In einer Bilanz zur vergangenen Fußballsaison steht, dass der Abstieg des FC St. Pauli „vorprogrammiert“ war, der Wolfsburger Trainer Dieter Hecking „wortwörtlich“ zitiert wurde, man dem Torhüter Oliver Baumann „hochheilig“ die Nummer 1 bei der WM zugesichert habe, Pep Guardiolas Rücktritt als Teammanager bei Manchester City durch Medien „hochoktroyiert“ gewesen sei.
Die Fürwörter jeweils doppelt gemoppelt, obwohl doch auch ohne die vorangestellte Silbe der Ausdruck klar genug ist. So wie auch der Laut „ab“ vor Verben wie geschenkt, gefeiert, gefahren, geliefert etc. oder Adjektive wie „rund“ vor einer Kugel, „tot“ vor der Leiche, „weiß“ vor dem Schimmel und „schwarz“ vor einem Rappen, von „letztendlich“ bis „schlussendlich“. Tja, unser Deutsch (Uhrig-Foto: VMS).
Und wer sich besonders zeitgemäß ausdrücken will, der findet auf dem Wühltisch der Worte immer wieder ein Adjektiv, das auch noch den einen weiteren Sinn ergeben könnte. Zum Beispiel Julian Nagelsmann, der Anglizismen wie „triggern“ oder „committen“ bevorzugt, ebenso schicke Sprachwendungen. Steht „fein“ doch allgemein für Qualität oder Eleganz, so stellt der Bundestrainer trotz Oliver Baumanns Degradierung nun fest: „Mit dem Oli bin ich fein.“ Womit er ausdrücken will, dass Trainer und Spieler kein Problem miteinander hätten. Modischer Schnickschnack.
Das trifft auch zu auf die Redewendung „und ja“. So mäkelt gern einer im Text, wenn er sich als Bedenkenträger um Klarheit drückt. Zwei Beispiele aus der hoch geschätzten Süddeutschen Zeitung: einmal zu den Zweifeln um das WM-Ticket des Fußballers Leroy Sané, dann im Feuilleton über „etliche respektvolle Autorinnen“, jeweils Sätze umzingelt mit der Einschränkung „und ja“ – zum Lesen wie ein Seufzer. „Unsere Sprache ist reich an sich“, schrieb Heinrich Heine vor 150 Jahren. An den heutzutage lockeren Umgang mit dem Wort dachte der Dichter wohl kaum.
Der große Deutsch-Meister aber würde sich im Grabe umdrehen, hörte er von einer „schnellen“ Zeit, einer „langsamen“ Zeit. Eine Stunde ist nun mal eine Stunde, basta! Und stutzig machen sollte übrigens auch mal die gängige Formulierung, ein Sportler habe sich den Arm gebrochen, das Bein, die Nase – hat sich doch noch nie ein Athlet sich selbst den Arm, das Bein oder die Nase gebrochen. Für Jean Paul, als Schriftsteller in der Epoche um Goethe und Schiller ein angesehener Zeitgenosse, ist „die deutsche Sprache die Orgel unter den Sprachen“ – ja, wenn man den richtigen Ton trifft.
Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text und das Porträtfoto nutzen zu dürfen.