07.2025

Filmchen zum Abschied, Filmchen zur Begrüßung. Andreas Hardt macht sich Gedanken über die zunehmende Einflussnahme der Vereine auf die öffentliche Wahrnehmung.

 

"Schee war's!" Ja, haben wir verstanden. Da sitzt also der Thomas Müller mit Vater Gerhard und Bruder Simon an der Isar und sinniert darüber, dass alles irgendwann einmal ein Ende hat.

Mit diesem Abschiedsvideo hat der Weltmeister von 2014 eine neue Kategorie eingeführt in die multimediale Transferwelt der Fußball-Bundesliga – und teilweise auch schon in anderen professionellen Sportligen. Nämlich das selbst produzierte Filmchen mit einer Botschaft an die Fans, das eben nicht vom alten Arbeitgeber editiert wurde. Da kann man dann auch schon mal eine traurige Enttäuschung über das Ende nach 25 Jahren FCB deutlich durchklingen lassen.

Müllers ehemaliger Arbeitgeber hatte zuvor bereits ein über 50-minütiges Video erstellt: "Danke für 25 Jahre, Thomas Müller." Großer Aufwand, ein Rückblick auch mit alten Aufnahmen noch aus der Zeit bei der zweiten Mannschaft. Dazu melancholische Klaviermusik und Müllers Erzählungen. Super, wertschätzend und bei FC BayernTV im Internet frei ansehbar. Auch für Nicht-Kunden, wie dieser Autor selbstverständlich einer ist. (Foto Hardt: privat)

Und am Ende des Films verlässt Müller die Arena, blickt sich noch einmal um, das Licht geht aus. "Merci, schee war's." Rührung, Gänsehaut, ein Meister der Kitschinszenierung aus der Rosamunde-Pilcher-Akademie für cineastische Schnulzerei hat da Regie geführt.

Aber passt schon. Die filmische Überinszenierung des Müller-Abgangs wird der Bedeutung des Spielers für seinen ehemaligen Verein sicher gerecht. Es ist angemessen, dass für die Nummer 25 größere Dimensionen im Genre der Klub-Videos geschaffen wurden.

Aber wann wurde eigentlich damit angefangen, dass insbesondere Neuzugänge in den Vereinsmedien im Bewegtbild vorgestellt werden? Mittlerweile ist es bei mindestens einem der Hamburger Bundesligisten ja so, dass eine Verpflichtung nicht veröffentlicht wird, bevor das Filmchen fertiggestellt ist, in dem der Neue auf dem Trainingsplatz ein paar mal den Ball hochhält – selbstverständlich im Trikot oder einem anderen Merch-Hemd –, und die Fans begrüßt, auf die er sich so sehr freut. Und wie besonders der Klub ist, das Stadion, und, und, und.

Bei dem ganz offensichtlichen Bemühen der Bundesligisten, ihre Deutungshoheit über Spieler, Trainer und Spiele auszuweiten, spielen die eigenen Medien eine immer größere Rolle. Porträts über neue Profis müssen mit Aussagen aus dem Vorstellungsvideo erstellt werden, weil der Spieler eben nicht den schreibenden oder filmenden Kollegen so ohne Weiteres zur Verfügung steht. Aussagen zum nächsten Gegner oder der anstehenden Partie insgesamt stammen ebenfalls oft aus den Frage- und Antwort-Spielchen bei (Setzen Sie hier den Namen Ihres Vereins ein)-TV. Und eben nicht aus der direkten Ansprache des Spielers. Die gibt es nämlich nicht. Schon weil das Abschlusstraining längst nicht mehr öffentlich ist.

Besonders beeindruckend wird es, wenn neben dem Willkommens-Video des neuen Vereins auch ein Abschieds-Film des alten veröffentlicht wird. In der Regel gleichzeitig, weil sich die Klubs ja abstimmen mit dem Zeitpunkt ihrer Kommunikation. Ein besonders schönes Beispiel sei namentlich genannt: Yussuf Poulsen.

Während der bei RasenBall Leipzig todtraurig seinen Abschied verkündet, für immer mit Verein und Stadt verbunden ist, Aufstiege erlebt hat, Kinder dort geboren wurden, Schweinegeld schon in der 3. Liga verdient hat (gut, das sagt er nicht, es schafft aber auch Dankbarkeit und Verbindung), steht er beim HSV-Video glücksstrahlend im Volkspark und freut sich unglaublich darüber, bei einem der großen deutschen Vereine spielen zu können und zu helfen, große Ziele zu erreichen. Wie zerronnen, so gewonnen, kann man sagen.

Und wir sind dabei, ebenso wie alle Fans. Die wegen diesen exklusiven Rundum-Inszenierungen irgendwann auf neutrale Medien verzichten werden. Wenn sie es nicht zum Teil schon tun.

Thomas Müller reitet in seinem Video am Ende wie Lucky Luke einsam in die untergehende Sonne. Westwärts zu neuen Abenteuern. Mögen sie gut für ihn ausgehen. Wir erwarten derweil voller Spannung einen neuen Film: "How The West Was Won."

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.