Kolumne "Hardt und herzlich"

Nachlassende Distanz

04.03.2026

Unser Kolumnist Andreas Hardt hat viel Olympia geschaut. Nicht alles, was er da sah und hörte, hat ihm gefallen.

 

Jetzt sind die Olympischen Winterspiele 2026 auch schon wieder Geschichte und die fachliche Aufarbeitung über das sportliche Abschneiden muss beginnen. Vor allem die Frage muss beantwortet werden: Warum können "wir" mit anderen nur noch Schlitten fahren? Aber sonst mit wenigen Ausnahmen nur hinterherlaufen und -springen. Diverse Fachleute werden sich nun mit der Frage beschäftigen, warum die Schlitten im Winter ähnlich bedeutend sind wie Pferde bei Sommerspielen. Nur teures "Material" garantiert offenbar Medaillen für Deutschland.

An dieser Stelle ist dafür mangels Kompetenz natürlich nicht der richtige Ort. Hier fragen wir uns stattdessen: Wie viele Norweger-Pullover hat Katrin Müller-Hohenstein wirklich? Zu jeder ihrer Moderationen erschien sie mit einem neuen Sweater im Mainzer Studio und schaffte dort angemessene Winteratmosphäre. Wilde rot-weiße Muster wechselten sich mit cremefarbener Eleganz sowie klassischen Brauntönen ab. Das war wirklich beeindruckend und passte irgendwie besser zum Ereignis als die Pumps bei der ARD. So, genug Modekritik.

Die Fernsehaufbereitung des Events war für uns Daheimgebliebene natürlich sehr wichtig. Ein Highlight waren die Drohnen. Irre Bilder, großartig. Summend verfolgten sie Schlitten und Abfahrer, Skispringer und Langläufer. Das war fantastisch und verbesserte auch das Image der Drohnen ein wenig, das durch Russlands Verbrechen doch arg gelitten hat. (Foto Hardt: privat)

Apropos Ukraine: Der Ausschluss des Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch ist ein Skandal. Da mag Frau Coventry im TV ihre Krokodilstränen weinen und sich auf Regeln berufen, das Signal ist dennoch verheerend. Auch übrigens mit Blick auf die deutschen Olympiabewerbungen. Diese Entscheidung des IOC wird das Image der obersten Olympiafunktionäre keinesfalls verbessern und den Olympiagegnern neues Futter geben. 

220 Stunden im Fernsehen, 700 im Livestream bei ARD und ZDF sowie weitere 260 Stunden TV-Programm bei Eurosport zeigten jedoch, wie groß das Interesse am olympischen Sport grundsätzlich ist. Dass es bei den Moderatoren und Kommentatoren dabei den einen oder anderen Ausrutscher nach unten ebenso wie nach oben gab, ist völlig normal.

Ein paar Sachen fielen trotzdem auf.  Die andauernden Fragen der Kollegen bei erfolgreichen Athleten, wie denn nun gefeiert werde, ob das Deutsche Haus abgerissen wird, wann man denn ins Bett gekommen sei, ein, zwei oder drei Bierchen, das ging oft zu weit. Natürlich – feiern, Familie treffen, anstoßen, das gehört dazu. Es soll ja menscheln. Dennoch war es gefühlt manches Mal zu viel "Hoch die Tassen". Man stelle sich nur vor, die deutsche Mannschaft hätte mehr als nur zwei Goldmedaillen neben den Schlittenfahrern gewonnen... Das wäre ja ein einziger Feierexzess  geworden. Na, prost Mahlzeit.

So war es aber ja nicht. Dennoch redeten viele Kommentatoren und Moderatoren andauernd irgendwelche Medaillenchancen herbei, auch wo es die längst nicht mehr oder realistisch nie gab. Aber okay, das ist immer wieder so: Treppchen, Podest – das ist das Maß der Dinge. Die professionelle Distanz mancher Berichterstatter hat zudem offenbar nachgelassen. Man fiebert mit, feuert an, weint an der Schanze gar Freudentränen. Wer den gesamten Winter über "seine" Athleten begleitet, der baut halt Nähe auf, dies zu zeigen ist inzwischen offenbar erlaubt. 

Mit den Quoten zeigten sich die Sender nach den Spielen hochzufrieden. Über 110 Millionen Abrufe online habe es neben dem linearen Fernsehen bei ARD und ZDF gegeben, teilten die Anstalten mit.

Und nun? Ist Olympia vorbei. Der Winter auch bald. Auf die Analysen der verantwortlichen Funktionäre über die Schwächen der deutschen Sportförderung dürfen wir gespannt sein. Vielleicht schlagen sie ja noch weitere Bob- und Rodelwettbewerbe vor. Das wäre der einfachste Weg zu mehr Medaillen. 

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.