Die Fußball-WM, das Fernsehen als Hörspiel und der alte Mann. Der erinnert sich dazu gern einmal wieder an eine Ikone unter den Sportjournalisten, an den unvergesslichen Herbert Zimmermann. Ganz besonders an diese klare, einprägsame Stimme. Wie an jenem historischen 4. Juli 1954 aus dem Berner Wankdorf-Stadion, einem verregneten Sonntag, mit dem 3:2-Sieg der Deutschen im WM-Finale gegen Ungarn. „Und wieder trommelt der ungarische Major wutentbrannt auf den grünen Rasen“, überträgt Zimmermann seine Begeisterung für den gegnerischen Mannschaftskapitän. Auch war der Reporter über ein vorher kaum bekanntes „Laufwunder aus dem Pfälzer Wald“ außer sich vor Bewunderung: „Und jetzt, Eckel – wie der Horst schon wieder das Leder führt.“
Tja, für die Ohren von Sprachpuristen haben sie am Mikrofon auch seinerzeit schon mal einen rechten Schmarrn dahergeredet. In den 1950ern und Anfang der 1960er als „im Hexenkessel die Trauben hochgehängt“ waren, „von hinten raus agiert“ wurde, man aufzeigte, „wo gnadenlos der Hammer hängt“. Wortgewaltige Haudegen wie Ludwig Maibohm, Kurt Brumme oder Sammy Drechsel waren Meister solcher Metaphern. Da mussten die „Spieler Gras fressen“, wurden „Granaten im Blitzkrieg abgefeuert“, fielen „Torhüter um wie Bahnschranken“, sind „Felle davongeschwommen“, saßen Trainer „fest im Sattel“, Stürmer „hingen in der Luft“, Gegner ließen im Zweikampf „ein Bein stehen“. Und das wurde auch oft noch „im Vorbeigehen poliert“ (Uhrig-Foto: VMS).
Reportagen von gestern, wie Kino im Kopf. Dort bleiben heutzutage viele Fragezeichen hängen, mit teils kuriosen, rätselhaften Formulierungen. Was passiert, wenn zu hören ist, dass „gleich Genialität wie ein Donnerschlag aufblitzt“, wie sieht das „kompakte Stehen“ aus, wo bleibt der „kongeniale Partner“, wer demonstriert „exemplarische Disziplin auf dem Rasen“, wann wird endlich „Leistung abgerufen“, wo „biegen technische Feinheiten um die Ecke“, wie sieht ein „umdisponierter Mann“ aus, was bedeutet „kalibrierte Linie“? Gern wünschen sich Reporter, dass „da einer explodiert“. Und dann „warten wir auf das Momentum“.
Allgemeines Schmunzeln aber hört auf beim Rätselraten, wenn am Schluss eines Spiels ernsthaft Bilanz gezogen wird. Mit Stichworten wie „Murphy’s Law“, „Expected Goals“, dem „xG-Wert von 3,4“. Was für eine schlimme Sprache aus dem Abseits. Kryptisches für Laptop-Trainer, unverständlich für den Fan am Spielfeldrand in der Kreisklasse. Wohl dem, der zu dieser Fußball-Algebra nachfragen kann bei der KI – flott ins Deutsche heißt das bei der künstlichen Intelligenz: Hier werden Spiele schöngeredet, in denen es genug Chancen gab für nicht erzielte Tore.
Erwin Kremers: „Ich frage mich oft, wie wir es früher eigentlich geschafft haben, ohne Doktortitel durch ein Spiel zu kommen“
Zum Vergleich zu dieser neuen Sport-Sprache sei einmal an ein Schreiben vom Nationalspieler Erwin Kremers erinnert, Spieler der deutschen Europameister-Elf von 1972. In einem Gruß an die kicker-Redaktion verpackte der Schalker einmal handschriftlich unter der Überschrift „Frohe Weihnachten“ heitere Gedanken zusammen. „Ich frage mich oft, wie wir es früher eigentlich geschafft haben, ohne Doktortitel durch ein Spiel zu kommen. Der Trainer wollte kein Ballgeschiebe à la Tiki-Taka sehen, bei uns musste der Rasen brennen. Er pfiff auf dem kleinen Finger, und wir aus dem letzten Loch. Es gab keine Einlaufkinder, wenn du schlecht gespielt hast, übernahm der Trainer den Einlauf persönlich.“
Und erst einmal richtig in Schwung, kramte Kremers weiter: „Wir hatten auch eine abkippende Sechs, aber erst nach dem zwölften Pils. Diagonalpässe gab es nicht, nur runde. Der Begriff ‚Pressing’ kam für uns aus dem Kreißsaal, Patella war ein Brotaufstrich, eine Bänderdehnung hatten wir höchstens mal in der Unterhose. Wir hatten keinen Matchplan, aber Lust zu spielen. Der Gegner wurde nicht weggecoacht, sondern einfach weggehauen.“ Tempi passati – Fußball im Wandel der Worte.
Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text und das Porträtfoto nutzen zu dürfen.