„Ansichtssache“-Kolumne

Kleines „i“ als Synonym für Sympathie

27.11.2025

Oh, wie schön! Im milliardenschweren Sportbusiness gibt es auch Oasen purer Zuneigung. Glauben Sie nicht?  sportjournalist-Kolumnist Wolfgang Uhrig führt Sie hin.

 

Julian Nagelsmann lobte „Schlotti“. Max Eberl gratulierte „Vinci“, der wiederum schätzte „Lenni“, der könne dribbeln wie einst „Litti“. Dino Toppmöller entschied sich im Frankfurter Tor für „Zetti“. Alle haben das „i“ am Schluss ihres Namens: Nico Schlotterbeck, Vincent Kompany, Pierre Littbarski, Lennhart Karl oder Michael Zetterer. Ein Buchstabe als Anhängsel zu einer Person, es fällt gerade mal wieder auf.

Dieses „i“ also, gern an die letzte Silbe einer Identität gehängt, Diminutiv genannt. Es stehe für bekennende Zuneigung, als Synonym für Sympathie. Das jedenfalls hatte Werner Kany, Sprachforscher an der Universität Heidelberg, im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt. Wie ein Orden verleihen es Medien und Volksmund an Menschen des öffentlichen Lebens, so eine Ehrung werde noch längst nicht jedem zuteil. (Uhrig-Foto: VMS)

Kein Wunder, wenn Joachim Löw mit einem Schmunzeln sagt, dass er im Rentenalter von 65 die Anrede „Jogi“ noch immer mag. Unvergessen ist eine Zeile aus BILD zum einstigen Duett Löw/Flick in Diensten des Deutschen Fußball-Bundes: „Jogi’ und Hansi’, das klingt mehr nach einem Wellensittichpärchen als nach einem Trainergespann.“

Oliver Kahn hat für diese Art von Humor nichts übrig. Einmal hatte ihn der Komiker Oliver Pocher für die Zeitschrift PLAYER befragt: „Oli’, alle nennen uns Oli’ – geht dir das nicht auf den Sack?“ Kahn setzte sein typisches Kampflächeln auf und knarzte: „Weil ich alle Formen der Verniedlichung ablehne, habe ich damit ein Problem.“ Ach, „Oli“ – ist doch nur nett gemeint!

„Wenn die Medien jemanden lieben“, deutete Forscher Kany, „dem geben sie ein i’. Es baut Distanz ab und drückt gleichzeitig Wertschätzung aus.“ Wie bei „Schweini“, „Poldi“ oder „Radi“, den Manager-Legenden „Calli“ und „Assi“, den Wintersportlern „Rosi“, „Wasi“, „Hanni“ oder „Schmitti“, der Schwimmerin „Franzi“, dem unvergessenen „Schumi“. Der Brockhaus erläutert, „i“ stehe auch für Verniedlichung – mit diesem Wort zurück zum kritischen Deuter Oliver Kahn und den Gedanken an „Oli“ Niedlich, „Oli“ Wellensittich: Das passt dann ja eigentlich auch nicht zu Kahn, diesem Titan.

Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text nutzen zu dürfen.