Kolumne Hardt und herzlich

Lieber nicht!

04.09.2026

Unser Kolumnist Andreas Hardt möchte lieber nicht über Doping im Sport reden. Tut es aber dennoch. Aus Gründen.

 

Wollen wir mal über Doping reden? Nein, eigentlich nicht. Ist halt blöd und verboten und eben unfairer Sportbetrug.

Von Owen Ansah gibt es keine positive Dopingprobe. Keine. Seit 2020 ist der Sprinter aus Hamburg im Erwachsenenbereich aktiv und fällt damit auch unter die Kontrollmechanismen der Nationalen Anti Doping Agentur NADA. Ohne irgendein Ergebnis. Alles sauber, kein Verdacht, alles fein. Bis zu jenem 9. Juli, dem Tag, als er als Nachrücker zum Golden-League-Meeting nach Monte Carlo flog.

Die Geschichte ist inzwischen viel erzählt. Ansah musste einen Flieger erreichen, war knapp dran und war gerade Pipi, konnte also nicht, der NADA-Tester schrieb: "Probe verweigert." Die NADA forderte vier Jahre Sperre. Im Klartext heißt das auch: Die NADA  fordert de facto, die Karriere und das Leben des 25-Jährigen zu zerstören.

Interessant ist in der Folge die Überforderung und Hilflosigkeit vieler im Umgang mit diesem Thema. Denn tatsächlich wollen wir ja eigentlich nicht über Doping reden und kennen uns deshalb auch mit wenigen Ausnahmen gar nicht richtig aus. Die wenigen Ausnahmen sind die "Doping-Experten", deren prominentester Vertreter sicherlich Hajo Seppelt von der ARD ist. Der Kollege hat sich durch die Aufdeckung zahlreicher Skandale einen großen Namen gemacht sowie zahlreiche Film- und Journalistenpreise gewonnen. (Foto Hardt: privat)

Im Fall Ansah hat Seppelt nun erstaunlicherweise der Darstellung des Hamburgers und dessen Anwalt klar widersprochen. Offenbar hat er Unterlagen zugespielt bekommen, wie das bei guten Journalisten ja manchmal passiert, die sich ein Netzwerk an Informanten aufgebaut haben. Jedenfalls hat die NADA so ihren Standpunkt veröffentlichen können, ohne selbst an die Öffentlichkeit zu treten.

So oder so fällt immer wieder bei Doping-Vorfällen auf: Es gilt eine  Schuldvermutung. Auch ohne Beweise. Test verweigert: Sperre. "Im Zweifel gegen den Angeklagten", nennt der Tagesspiegel dieses Vorgehen. Und das ist ja nicht das erste Mal. In diesem September darf der HSV-Profi Mario Vuskovic wieder am Trainingsbetrieb des Fußball-Bundesligisten teilnehmen, ab Mitte November spielen. Dann ist seine vierjährige Dopingsperre abgelaufen. Der Kroate war wegen EPO-Gebrauchs verurteilt worden, obwohl vier unabhängige Gutachter im Prozess die WADA-Proben als negativ beurteilten und weitere entlastende Indizien beigebracht wurden. Nützte aber alles nichts: im Zweifel gegen den Angeklagten.

Nun könnte man diese Umdrehung des deutschen Rechtsprinzips der Unschuldsvermutung ja als systemimmanent im Anti-Dopingkampf hinnehmen, gäbe es da nicht diese zahlreichen Ungereimtheiten. Hätte Ansah dem Kontrolleur an jenem schicksalhaften 9. Juli nicht die Tür geöffnet, wäre es einfach eine verpasste Kontrolle gewesen. Da drohen erst beim dritten Mal Konsequenzen.

Noch schwerer nachzuvollziehen sind die Sanktionen oder Freisprüche im Umgang mit internationalen Stars. Der Weltranglisten-Erste im Tennis, Jannik Sinner, wurde 2024 zweimal positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet. Sein Physiotherapeut hätte dies aus Versehen dem Körper des Spielers zugeführt, hieß es. Aha. Die nur drei Monate Sperre wurden so gelegt, dass Sinner kein Grand-Slam-Turnier verpasste. 2021 wurden 23 chinesische Spitzenschwimmer positiv auf das verbotene Herzmittel Trimetazidin getestet, aber von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) nicht gesperrt. Es habe ein kontaminiertes Essen in einem Mannschaftshotel gegeben. Na klar. Kurz vor der WM 2024 war die Schweizer Top-Triathletin Imogen Simmonds positiv auf ein Metabolit des anabolen Mittels Ligandrol getestet worden. Freispruch! Die Substanz sei durch Sex mit ihrem Freund in ihren Körper gelangt. Sachen gibt's!

Wer soll das alles noch verstehen und nachvollziehen? Und wie beurteilen wir das alles als überwiegende Laien in diesem Dickicht aus Gerüchten, Beweisen, Anschuldigungen und abenteuerlichen Begründungen? Es ist auch eine stete Herausforderung, da empathisch den richtigen Ton zu treffen. Das ist im Fall Ansah mal mehr und oft weniger gut gelungen.

Wollen wir mal über Doping reden? Nein, eigentlich lieber nicht.

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.