Ein Porträt des "Regel-Erklärers" Alex Feuerherdt

"Collinas Erbe", Anwalt der Schiedsrichter

04.02.2026

Seit zweieinhalb Jahren leitet Alex Feuerherdt die Kommunikationsabteilung der Schiri GmbH. Über seine Arbeit berichtet Andreas Hardt.

 

Wie gut, dass Alex Feuerherdt in Köln wohnt. Dann ist der Arbeitsweg nicht so lang in den berühmten Kölner Keller. Jeden Sonnabend während der Saison in der Fußball-Bundesliga steigt er schließlich hinab ins Untergeschoss des RTL-Gebäudes in Deutz, dazu auch noch Freitag oder Sonntag. "Dort ist die Schaltzentrale am Wochenende, dort läuft alles zusammen", erklärt der 56-Jährige sein selbstgewähltes Schicksal.

Das Handy ist dann auch immer an. Erreichbarkeit ist wichtig. Der Journalist ist schließlich gegenüber seinen berichtenden Kolleginnen und Kollegen sämtlicher Medien der oberste Fehler-Erklärer im Land. Der Schiri-Versteher schlechthin. Oder offiziell der Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH. "Ich würde eher sagen, ich bin ein Regel-Erklärer", sagt Feuerherdt, "ich bin dafür da, die Schiri-Perspektive zu verdeutlichen."

Das tut er mit Energie und Geduld. Feuerherdt ist in der Regel erreichbar, und natürlich weiß er auch meist sofort, welche Fragen nach einem Spiel auf ihn zukommen. Dafür sitzt er ja mit im Video-Assist-Center. Er kennt die strittigen Szenen, auch die Kommunikation mit dem Unparteiischen auf dem Platz, er weiß also, wie und warum so oder so entschieden wurde. Die Kommunikation Richtung Medien, vor allem zu den Live-Kommentatoren von Sky und DAZN, läuft manchmal schon während eines Spiels. Das kann helfen, die Sicht der Schiedsrichter schnell zu verdeutlichen. (Foto Alex Feuerherdt: dpa/picture alliance)

Nach den Spielen am Samstagnachmittag gibt es einen internen Videocall mit der sportlichen Leitung der Schiri GmbH und dem Geschäftsführer Knut Kircher. Auch Interviewanfragen werden dann koordiniert, außerdem gibt es erste Informationen für die Schiedsrichter und die Video-Assistenten, wie die Berichterstattung über ihre Spiele ausgefallen ist. Am Montag folgt dann eine weitere, längere Besprechung. "Dass eine Bewertung von anderen Beteiligten wie Trainern, Fans oder Journalisten auch mal anders ausfällt, ist völlig normal", sagt Feuerherdt, "es gibt im Fußball nun einmal große Ermessensspielräume in der Regelauslegung." Das ist so, das war schon immer so.

Problematisch für die Beurteilung der Arbeit der Schiris ist deshalb auch die Idee, dass es durch die Möglichkeiten der Videoüberwachung komplette Gerechtigkeit und Gleichheit in der Wahrnehmung und Entscheidung ähnlicher Ereignisse gäbe. "Vor Gericht, auf hoher See und im Kölner Keller ist man in Gottes Hand", heißt es in einer alten Redensart – oder so ähnlich.

Es ist ja auch so, dass bei Schiedsrichtern und Videoassistenten unterschiedliche Charaktere aktiv sind. Forsche und zurückhaltende, eingreifende und abwartende, selbstbewusste und unsichere. Welche, die im Keller glauben, sie seien eine Art Ober-Schiedsrichter, welche, die wirklich "nur" unterstützen wollen. "Es ist natürlich keine perfekte Welt, da arbeiten Menschen", sagt auch Feuerherdt.

Und Menschen machen Fehler. Diese zuzugeben ist in der Wahrnehmung vieler allerdings ein Problem für die DFB-Schiris. "Wir können uns alles schönreden und immer wieder eine Erklärung finden – das ist sicherlich möglich. Aber es wäre nicht schlimm, wenn man einfach sagt, dass das eine Fehlentscheidung war“, klagte HSV-Trainer Merlin Polzin. Bei der 1:2-Niederlage seines Vereins in Freiburg wurde der entscheidende Treffer anerkannt, obwohl zuvor der Arm eines SC-Spielers das Gesicht eines HSV-Verteidigers getroffen hatte. Selbst angeschaut hatte sich der Schiedsrichter die Szene auf dem Monitor nicht, der Video-Assistent fand sie also nicht falsch entschieden. (Foto Alex Feuerherdt: Matthias Koch)

Am folgenden Abend saß dann Schiedsrichterchef Knut Kircher im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF und lavierte um die Szene herum. "Grenzwertig" und "im Graubereich" sei diese – eine Einschätzung, die auch in Schiedsrichterkreisen für Verwunderung sorgte. Selbst der eher moderate kicker kommentierte Kirchers Auftritt als "ein Stück weit eine Gefährdung der Glaubwürdigkeit der eigenen Regelschulungen, mit denen auch Trainer wie Polzin jede Saison eingewiesen werden".

Am 1. Juli 2023 hat Alex Feuerherdt die neugeschaffene Stelle des Kommunikationsleiters übernommen. Er arbeitet mit Marcel Voß und Max Brand gemeinsam in der Abteilung. Seine Berufung war laut Lutz Michael Fröhlich, 2023 Geschäftsführer Sport und Kommunikation, "ein perfektes Match: Er kennt nicht nur die Medien und ihre Bedürfnisse aus eigener Erfahrung, sondern kann auch auf sehr gutes schiedsrichterfachliches Wissen zurückgreifen. Wir erhoffen uns durch sein Wirken größeres Verständnis für die Regeln, die Schiedsrichter und ihre Entscheidungen."

Das ist laut seiner Wahrnehmung gelungen: "Die Journalisten-Kollegen verstehen selbst einige 50:50-Entscheidungen besser. Mein Eindruck ist, dass immer mehr Kommentatoren und Schreiber inzwischen genauer wissen, wie die Arbeit des VAR funktioniert." Das ist das erhoffte Ergebnis einer verstärkten Medien-Offensive. Zuletzt fand am 20. Januar eine Info-Veranstaltung für die Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten mit Kircher und Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck statt. (Foto "Collinas Erben": Screenshot vds/sj)

Regelmäßig gibt es auch Besuche im Kölner Keller für Sportverantwortliche der Vereine, Kommentatoren und Experten der TV-Sender, Print- und Online-Journalisten oder aus der gar nicht mehr so neuen Medienwelt Content Creator, Podcaster und Influencer. Das ist ja auch, wo Feuerherdt letztlich herkommt. Seinen Ruf als Schiri-Versteher hat er sich durch seinen Fußball-Podcast "Collinas Erben" erarbeitet, der zwischen 2012 und 2023 erschien. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, was in den Medien los ist", sagt der gelernte Buchhändler, der als Journalist unter anderem für die Jüdische Allgemeine und die Jungle World tätig war und sich viel mit Israel, Antisemitismus und dem Nahostkonflikt beschäftigt hat.

"Schon bei Collinas Erben haben wir versucht, Entscheidungen verständlich zu machen. Auch da hatte ich den Ruf, die Schiedsrichter zu sehr zu verteidigen", erinnert sich Feuerherdt. Der Sport an der Pfeife ist schließlich sein großes Hobby. 1985 bis 2005 pfiff er selbst, zuletzt in der Oberliga. Er ist Lehrwart im Fußballkreis Köln und bildet Schiedsrichter aus und fort. Bis zur Regionalliga ist er auch noch als Schiedsrichterbeobachter aktiv, wenn es denn die Zeit erlaubt. Also eher selten.

Doch trotz des Stresses – da wirkt jemand glücklich über das, was er macht: "Die Zusammenarbeit mit den Medienvertretern ist sehr gut, alle freuen sich, dass sie einen festen Ansprechpartner haben", sagt Feuerherdt, "ich mache den Job wirklich sehr gerne."