"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen..." – wenn man diesen Satz hört, dann ist in der Regel höchste Vorsicht geboten. Dann sagt einer etwas, von dem er genau weiß, wie umstritten der Inhalt sein wird. Eine Provokation, eine Frechheit, ein Tabubruch. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Doch, darf man in diesem Land zum Glück, auch wenn es eigentlich Unsagbares ist.
In diesem ersten Quartal 2026 kam plötzlich Oke Göttlich in diese Situation, für Gesagtes zum Teil heftig kritisiert zu werden. "Wer als Verantwortlicher eines Profi-Klubs versucht, den Sport politisch zu missbrauchen, um sich zu inszenieren, hat den Fußball nie geliebt", schrieb ein Kommentator der Sport Bild Ende Januar. Und bewies damit, dass er überhaupt nicht verstanden hatte, worum es eigentlich ging.
Nun darf man aus der fußballzentrischen Beschränktheit und Engstirnigkeit mancher
Kommentatoren sicherlich keine Rückschlüsse auf die allgemeine Befindlichkeit in der Fußballblase ziehen. Dennoch waren manche Reaktionen auf die Überlegungen des Präsidenten des FC St. Pauli und Präsidiumsmitglieds des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zum Umgang mit den aktuellen Verhältnissen im WM-Gastgeberland USA erstaunlich krass. Eine "Zeitenwende" hat es schließlich in der Welt nicht nur durch den Überfall von Russland auf die Ukraine gegeben, sondern auch im transatlantischen Freundschaftsverhältnis zwischen den USA und dem demokratischen Europa. Das existiert derzeit nicht mehr. Wie man vor und während einer WM mit dieser neuen Realität umgeht, sollte der größte Sportverband der Welt besprechen. Stattdessen: dröhnendes Schweigen. (Foto Hardt: privat)
Und Attacken gegen den Hamburger Funktionär. Dabei hatte der doch nur eingefordert, dass man im Verband sich darüber klar werden sollte, wie man mit den neuen Verhältnissen in den USA umgeht. Schnell wurde das Triggerwort "Boykott" aus Göttlichs Interview-Aussagen herausgelesen. "Was ist unsere Verbandslinie, wenn wir da hinfahren?", erklärte St. Paulis Präsident seine Initiative: "Das ist das, was ich anstoßen wollte."
Und das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Jaaaa – sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf, aber doch nicht öffentlich und nicht ohne interne Absprache! Und dann maßregelte der DFB-Boss seinen Präsidiumskollegen vom ganz hohen Ross herab: "Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema." Dass Göttlich seit 2014 als Präsident eines Bundesligisten aktiv ist, Neuendorfs Funktionärsvita aber erst 2019 als Vorsitzender des Verbandes Mittelrhein begann, spielt in dessen Wahrnehmung keine Rolle.
Bei und rund um die WM 2022 in Katar hatten sich der DFB, sein Präsident und auch die Mannschaft noch kritisch über die Menschenrechtsverhältnisse in dem Golfstaat geäußert. In einer Nachschau und Analyse des Turniers hatte Neuendorf im Januar 2023 auf einer Podiumsdiskussion in Köln noch gesagt: "Das war eine krasse Erfahrung und deswegen glaube ich schon, dass man zukünftig sehr viel eher solche Dinge wird klären müssen auf FIFA-Ebene, und das habe ich auch selbstkritisch eingeräumt."
Drei Jahre später scheint von diesem Ansatz nichts mehr übrig geblieben zu sein. Doch das ist ja genau, was Göttlich erwartet. Wir alle erleben den ständigen Demokratieabbau in den USA, die Übergriffe staatlicher Behörden gegen Minderheiten, völkerrechtliche Angriffe auf andere Staaten, andauernde Lügen der Regierung, die immer noch hohe Zahl an Todesfällen durch Schusswaffen sowie die Einreiseverbote für Bürger (und damit auch Fans) aus derzeit 39 Ländern. Darunter auch WM-Teilnehmer wie die Elfenbeinküste, Jamaika, Haiti und (natürlich) Iran.
Und die FIFA? Schweigt. Der Friedenspreisträger des Fußball-Weltverbandes ist schließlich ein enger Buddy von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Natürlich wird diese WM durchgezogen werden. Mit allen unschönen Begleiterscheinungen. Wahrscheinlich ohne Stimmung durch wahre Fußballfans, stattdessen mit Schulkindern in den Arenen und dumpfem US-Patriotismus. Wir machen den Fernseher an und verfolgen die Auftritte der deutschen Mannschaft. Freuen wir uns auf Wirtz und Co. Und lassen uns die Laune besser nicht verderben von "woken Weltverbesserern" wie Oke Göttlich. Oder?
Doch – bitte! Unbedingt. Immer wieder und auch in den deutschen Medien. Das wird man ja wohl noch hoffen dürfen.
Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.