Editorial von Elisabeth Schlammerl, 1. VDS-Vizepräsidentin

Distanz ist nicht verhandelbar

04.09.2026

Aktive und Trainer fordern von den Medien Unterstützung ein – und verkennen die Aufgaben des Sportjournalismus. Aber wir sind auch ein bisschen selbst schuld, dass Sportler unter fairer Berichterstattung eine positive verstehen.

 

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Der neue Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft und die Olympiasiegerin im Kugelstoßen haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Aber in den vergangenen Wochen traten Jürgen Klopp und Yemesi Mabry auf verschiedenen Bühnen als gemeinsame Streiter für einen fairen Journalismus auf. Wobei die beiden (und sicher auch einige andere Sportlerinnen und Sportler*) damit eher eine positive Berichterstattung meinten. (*aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im weiteren Text nur das generische Maskulinum verwendet.)

Über die Aufgaben der Sportjournalisten – nämlich unter anderem, Ergebnisse einzuordnen, zu analysieren und wenn nötig, kritisch nachzufragen – scheinen die mittlerweile von Beratern umgebenen Athleten und Trainer nicht mehr aufgeklärt zu werden. Noch immer wird von Pressesprechern, Medienverantwortlichen, aber auch Sportlern, wenn sie sich zu Unrecht kritisiert fühlen, das abgedroschene Bild vom gleichen Boot benutzt. Und stets sollte die Antwort darauf sein: Nein, wir sitzen nicht in einem Boot, wir rudern nur im gleichen Gewässer. (Foto Elisabeth Schlammerl: Martin Hangen)

Zugegeben, es ist nicht immer einfach, ganz objektiv zu bleiben, wenn man einen Sportler, eine Sportlerin über viele Jahre begleitet, Höhen und Tiefen erlebt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Ein Balanceakt ja, aber bei aller Sympathie sollte man stets ein Mindestmaß an Distanz wahren.   

"Einen guten Journalisten", sagte der ehemalige ZDF-Sportchef und Moderator der ARD-Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs, erkenne man daran, "dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache, dass er immer dabei ist, aber nie dazu gehört". Das Zitat ist mehr als 30 Jahre alt, aber inhaltlich noch immer zutreffend, obwohl sich im Journalismus viel verändert hat.

Mittlerweile fehlt bei keiner Live-Übertragung im Sport mehr das berühmte Field-Interview. Weil aber kurz nach dem Wettkampf Sportlerinnen und Sportler in der Regel meist noch zu sehr emotional angefasst sind, um kluge, analytische Aussagen zu treffen oder auf kritische Nachfragen angemessen zu reagieren, müssen dies zwangsläufig  weichgespülte Gespräche sein. Es geht darum, Emotionen zu transportieren, nicht Inhalte. Dazu kommt, dass neben dem Interviewer oft ein Experte steht oder der Interviewer selbst einmal Sportler war – und nicht allen gelingt der Perspektivwechsel. Dass ein Ex-Sportler seine Ex-Kollegen nicht siezt, ist klar, aber das Duzen schafft auch mehr Nähe, als manchmal passend ist.

Womöglich haben auch genau diese Interviews und die Konstellation mit Experten am Mikrofon dazu geführt, dass Athleten dem Irrtum erliegen, Sportjournalisten müssten ihnen doch in erster Linie Mut machen, sie unterstützen, statt in einer Wunde zu bohren. Es wäre die Aufgabe der Medienabteilungen der Verbände und der Berater, den Athleten die Rolle der Journalisten wieder näher zu bringen. Vielleicht hat aber auch die öffentliche Diskussion in den vergangenen Wochen ein bisschen dazu beigetragen.  

Herzlichst

Ihre Elisabeth Schlammerl, 1. VDS Vizepräsidentin