Erlauben wir uns mal, an dieser Stelle Max Liebermann zu zitieren. Ja, ganz recht, den berühmten Berliner Impressionisten. Der sich übrigens als einer der ersten Maler intensiv mit Sport beschäftigte: Tennis, Polo, Segeln und Galopp brachte er auf die Leinwand. Aber das nur nebenbei. Von Max Liebermann stammt auch der Spruch: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte."
Das ist so schade. Gerade nämlich kam bei mir wieder Begeisterung auf für den Fußball, so wie wir ihn wohl alle lieben. In der ARD-Mediathek findet sich die Reportage "Das große Los" über das DFB-Pokalspiel des Hamburger Oberligisten
HEBC gegen Borussia Dortmund. Es ist toll, macht Freude, die Begeisterung der "Kleinen" ist so nachvollziehbar. Und die "Großen" aus Dortmund verhalten sich so sportlich und fair, dass sie diverse Sympathiepunkte dazugewinnen. Das ist Fußball, so kann er sein, so sollte er sein. (Foto Andreas Hardt: privat)
Und dann macht man den Fehler und schaut sich am Tag nach der 0:1-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Griechenland Kommentare im Internet an. Es dauert nicht lange, bis sich ein latenter Brechreiz einstellt. Nicht die taktische Ideenlosigkeit eines noch nicht eingespielten deutschen Teams, das sich ja in einer Art Casting-Runde befand, ist das herausragende Thema der Kritik, oder das lasche Zweikampfverhalten mancher Akteure, sondern (kann man das so sagen?): das Mannschaftsbild. "Afrikaner", "nicht mehr meine Mannschaft", "die Weltmeister 1990 waren noch echte Deutsche" – das sind noch die harmlosesten rassistischen Beschimpfungen. Bei Elon Musks X geht es noch ganz anders ab, wir ersparen uns das hier.
Natürlich, die überwiegende Mehrheit aller Fans und Menschen im Land lehnt diesen Dreck ab. Aber, das zeigt eine Studie von 2023, "rassistische Einstellungen sind in Fußballvereinen etwas häufiger vorzufinden als in der Gesamtbevölkerung". Okay. Oder auch nicht.
Ja, könnte man sagen, das hat es doch immer gegeben, Affenlaute gegen Schwarze Spieler und so. Das ist eine Argumentation, die an das Leugnen der bevorstehenden Klimakatastrophe erinnert: Wir hatten früher auch Hitzefrei. Na dann. Tatsächlich aber werden diese dummen Menschenfeinde immer frecher und unverfrorener, sie wissen ja, dass nicht wenige Mitbürger ihre Ansichten zu teilen scheinen. Da muss man nur auf die Wahlzettel in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt schauen.
Im ZDF erklärte die Ethnologin Rachel Etse von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz im Juli, rassistische Diskriminierung im Fußball würde durch die Sozialen Medien viel sichtbarer gemacht. Die Saat Gaulands ("Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben") ist längst aufgegangen.
Die Befürchtung ist ja auch, dass all die wirklich gut gemeinten Kampagnen des DFB, der Bundesliga oder des so seriösen (hüstel, hüstel) Weltverbandes FIFA schon gar nicht mehr argumentativ durchstoßen. "Systemlinge" alles. Aber unser ehemaliger Kollege Waldemar Hartmann, der findet sein begeistertes Publikum bei Nius und X. Einer, der sich abgewandt hat vom "zwangsgebühren-finanzierten Staatsfernsehen". Der jetzt die Wahrheit spricht, oder was er und seine Jünger dafür halten.
Für die aktuell kommentierenden Kollegen ist das alles echt eine schwierige Gratwanderung. Gehen sie darauf ein, bieten sie den rechten Menschenfeinden eine Bühne. Das will man nicht. Ignorieren? Irgendwie passt das auch nicht. Weil es ja ein Vorgang ist. Weil deutsche Nationalspieler rassistisch beleidigt werden.
Bei ARD und ZDF werden in den Kommentarspalten Hasskommentare konsequent gelöscht oder blockiert. Strafrechtlich relevante Aussagen sollen gesichert und zur Anzeige gebracht werden. Und das ist auch gut so. Gerne mehr davon. Und zur Strafe werden die Täter dazu verpflichtet, sich die Dokumentationen "Schwarze Adler" (ZDF) und "Einigkeit und Recht und Vielfalt“"(ARD) anzusehen.
Aber wahrscheinlich verstehen sie gar nicht, worum es geht. Diese Leute sind verloren – es ist zum Kotzen.
Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.