Experten spielen im Sportjournalismus bereits lange eine große Rolle. Schon bei den Übertragungen der Olympischen Spiele aus Los Angeles 1984 waren Ex-Sportler am Mikrofon dabei, im Fußball brachte es 1996 das Kommentatoren-Duo Rubenbauer/Rummenigge im Buch von Roth und Bittermann sogar zum Untertitel "Fußball-Experten – die Kommentare des Grauens".
Erstmals positive Reaktionen gab es auf die Verpflichtung von Günter Netzer bei der ARD 1998, gemeinsam mit Gerhard Delling erhielt er sogar einen Grimme-Preis für das Siezen und gegenseitiges Necken. Das ZDF reagierte und verpflichtete für die EM 2004 erstmals Franz Beckenbauer, der gleichzeitig auch für die Bild tätig war.
Lothar Matthäus scheint mittlerweile auf nahezu allen Medien und Kanälen präsent zu sein. Auch in anderen Sportarten setzt das deutsche Fernsehen gern auf sportaffinen Sachverstand oder Co-Kommentatoren wie Bob Hanning im Handball oder ehemalige Sportlerinnen und Sportler im Boxen oder in der Formel 1. (Foto Thomas Horky: Macromedia)
"Sind Exprofis die besseren Journalisten?", fragte Oskar Beck 2003 in der Stuttgarter Zeitung und benannte damit ein wachsendes Problem: Immer mehr übernehmen Experten die Funktion von Sportjournalisten. Eingekauft werden Experten vor allem für die Vermittlung von Kompetenz und Meinung, für "Interna", sie fungieren oft als "Türöffner" für die Bereiche, zu denen der Sportjournalismus keinen Zutritt (mehr) hat, sie setzen Themen und werten die Berichterstattung auf – und letztlich sollen sie auch externen Sachverstand einbringen.
Mittlerweile sitzt bei einer Fußball-WM im ZDF-Studio in Berlin eine ganze Reihe von Experten auf der Bank – und die Moderatorin oder der Moderator wirkt oft nur wie ein Stichwortgeber. Durch die wachsende Bedeutung leidet die unabhängige journalistische Einordnung, Bewertung und Kontextualisierung. Moderatoren geben zunehmend ihre Kompetenz an Expertinnen und Experten ab, dabei handelt es sich fast immer um "systeminterne" Fachleute, also ehemalige Sportlerinnen und Sportler oder Trainer – und nicht wie bei Wahlen oder in der Wirtschaft um wirklich "externe" Experten aus der Wissenschaft oder anderen Institutionen. Die unabhängige journalistische Bewertung lässt dadurch merklich nach.
Die Expertengespräche haben bei großen internationalen Fußballturnieren seit den 1990er-Jahren kontinuierlich zugenommen. Inhaltsanalytische Auswertungen von Übertragungen haben ergeben, dass Expertengespräche mittlerweile den größten Teil der Begleitberichterstattung bei Länderspielen der deutschen Mannschaft ausmachen. Das "Reden über Sport" (Umberto Eco) dominiert den Sportjournalismus.
Wie problematisch diese Relevanzverschiebung für den Sportjournalismus ist, belegt der Fall Jürgen Klopp. Bei der gerade abgelaufenen WM war er als Experte für MagentaTV tätig, dabei äußerte er sich auch zur Situation in der Nationalmannschaft, die Kritik gipfelte in seiner "Noch"-Aussage in Bezug zum damaligen Bundestrainer Julian Nagelsmann. Nun ist er selbst Bundestrainer und hat in seiner Auftakt-PK deutliche Forderungen und Drohungen an die Medien formuliert. Man solle doch gemeinsam an der Sache arbeiten, und wenn man ihn falsch behandele, dann sei er weg. Gleichzeitig hat er seinen langjährigen Berater Marc Kosicke als Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation fest beim DFB installiert. Man könnte Klopp einen durchaus schnellen Wandel bei seinen Einstellungen unterstellen und darf gespannt auf die Meinungsmacht des Duos in Zukunft sein.
Besonders ist in dieser Hinsicht auch ein ZDF-Beitrag über die Besetzung des DFB-Sportdirektor-Postens aufgefallen, in dem Ex-Nationalspieler Per Mertesacker als Kandidat genannt wurde. Der Einspielfilm wurde im Rahmen einer WM-Sendung gezeigt, in der Mertesacker als Experte saß, der dann wiederum den Beitrag kommentierte. Nun wird er Nachfolger von Andreas Rettig als Sport-Geschäftsführer des DFB. Interessenkonflikte?
Das Phänomen ist nicht neu. Netzer war vor und während seiner Tätigkeit als Experte Manager einer Sportmarketingagentur, die Fußball-Übertragungsrechte vermarktete. Das bedeutet, er kommentierte im TV ein Ereignis, bei dessen Vermarktung der Senderechte unter anderem an ARD und ZDF er vorher beteiligt war.
Warum nicht auch im Sportjournalismus mal echte Experten? Warum nicht einmal einen Trainingswissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln befragen, wenn es um das Training beim DFB geht? Warum nicht einen Sportpsychologen, wenn es um die Auftritte der Mannschaft geht? In anderen Ressorts ist das selbstverständlich.