Okay, Bayern München wird wieder Weihnachtsmeister. Gähn! Und dann Halbzeitmeister nach 17 Spielen im Januar. Nochmals Gähn! Den Titelgewinn werden die Bayern zwischen dem 28. und 32. Spieltag rechnerisch sicher haben. Na toll. Dann werden alle Beteiligten ganz spontan mit alkoholfreiem Weißbier übergossen, das irgendwelche jungen Damen im Dirndl den Profis angereicht haben. Ganz spontan. Es ist alles wie immer. Gähn.
Aber irgendwie ist es doch diesmal noch ein wenig anders als in der Vergangenheit: Man kann diese Bayern nicht einmal mehr richtig hassen.
Die haben in Vincent Kompany einen offenbar überragend sympathischen und empathischen Trainer. Keine sichtbare Spur von Arroganz, keine "Mia san mia"-Attitüde. Stattdessen Respekt vor allen Mitbewerbern (um das Wort Gegner nicht gebrauchen zu müssen). Da geht es gesittet, freundlich und offen zu. So ganz untuchelig und gar nicht nagelsmannesk. Zweiter hatte wenigstens mit seiner Affäre mit einer Boulevard-Kollegin für Aufregung und Getuschel gesorgt. Aber Kompany? Typ Schwiegersohn. Na großartig.
Die Mannschaft? Wenn die nicht so verdammt gut wären, dann würde man sie doch für Langweiler halten. Harry Kane, Frau und Kinder, keine (sichtbaren) Tattoos, keine nächtlichen Eskapaden, nur Tore, Tore, Tore. Joshua Kimmich, Frau und Kinder, keine sichtbaren Tattoos, keine nächtlichen Eskapaden. Leon Goretzka, politisch auf der richtigen Seite, meinungsstark und vorbildlich. Tattoos? Hat von den braven Jungs eigentlich überhaupt einer Körperkunst? Ja, Min-Jae Kim zum Beispiel. Aber der "bereut" inzwischen seine "Jugendsünde".
Jetzt entwickeln sie nach Jamal Musiala, Aleksandar
Pavlovic oder Josep Stanisic auch noch weitere eigene Talente zu Bundesligaprofis. Wie Lennart Karl, der – wetten? – mit zur WM fährt, wenn er so weiter macht. Auch das muss man doch gut finden. Leider. Reibeflächen bieten auch diese Spieler nicht. Das ist einfach nur gut, verdammt! Oder war einer von denen schon mit seiner "Cousine" nachts im Entmüdungsbecken wie einst Schweini? Macht mal, wenigstens das! (Foto Hardt: privat)
Die, über die man sich als Außenstehender aufregen oder lustig machen konnte, die sich eigneten als Hassobjekt einer arroganten Bayern-Mischpoke, sind alle weg. Der rückentätowierte Leroy Sané zum Beispiel, über dessen Ausstrahlung zwischen Ihr-könnt-mich-alle-mal und Nur-ich-bin-hier-Weltklasse-wenn-ich-Bock-habe man sich wenigstens aufregen konnte. Auch die dauerkultivierte bayerische Lausbubenhaftigkeit der Humorbombe Thomas Müller hat irgendwann genervt. Vorbei.
Was waren das für Zeiten, als man Abräumer wie Mark van Bommel, Geistesgrößen wie Mario Basler, zahn-fletschende Titanen wie Oliver Kahn oder Frauen-Verächter wie Jerome Boateng noch richtig doof finden konnte. Das Schlimmste heute ist der Reklamierarm von Manuel Neuer.
Stattdessen lässt sich ein Nationalspieler von Borussia Dortmund Schlagring und Taser liefern, ein Verteidiger von Mainz 05 tritt regelmäßig seine Gegner zusammen, Schiedsrichter und VAR kriegen ihr Zeug nicht geregelt – die Aufreger in der Liga spielen anderswo.
Bei Bayern ist mit das Nervigste die Werbung für einen Kryptowährungs-Anbieter. Apropos Sponsoren. Da hatte sich der Klub ja doch einige umstrittene Zusammenarbeiten geleistet. Katar, Ruanda, beides keine Heimstätten der Menschenrechte, wurden jedoch entfernt. Emirates Airlines kann man natürlich wegen der Rolle der VAE auch kritisieren, haben Bayernfans auch längst getan. Die fallen aber nicht so negativ auf, stellen ihre Hostessen schließlich bei gefühlt jedem Großsportereignis der Welt und diversen Topvereinen auf. Dubai betreibt Sportwashing in Perfektion.
Uli Hoeneß hat wohl auch keine Lust oder Energie mehr, als "Abteilung Attacke" regelmäßig verbales Gift zu verspritzen. Da wird es schon zum größten Skandal, wenn Präsident Herbert Hainer seinen Amtskollegen von 1860 München nicht kennt. Super ist dagegen die Ultragruppierung "Schickeria", die zu den aktivsten und stabilsten in der gesamten Liga gehört. Die weiteren Kunden des FC Bayern in den Logen und auf Sitzplätzen fallen eh nicht auf.
Es scheint so, als sei der "FC Hollywood" wirklich Vergangenheit. Man kann die Bayern nicht mal mehr hassen. Schade, irgendwie. Lasst sie halt alle Titel gewinnen. Es ist egal.
Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.