Ja, ich gebe es gerne zu: Auch ich habe mich darüber gefreut, dass der VfL Wolfsburg nun endlich aus der Bundesliga abgestiegen ist. So verdient, nachdem er diesem Schicksal bereits zweimal in der Relegation entgangen war. Und so steht dieses Verschwinden der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH aus dem Oberhaus auch sinnbildlich für den gesamten VW-Konzern, der seit 2007 der hundertprozentige Eigentümer dieses 2001 aus dem VfL Wolfsburg e.V. ausgegliederten Profifußball-Unternehmens ist. Fehlentscheidungen, Versagen in der Führungsebene, falsche Personal- oder Modellpolitik. Absturz.
Natürlich gibt es in und um Wolfsburg Menschen, die Fans des VfL sind und die nun
wirklich traurig sind. Für die tut es einem leid. Aber darüber hinaus hat dieser Klub trotz 29 Jahren Bundesligazugehörigkeit, deutscher Meisterschaft und Pokalsieg nur wenig Anhänger. Er ist egal.
Die emotionale Irrelevanz des VfL Wolfsburg sieht man ja auch an Statistiken. Zweitwenigste Fan-Auswärtsfahrer in der vergangenen Saison (nur Hoffenheim hatte weniger). Mit 85,5 Prozent die geringste Stadionauslastung aller Bundesligisten, in einer Arena, die nur knapp 29.000 Plätze bietet. Nur einmal wurde der VfL Wolfsburg bei Sky im quotenträchtigen "Topspiel" am Samstagabend gezeigt, ein klares Indiz für bundesweite Antipathie. Aufsteiger 1. FC Köln war da achtmal zu sehen, obwohl dessen Saison sportlich auch mühsam war. (Foto Hardt: privat)
Nein, nur wenige werden den VfL in der Bundesliga vermissen kommende Saison, und viele haben sich über den Abstieg gefreut. Erschreckend viele aber aus den falschen Gründen. Ebenso wie auch beim FC St. Pauli übrigens. Anlass für Ablehnung bis hin zu Hass: Die Regenbogenbinde der Mannschaftskapitäne. Was sich deshalb Menschen in den Sozialen Netzwerken trauten öffentlich zu äußern, war schockierend.
Wer sich derartig von dem Regenbogensymbol getriggert fühlt oder es gar ablehnt, das weltweite Symbol für Frieden, Toleranz und Akzeptanz der Vielfalt von Lebensformen, der ist kurz davor, den vom Grundgesetz vorgegebenen Wertekanon zu negieren. Wenn das nicht sogar schon geschehen ist. Und es ist nicht sehr verwegen anzunehmen, dass die Zunahme dieser Hassposts in direktem Zusammenhang mit dem Erstarken einer selbsternannten Alternative für Deutschland zusammenhängt, die ebenfalls in vielen Bereichen längst nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes steht.
Fußball ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die Bemühungen des DFB und der DFL in zahlreichen Kampagnen für Toleranz, gegen Rassismus und Antisemitismus zeigen da wenig Wirkung. Zum einen, weil sie oft so eifrig bemüht und aufgesetzt wirken. Zum andern sicher auch, weil "klassische" Institutionen abgelehnt und eben "Alternativen" gesucht werden.
"Monitor"-Recherchen haben im Mai belegt, dass rechte und rechtsextreme Akteure zunehmend in Fankurven deutscher Fußballstadien drängen (zu sehen hier). Eine umfassende öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema blieb bislang allerdings aus. Und die Innenminister beschäftigen sich lieber mit der Kostenbeteiligung von Vereinen bei Hochsicherheitsspielen.
So verstärkt sich der Eindruck, es gäbe eine Haltung, man möge doch den Sport Sport sein lassen und die Politik da raushalten. Der DFB wünscht sich vor der nun anstehenden Weltmeisterschaft in den USA (sowie Mexiko und Kanada), dass sich seine Spieler im unmittelbaren Umfeld der Spiele politisch möglichst nicht kritisch äußern mögen. Sportdirektor Rudi Völler sagte dazu: "Wenn das einer machen möchte, kann er das gerne im Vorfeld tun. Ist bis jetzt nicht passiert, sollte jetzt auch nicht mehr passieren."
Das Schweigen der DFB-Spitzenfunktionäre zu Themen wie den überteuerten Ticketpreisen, Einreiseverboten für die Fans fünf teilnehmender Nationen, exorbitant hohen Transportkosten vor Ort sowie der unsicheren politischen Lage in den USA mit einem Möchtegern-Autokraten im Präsidentenamt ist ja dröhnend. Im Beckenbauer'schen Sinne gilt also: Geht's raus und spielt's Fußball!