Kolumne "Hardt und herzlich"

Wie im Zoo

04.02.2026

TV-Kameras dringen in bislang geschützte Bereiche von Sportlerinnen und Sportlern vor. Andreas Hardt geht dieser Voyeurismus zu weit.

 

Gibt es eigentlich ein Stöckchen, über das die Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Zusammenhang mit Fußball nicht springt? Und in der Folge in einen Forder- und Empörungsmodus schaltet. "Gesichtserkennung", "Gewaltexzesse", "Schläger und Extremisten" – das Vokabular dieser Berufsvereinigung ist stets verlässlich aufgerüstet, wenn es um die Beurteilung tatsächlicher oder vermeintlicher Ausschreitungen während oder im Umfeld von Fußballspielen geht.

Einen weiteren Anlass zur polizeilichen Aufgeregtheit bot kürzlich eine kurze Einstellung aus der Kabine des FC St. Pauli im Zuge der Sky-Übertragung vom Hamburger Stadtderby gegen den HSV. Plaudertasche Frank Buschmann war da zu sehen, im Hintergrund der Spind von Eric Smith. Und auf der ganz offensichtlich künstlerisch im Stile von Streetart und Graffiti gestalteten Wand war neben weiteren Tags und Stickern auch die Buchstabenfolge A.C.A.B. zu erkennen.

"Ein Profifußballer, der einen Aufkleber mit der Aufschrift ACAB anbringt, verhöhnt bewusst die Kolleginnen und Kollegen, die an jedem Spieltag ihre Gesundheit riskieren, um den Profifußball überhaupt möglich zu machen. Das ist keine Provokation am Rand, sondern eine gezielte Respektlosigkeit gegenüber dem Rechtsstaat und seinen Einsatzkräften", tönte so erwartbar wie eilig Lars Osburg, stellvertretender Landesvorsitzender der GdP in Hamburg im Hamburger Abendblatt. (Foto Hardt: privat)

Geht es auch noch eine Nummer kleiner? Die Kollegen von der Bild stiegen jedenfalls voll auf das Thema ein und fragten: "Polizei-Hass in Kabine von St. Pauli?" Ganz im Stile von, wie schon "Die Ärzte" wussten: "Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht".

Davon abgesehen, dass die Buchstabenfolge  laut einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Mai 2016 von der Meinungsfreiheit gedeckt ist, stellt sich doch die Frage: Was haben Buschmann und die Kameras von Sky in der Spielerkabine zu suchen? Sollte das nicht ein geschützter und privater Raum sein? "Im Prinzip ja, aber...", sagt Radio Eriwan. Seit der Rechte-Neuvergabe vor der laufenden Saison erlaubt die DFL, dass die Sender Anmoderationen in der mit Trikots für die Teams vorbereiteten Spielerkabine filmen dürfen, bevor die Mannschaften eintreffen.

Konkret hatten Sender wie Sky oder DAZN schon längst gefordert, andere Bilder als bisher zu bekommen, um eben näher ans Spiel zu kommen. "Wir wollen die Kabine erlebbar machen", sagt Dominik Scholler, Vice President Product Management & Innovation bei der DFL.

Der Wunsch nach immer mehr Nähe und damit immer weniger Privatsphäre für die Spieler führte ja schon dazu, dass Traineransprachen bei Auszeiten beispielsweise mit Mikrofonangeln belauscht werden. Gerade war das wieder bei der Handball-EM zu erleben. Die Frage ist inzwischen nur noch theoretisch, wie sich Alfred Gislason oder Juri Knorr wohl äußern würden, wenn sie nicht wüssten: TV-Konsument hört auf Sofa mit. Als der damalige Damen-Hockeybundestrainer Valentin Altenburg während der Olympischen Spiele 2024 in Paris einmal nicht daran dachte, war sofort ein "Skandal" da.

Bei den Australian Open in Melbourne gab es Aufregung, als die Amerikanerin Coco Gauff nach ihrem Viertelfinal-Aus frustriert und wütend ihren Schläger zertrümmerte. Dafür hatte sie sich einen Platz gesucht, wo sie sich unbeobachtet wähnte – "ich wollte kein schlechtes Vorbild für Kinder sein". Doch vergebens, die Kameras beobachteten sie auch in dieser Nische. Turnierdirektor Craig Tiley hat über die Jahre immer mehr Kameras auf der Anlage installieren lassen, ebenfalls mit dem Argument, die Fernsehzuschauer noch näher an die Akteure heranzulassen.

"Die Frage ist: Sind wir Tennisspieler? Oder sind wir Tiere im Zoo?", fragte die sechsmalige Grand-Slam-Gewinnerin Iga Swiatek in aller Deutlichkeit. Novak Djokovic erklärte dazu: "Ich bin überrascht, dass wir keine Kameras haben, während wir duschen."

Es liegt an den Spielern aller Sportarten, sich gegen TV-Interessen und die ihrer Klubs oder Verbände für ihre privaten Bereiche einzusetzen und klare Grenzen zu ziehen: Bis hierher und nicht weiter. Voyeurismus können wir alle doch im Dschungelcamp befriedigen. "Ich habe das Gefühl, dass bei diesem Turnier der einzige private Ort die Umkleidekabine ist", sagte Gauff zu den Ereignissen in Melbourne. Nicht einmal das ist in der Fußball-Bundesliga noch so.

Andreas Hardt, vormals Redakteur bei SID und dapd, arbeitet als freier Journalist von Hamburg aus. Er schreibt die Kolumne "Hardt und herzlich" für den monatlichen Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Hier gelangen Sie zu Hardts Xing-Profil.