Kolumne Hardt und herzlich

Im Sinne der Sache

05.08.2026

Fußball-Deutschland hat einen neuen Bundestrainer. Auch Andreas Hardt hätte dazu ein paar Anmerkungen.

 

Sorry, aber wir kommen an dem neuen Fußball-Bundestrainer der Männer auch hier nicht vorbei. Es geht doch immer ein wenig darum, was einen sportmedial beschäftigte – und wie.

Also: Alexander Zverev zum Beispiel, der seinem vergleichsweise viel zu gering gewürdigten Grand-Slam-Triumph von Paris gleich noch die Finalteilnahme in Wimbledon anhängte. Ein Erfolg, den noch kein, wiederhole, kein deutscher Spieler (Achtung, nicht generisches Maskulinum) geschafft hat. Die Wahl zum Sportler des Jahres sollte damit bereits entschieden sein, sollte…

Trainer des Jahres war Jürgen Klopp schon mal,  2012 und 2019. Und nun möglicherweise auch 2026. Also, wenn man den Auflauf bei seiner Präsentation als neuer Bundestrainer am DFB-Campus zum Maßstab nimmt, hat er Chancen. Julian Nagelsmann dagegen eher nicht. Manchmal werden ja auch Menschen ausgezeichnet allein in der Hoffnung, dass sie bestimmte Dinge schaffen. Wie Barack Obama mit dem Friedensnobelpreis. (Foto Hardt: privat)

Die Hoffnung, die Erwartung, der Glaube der ganzen Fußballnation hängt nun also an Klopp. Dass es mit der Nationalmannschaft wieder aufwärtsgehe. Alternativlos war er für den DFB. Also wurden alle Wünsche des erhofften Heilsbringers erfüllt und die des RB-Konzerns, des bisherigen Arbeitgebers, gleich mit. Koste es, was es wolle.

Und eines muss man Jürgen Klopp natürlich schon mal zugestehen: Treu und loyal gegenüber Freunden ist er. Er bringt die Assistenztrainer Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender mit, alte Bekannte, oder mehr. Und er ließ auch seinen langjährigen Berater Marc Kosicke gleich mitversorgen. Kosicke wird sich nun als Co-Trainer um Strategie, Entwicklung und Innovation kümmern. Welche sportfachliche Qualifikation Kosicke dafür hat? Geschenkt. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, wie Fritz Teufel sagen würde, dann muss man es tun. Und die Wahrheit nach dem dritten frühen Scheitern der DFB-Männer bei einer WM in Folge ist halt: Der Anschluss an die Weltspitze bleibt verpasst.

Wissen wir alles. Da gibt es einiges zu tun, wobei vielleicht weniger auf der Ebene Nationalmannschaft sondern darunter. Ganz unten. Trainerausbildung, Jugendfußball und so fort. Doch als der DFB vor rund zwei Jahren das Jugendfußballkonzept Funino für die Kleinsten vorstellte, um mehr Spaß, Spielfreude und vor allem Variabilität zu vermitteln, da war der Protest groß bei vielen Altvorderen. Der heutige DFB-Vize Hans-Joachim Watzke kritisierte die Reform scharf als "unfassbar" und warf dem Konzept vor, eine Freizeitbeschäftigung ohne echten Anstrengungs- oder Leistungscharakter zu sein.

Okay, in Frankfurt saß Watzke bei Klopps Vorstellung mit auf dem Podium, man kennt und schätzt sich noch aus Dortmund. Alles gut, wird schon, niemand ist zu alt zum Lernen. Und vielleicht kann PR-Experte Kosicke, der einst den Bayern-Slogan "Mia san mia" miterfand, auch hausintern in Sachen Nachwuchskonzepte und Funino schon mal erfolgreiche Verkaufe betreiben. Man möchte sich doch an Spanien orientieren – der FC Barcelona spielt seit einem Vierteljahrhundert Funino.

Aber wir schweifen ab. Begeisterung, Bock, Pressing, Freude, Fans – Klopp steigerte sich bei seiner Vorstellung in einen Rederausch, der kaum zu stoppen war. Wer mit einem derartigen Kredit das Amt antritt, der hat aber auch eine gewisse Fallhöhe. Klopp weiß das und baute dann schon mal vor: "Ich tue das hier nicht für mich." Sondern für uns, die Fans, das Volk. Danke.

Haben wir noch nicht gesagt, wurde jetzt auch nicht direkt verlangt: Aber ein wenig wohlfeile Unterstützung, die erwartet der Bundestrainer schon. Die Süddeutsche oder auch die FAZ haben in der Kloppomania kritisch Klopps irritierenden Versuch wahrgenommen, die Medienkollegen auf seine Linie zu bringen. Die Familie in Ruhe lassen, okay, die Forderung ist berechtigt. "Einigen" werde man sich irgendwann müssen mit den Medien, "was man raushaut." Denn: "Im Sinne der Sache" sollten die Kollegen denken. Aha. Und mehrmals folgte bei diesen Appellen zum genehmen Berichten der Satz: "Sonst bin ich weg."

Nein, die Arbeit muss Spaß machen. "Ich mache den Job, obwohl ich mitbekommen habe, wie ihr mit Julian umgeht", sagte Jürgen Klopp, der WM-Experte von MagentaTV, zu den Kollegen in Frankfurt. Und dachte wohl auch daran, wie er mit seinem Wörtchen "noch" den Weg zum wenig freiwillig wirkenden Rücktritt Nagelsmanns geebnet hatte. So wie er mit seinem Vorgänger umgegangen ist darf mit Klopp selbst niemand umgehen. Das wäre ja noch schöner.

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.