Zu Triumph und Tränen war in Interviews nach der Kür am Sonntagabend in Baden-Baden gelegentlich dieser Satz zu hören, den Oliver Kahn so gerne von sich gab, wenn er über seine Motivation im Sport befragt wurde, und er dann mit grimmiger Entschlossenheit knarzte: „Ich konnte noch nie verlieren.“ Ein Statement voller Stolz, das Kahn wie eine Monstranz vor sich herträgt, Worte wie eine Drohung gegenüber einem Verlierer.
Wo es doch ohne einen Verlierer keinen Sieger gäbe. Jeder vernünftige Mensch müsste wissen, dass die Bedeutung, die wir dem Sieg und damit auch dem Sieger zumessen, eine maßlose Übertreibung sein kann. Wurden doch im Sport 2025 immer mal wieder die Besten von einem Podest zum anderen gejagt. Da bekam man manchmal gar nicht mehr mit, dass der Sieger von heute noch gestern der Verlierer war – und doch auch noch derselbe Mensch. (Uhrig-Foto: VMS)
„Man geht an Niederlagen zugrunde“, schreibt der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, „und wo man nicht zugrunde geht, wird man deformiert.“ Nicht zuletzt auch oft durch die Medien. Dazu hat der im April dieses Jahres verstorbene Hans-Wilhelm Gäb, ein früherer Kollege und Ehrenvorsitzender der Deutschen Sporthilfe, einen denkwürdigen Satz hinterlassen: „Wenn wir den Leser daran gewöhnen, anständige Verlierer oder hart umkämpfte Plätze mit Pleite oder Blamage zu verbinden, pervertieren wir den Sinn des Sports.“
Ein anständiger Verlierer zu sein, der sein Bestes gegeben hat, darf keine Schande sein. Wichtiger als Siege sind am Ende Charisma und Charakter eines Sportlers. „Wenn du Sieg oder Niederlage ins Antlitz blickst und mit beiden gleich gut fertig wirst, bist du eine wahre Persönlichkeit,“ mahnt eine Schrift über dem Spieler-Eingang zum Tennis-Mekka in Wimbledon.
„Für mich ist das Schlimme am Sport, dass einer verlieren muss“, bleibt als ein bemerkenswerter Satz vom früheren Bundesliga-Tormann Oliver Reck in Erinnerung. Und Markus Wasmeier, der Philosoph vom Schliersee, lehrt: „In der Niederlage, is ma der Mensch, der wo ma is.“ Den von uns gewählten „Sportlern des Jahres“ gilt der Applaus – und der gilt auch den Verlierern: wenigstens im Stillen!
Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text nutzen zu dürfen.