Okay, auch das noch: Für das Spiel gegen Holstein Kiel Ende November bat die Deutsche Fußball Liga (DFL) relativ kurzfristig um 15 Tickets. Auf der Haupttribüne, im Pressebereich. "Die DFL-Zentralvermarktung hatte eine Gruppe Medienschaffender aus Nordeuropa zu diesem Spiel eingeladen", erzählt Patrick Gensing, der Leiter Medien & Kommunikation beim FC St. Pauli. Also mussten diese 15 Tickets noch irgendwie organisiert werden, in einem ohnehin immer brechend vollen Stadion.
Diese Episode ist nur ein Indiz für die gestiegenen Anforderungen an Gensings Abteilung nach dem Aufstieg in die Fußball-Bundesliga im Sommer. Es ist eben nicht nur ein sportlicher Wechsel der Liga, auch das ganze mediale Drumherum bedeutet einen gewaltigen Sprung in eine andere Dimension für einen Verein, der zuvor 13 Jahre in Liga zwei zugebracht hat. Die Anforderungen der DFL sind doch deutlich höher. "Wir mussten einige Anpassungen vornehmen", sagt Gensing, "von Belastung will ich aber nicht sprechen, wir freuen uns schon."
In den Statuten der DFL e.V. ist all das dokumentiert. Das geht von den Lizensierungsbestimmungen mit Nachweis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bis hin zu Anhang VI, dem "Regelwerk für Stadien und Sicherheit“. Dort ist auf 68 DIN-A4-Seiten niedergeschrieben, wie, was und wo in den Spielstätten der Bundesliga und der 2. Liga nicht gewünscht, sondern gefordert wird. (Gensing-Foto: FC St. Pauli)
Und es gibt die "Durchführungsbestimmungen zu den Medienrichtlinien, Spielzeit 2024/25". Auf 44 Seiten ist darin exakt beschrieben, was von den Klubs und in den Spielstätten erwartet wird, damit das Produkt Bundesliga auch erstklassig in die nationale und internationale Öffentlichkeit transportiert werden kann. Das beginnt mit den Akkreditierungsvorgaben und endet mit den Fotografenarbeitsbereichen und der Video-Assist-Area.
Die Anzahl der Presseplätze mit Pult auf der Haupttribüne des Millerntorstadions musste von 27 auf 53 vergrößert werden, einschließlich der Plätze für Spielbeobachter der Vereine sowie TV-und Radiokommentatoren erhöhte sich die Anzahl der Mediensitze somit von 62 auf 113. "Bei Spielen wie gegen die Bayern haben wir über 50 Anfragen, da kommen wir schon an unsere Kapazitätsgrenze", sagt Gensing.
Außerdem verdoppelte sich am Millerntor die Anzahl der
für diverse Medienvertreter zu reservierenden "stadionnahen Parkplätze" von 90 auf 180. Davon sind laut DFL allein 80 Stellplätze für "Mitarbeiter und Beauftragte von Sportcast und der audiovisuellen Verwertungsrechteinhaber" vorzuhalten. Das war und ist nicht so einfach zu lösen, vor allem dann, wenn direkt neben dem Stadion auf dem Heiligengeistfeld "Dom" ist, das große Volksfest, das dreimal im Jahr über insgesamt zwölf Wochen steigt.
An die Grenze seiner Möglichkeiten kam der FC St. Pauli auch beim Parkplatz für Mannschaftsbusse und TV-Fahrzeuge direkt neben der Südtribüne. "Das ist immer eng, eine Herausforderung", so Gensing. Zumal neben der erhöhten Zahl von Kamerateams ein weiteres Phänomen auftauchte: "Große Teams wie Bayern München kommen mit zwei Mannschaftsbussen."
Fünf TV-Teams sind in der Bundesliga die Regel, deshalb hat der FC St. Pauli auch die "Flash Zone" im Stadion umgebaut. Dort gibt es jetzt fünf Boxen, in denen TV-Stationen ihre Interviews führen können. Schon in der 2. Liga gab es die Vorgabe, dass "ein Anschluss an ein DFL-Glasfasernetz hergestellt ist, über das sämtliche Stadien an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr mit dem zentralen Produktionsstandort Köln vernetzt sind". Sämtliche fest installierte TV-Kameras müssen an dieses Netz angeschlossen sein, für die Bundesliga verlangt die DFL sechs Kamera-Glasfaseranschlüsse für die Tribüne sowie 48 für den Innenraum. Dazu haben sich notwendigen Anschlüsse auf der Kommentatorentribüne von zwölf auf 24 verdoppelt.
Elf Menschen arbeiten insgesamt in der Medienabteilung des FC St. Pauli. Das ist im Vergleich zu Bundesliga-Großklubs … nun ja. Videos, Fotos, die vereinseigenen Publikationen, das Internet, Social Media, die Arbeit für die U23 und das Nachwuchsleistungszentrum müssen erledigt werden sowie die "normale" Pressearbeit rund um das Bundesligateam.
Eine weitere Aufgabe ist mit dem Aufstieg noch dazugekommen: "Pro Heimspieltag stellen wir eine Person ab, die mit dem Smartphone ganz nah hinter dem Tor Jubelszenen, Emotionen von Spielern und auch mal Choreos oder Fans aufnimmt", erzählt Gensing, "dieses Material wird dann auch von DFL International ausgespielt."
Denn ein wesentlicher Unterschied zur 2. Liga sind das
gestiegene internationale Interesse beziehungsweise die Angebote, die die internationale Vermarktung der DFL für ihre Partner in aller Welt erstellt. "Es kommt vor, dass Jackson Irvine für einen Spot Interviews mit verschiedenen Moderatoren aus den USA, Mexiko und China aufnimmt", erzählt Gensing. Das Produkt wird dann von der DFL entsprechend fertiggestellt und an die internationalen Partner "versandt". (Foto Jackson Irvine: firo sportphoto)
Noch etwas ist neu: die Aufmerksamkeit auch internationaler Anbieter in Sozialen Medien. Wie zum Beispiel beim Fußballblog 4-3-3, der bei Instagram aktuell weltweit 75 Millionen Follower hat. Wenn die Macher drei Tage mit Eric Smith und Jackson Irvine drehen wollen, dann sagt man nicht nein. Die Internationalität sieht der FC St. Pauli trotz des Mehraufwandes natürlich positiv. "Wir können unsere englischsprachigen Spieler besser unterbringen", sagt der Medienchef. St. Pauli hat eines der multinationalsten Teams der Liga, Profis aus 16 Nationen stehen im Kader, die Verkehrssprache ist Englisch. Spieler wie Kapitän Irvine (Australien), Torwart Nikola Vasilj (Bosnien) oder Abwehrchef Smith (Schweden) sind bei der internationalen Vermarktung einzusetzen. In der "deutschen" 2. Liga ging das weniger, da sollte es am liebsten immer ein deutschsprachiger Spieler sein, der "O-Töne" abgibt.
Außerdem ist ja ein Credo von Präsident Oke Göttlich und dem gesamten Verein, dass die Aufmerksamkeit für den Profifußball dazu genutzt werden soll, für die gesellschaftlichen Werte des FC St. Pauli wie das Einstehen gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, gegen jede Diskriminierung und für soziale Gerechtigkeit zu werben. "Wir werden als Bundesligist auch mehr als FC St. Pauli wahrgenommen", so Gensing, "für uns lohnt sich der Aufwand deshalb, wir haben durch DFL International eine internationale Reichweite wie noch nie."
Die 15 Tickets für die Besucher aus Skandinavien, die ließen sich schon deshalb gerne noch finden.