Kaum in Zürich angekommen, musste Abkühlung sein. Also schnell mit dem gemieteten Fahrrad ins Badi Enge. Eine Schwimmbahn im Zürichsee. Ein Sommerabend wie im Traum. Gänsehaut gleich am ersten Abend. Was man ja nicht wusste: Es sollte die ganze Frauen-Europameisterschaft so weitergehen. Basel Eröffnungsspiel. Die "Nati", die Schweizer Nationalelf, schickt erste Liebesgrüße. Derweil öffnet der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das Pressezentrum am Kalanderplatz in Zürich: Die Eventlocation betreibt Partner Volkswagen so smart und zuvorkommend wie sich der Gastgeber präsentiert.
Und Pressesprecherin Annette Seitz, die für die aus privaten Gründen fehlende Sonja Alger kurzfristig einspringt, glänzt beim Comeback in Turnierform. Unaufgeregt und unkompliziert steuert sie mit ihren unermüdlichen Helferinnen Anna Bloch und Anne Goßner den Alltag der rund 60 Medienvertreter, die auf allen Kanälen fair berichten. Ohne Ellbogeneinsatz, weil die Zusammensetzung viel diverser ist als bei der Männer-Nationalelf. Auffällig: Pressekonferenzen sind gehaltvoller, weil die DFB-Frauen unverkrampfter sind.
Die Bedingungen haben sich zwischen den Geschlechtern über die Jahre angenähert: Das Training ist nur 15 Minuten offen, nicht jede
Spielerin möchte mehr interviewt werden. Lea Schüller taucht ab, Giovanna Hoffmann taut auf. Aber: Über ein gutes Netzwerk gibt es echte News: etwa den Opa von Ann-Katrin Berger. Kurzerhand mit dem Berater klären, ob das Thema in die Öffentlichkeit getragen werden kann. Zusage. Frage gestellt, Antwort bekommen. Ganz Deutschland spricht tagelang über Herbert. Akzent gesetzt, von dem alle etwas haben.
Ein Tiefdruckgebiet erreicht Zürich. Deutschlands Frauen gehen gegen Schweden unter. Die Krisenbewältigung auf Kommunikationsebene läuft gut. Schade nur, dass es mit Christian Wück zu keinem Hintergrundgespräch mit jenen Printjournalisten kommt, denen der Bundestrainer auch etwas hätte anvertrauen können. Ansonsten stören nur Nörgler daheim, die wohl nur darauf warten, dass den Frauen irgendwelche Missgeschicke unterlaufen. Wie bei kläglich geschossenen Elfmetern. Nur: Daraus mangelnde Klasse abzuleiten, ist verkehrt. Deutschlands Weltklassetorhüterin Ann-Katrin Berger legt im Viertelfinale eine Parade hin, vor der sich Oliver Kahn verneigt. Aitana Bonmati schießt im Halbfinale ein Tor, das Lamine Yamal nicht besser hinbekommen hätte. (Foto Hellmann: privat)
Und wenn schon immer verglichen wird, dann bitte: Die Frauen-EM wird zum Gegenstück zu den Männer-Formaten, die ständig aufgeblasen oder wie die Klub-WM neu erfunden werden. Der deutsche TV-Zuschauer weiß zu unterscheiden: FC Chelsea gegen Paris St. Germain (Finale Klub-WM) schalten bei Sat.1 nur 1,77 Millionen ein, parallel sehen Frankreich gegen Niederlande (Gruppenspiel Frauen-EM) in der ARD hingegen 3,55 Millionen. Noch Fragen?
Im Halbfinale Deutschland gegen Spanien fiebern mehr als 14 Millionen mit. Und sie sehen: Fußballerinnen brauchen kein Gewese und Getue. Keine Rudelbildung und keine Beschwerden bei den Schiedsrichterinnen. Die Spanierinnen stehen nach dem Viertelfinalaus der Schweizerinnen Spalier. Gänsehaut pur im Wankdorf-Stadion von Bern. Für die Zuschauer, deutlich jünger und zur Hälfte weiblich, bräuchte es keinen einzigen Polizisten. Trotz der Rekordzahl (657.291) in fast ausnahmslos ausverkauften Stadien. Fanmärsche gehen mit beiden Fanlagern. Miteinander statt gegeneinander.
Die EM 2025 zeigt im Gegensatz zur EM 2024: Alle Nah- und Fernverkehrszüge können bei einer Fußball-Großveranstaltung im deutschsprachigen Raum pünktlich fahren. Der Nachhaltigkeitsaspekt kommt glaubhaft rüber. Ein kompaktes Turnier der kurzen Wege in einer familiären Atmosphäre ist Geschichte. Bei der Männer-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko kommt der blanke Größenwahn zum Tragen. Auch bei der Frauen-WM 2027 in Brasilien warten riesige Entfernungen. Wer auch immer die Frauen-EM 2029 ausrichtet, vielleicht ja Deutschland, der muss sich an dieser Endrunde bei den liebevollen Eidgenossen orientieren.
Das Finalwochenende bringt die letzten Gänsehautmomente. Beim Rheinschwimmen in Basel. Beim Elfmeter der Engländerin Chloe Kelly im St. Jakob-Park.
Dankeschön Schweiz.
Frank Hellmann ist freier Journalist aus Frankfurt. Er schreibt für zahlreiche deutsche Medien, vor allem über Frauen-Fußball.