Mit diesem Tor hat Takatukaland WM-Geschichte geschrieben. Ein historischer Moment für Mittelstürmer John Doe. Der Mann ist ein Phänomen! Das größte Comeback jemals. Messi, Ronaldo, Modric, die Aura – Historie, Geschichte, noch nie dagewesen, unglaublich, was geht denn hier ab, das hat die Welt noch nicht gesehen! Wahnsinn, immer neue Rekorde, fantastisch!
Hallo! Geht es auch noch ein wenig kleiner? Nur ab und zu, bitte. Die Vorrunde der größten WM "aller Zeiten" ist gelaufen. Und Kommentatoren, Moderatoren, Experten
überschlagen sich mit Superlativen. Auch da, wo gar keine sind. Zum ersten Mal hat Santa Banana das Sechzehntelfinale bei einer WM erreicht. Ja klar, das gab es vorher nämlich noch nicht. Egal: Geschichte! Historisch! Was geht denn hier ab? (Foto Hardt: privat)
Der Hang zu ewiger Aufgeregtheit in unserem Genre ist ja nicht neu. Lange vorbei die Zeiten, wo es nach einem wichtigen Ausgleich nur lapidar hieß: "Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen." Und das ist ja auch gut so. Aber wann haben deutsche Radioreporter eigentlich begonnen, Tore wie ihre südamerikanischen Kollegen mit langgezogenen "Toooooooooooooooooooor"-Schreien zu begleiten? Dieses noch weiter gesteigerte Rumgejubel fällt schon verstärkt auf.
Da fällt so mancher dann auch rein auf die Tücken des Sports. Von der "Rache für Gijon", war bereits die Rede, als Algerien in der Nachspielzeit im letzten Gruppenspiel gegen Österreich 3:2 in Führung ging: "Unglaublich." Und dann das finale Urteil: "Österreich fährt heim." Äh – nein! Denn das Spiel dauert, wie Sepp Herberger noch nicht wusste, 90 Minuten zuzüglich Trink-Werbepause und Auswechsel-Plus und VAR-Betrachtung und Jubel-Extra. Dann kam Sasa Kalajdzic und neue Superlative mussten kreiert werden: "Geschichtsbücher!!" Mal halblang, bitte.
Die Deutsche Telekom hat die Rechte für die Übertragung sämtlicher 104 WM-Spiele in Deutschland auf ihrer Plattform MagentaTV erworben. Über die Höhe der dafür gezahlten Summe schweigt sich das Unternehmen natürlich aus. Experten gehen jedoch von einem dreistelligen Millionenbetrag weit über 200 Millionen Euro aus. ARD und ZDF haben ihrerseits nach Informationen des Evangelischen Pressedienstes rund 152 Millionen Euro an die Telekom für die Ausstrahlungsrechte von 60 Partien weitergereicht. Beide öffentlich-rechtlichen Sender zahlen jeweils die Hälfte, somit etwa 76 Millionen Euro, an den Telekommunikationskonzern.
(Foto Julian Nagelsmann, Tabea Kemme, Jürgen Klopp, Johannes B. Kerner bei MagentaTV: picture-alliance/Martin Rickett).
Das Produkt WM hat demzufolge einen großen Wert. Also mindestens mal bilanziell. Auch wenn diverse Partien wegen der Zeitverschiebung zu nächtlicher Stunde eher wenig geschaut werden. Da ist es jedoch nachvollziehbar, dass dieses teure Event starkgeredet wird. Geschichte, historisch, aller Zeiten – und wir zeigen es Ihnen. Ich werd' verrückt. Sensationell!
Und es läuft ja auch tatsächlich. Nach den ersten beiden Wochen konnten sich die Sender und der Streamingdienst zufrieden auf die Schulter klopfen. Sensationell, historisch, Geschichte geschrieben. Während die Öffentlich-Rechtlichen mit Millionenreichweiten im klassischen TV dominieren, meldet die Telekom plattforminterne Rekordzugriffe. Die Resonanz war besser als bei der WM in Katar, natürlich vor allem bei den Deutschland-Spielen. Mal schauen, wie es jetzt weitergeht. Die Telekom sprach in einer ersten Zwischenbilanz von der "besten Woche aller Zeiten". Tatsächlich.
Fußball ist eben unser Leben. Von den angekündigten Seh-Boykotten mancher aus dem Vorfeld des Turniers ist wenig übrig geblieben. Die Stadien sehen voll aus, wie auch immer das gelungen ist. Die Stimmung scheint gut vor Ort und bis Paraguay auch daheim. Die 72 Spiele in der Vorrunde wurden von insgesamt 4.644.549 Zuschauern besucht. Damit knackte das Turnier schon vor Beginn der K.o.-Phase den Zuschauerrekord der WM 1994 in den USA mit rund 3,6 Millionen Zuschauern.
Dann das deutsche Aus im Sechzehntelfinale. Erstmals. Auch das historisch also, wieder Geschichte geschrieben. Wahnsinn, verrückt – ich brauch' jetzt eine ganz lange Trinkpause.
Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.