Neulich im „Doppelpass“, das Fußball-Gespräch am Sonntagmorgen bei Sport1. Es geht um den Stuttgarter Nationalspieler Deniz Undav, dessen Vielseitigkeit am Ball als Stürmer beim Bundesligaverein VfB. Mit dem Wort „Polyvalenz“ würdigt einer aus der Stammtischrunde diese Rolle. „Wie bitte?“, fragt der leicht verwunderte Moderator Florian König, mit einem Gesichtsausdruck, als habe man ihm gerade mal den neuesten Grippe-Impfstoff empfohlen. „Polyvalenz“, wiederholt tapfer der Stichwortgeber. Man nenne das doch so, um zu ergänzen: „Ich habe extra im Duden nachgeguckt.“
Tja, das gute alte Lexikon. Es ist gelegentlich auch hilfreich zu einem Interview mit Julian Nagelsmann. Dieser ist ja eher bekannt für eine klare und unmissverständliche Ausdrucksweise. Und allzu gern argumentiert der Bundestrainer auch mit in unseren Ohren eher fremd klingenden Worten. Als müsse ein ranghoher Fußball-Lehrer Hinweise geben auf eine intellektuelle Bildung. So sprach Nagelsmann im SPIEGEL einmal von „Soft-Skill-Aktionen“. Was das denn sei, fragte der überraschte Reporter. „Ich beobachte, wie sich die Spieler beim Aufwärmen verhalten oder auch wenn sie ausgewechselt werden.“
Zuletzt gab er ein langes Interview im kicker. Dabei ging es Nagelsmann um „triggern“, „committen“ und „Vibes“. Im O-Ton gedruckt fielen solche Worte einfach so in den Satz – und fielen durch bei vielen, die sie nicht verstanden haben. Weil ihnen eine hilfreiche, beiläufige Deutung fehlte. Zu einer Sprache aus dem Abseits, die eher begriffen wurde in einer elitären Klasse von Laptop-Trainern, nicht jedoch am Aschenplatz in der Kreisliga (Uhrig-Foto: VMS).
Die in akademischen Kreisen wohl hoch geschätzte Süddeutsche Zeitung glänzte über viele Jahre hinweg mit der Kolumne „Sprachlabor“. Vor Monaten endete diese lesenswerte Rubrik, gestorben mit dem Tod des Deutsch-Meisters Hermann Unterstöger, unvergessen als großer Aufklärer. Daran mag man sich erinnern, wenn der SZ-Sportteil die Resilienz bei Nagelsmann als „scheußliches Wort“ bezeichnet, weniger fremdsprachlich ausgebildete Leser aber mit der Frage allein lässt, was denn der Bundestrainer damit eigentlich sagen will.
Wie selbstverständlich muss man in der SZ „struggeln“ oder „Skills“ hinnehmen. Worte, mit denen hier im Interview Oliver Baumann seinen Torwart-Kollegen Manuel Neuer bewundert. Dazu noch ein kurzer Blick in den kicker, die 106 Jahre alte Fußball-Bibel. Ein Oldie, aus der Tradition heraus sprachlich eher konservativ, und als Deutsch-Verteidiger für manchen Leser nun überraschend in der Offensive. Bei der neuen Generation in der Redaktion fallen Texte auf, die garniert sind mit schick gewordenen Zeit-Worten wie „Crunchtime“ für den FC Bayern, dem Status „Role Model“ zu Steffen Karl, der Frage um ein „Mindset“ in Köln, der „vertikalen Transition“ auf englischen Fußballfeldern, dem „toxischen Mix“ um Sebastian Hoeneß.
Achtung, wilde Mischung – Suppenwürfel, Krankenkasse, Nachtisch, Schnaps und Kreißsaal!
Beispiele, wie sie nun auch überall sonst zu finden sind auf Sportseiten, zu hören in Funk und Fernsehen. Doch was heute noch nach Ausland klingt, wird morgen eingedeutscht sein. Wie die längst vereinnahmten „Player“, „Keeper“, „Scorer“, „Double“ oder „Coach“. Und so ist „Support“ vielleicht nur noch unter Laien ein Suppenwürfel, der „VAR“ steht für eine Krankenkasse, „Performance“ ist italienischer Nachtisch, „Corner“ beim Opa ein Schnaps und „Pressing“ für die Oma der Hinweis auf den Kreißsaal.
„Qualität im Journalismus fängt an mit der Sprache. Mit einer Sprache, die Standards setzen muss“, hat einmal das Medien-Magazin journalist festgestellt. Verlangt wurde „eine Mitverantwortung für verständliches Deutsch, das Millionen von Menschen lesen, sehen und hören“. Dagegen erforschte der Linguist Roland Kaehlbrandt zum schleichenden Sprachwandel, „dass heute schon jedes dreißigste Wort ein Anglizismus ist“. Wer mit diesem Fremdeln nicht klarkommt, ist längst aus der Zeit gefallen. Und muss nachschlagen im Duden.
Wolfgang Uhrig, Jahrgang 1940, war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text nutzen zu dürfen.