Es waren teils unglaubliche Bilder, die da aus Mailand und Cortina in die Wohnzimmer schwappten. Hochauflösend und aus kürzester Entfernung aufgenommen, transportierten sie dank des Einsatzes von Spidercams und Drohnen eine Rasanz und eine Nähe, wie man sie bis dato von Sportübertragungen nicht kannte.
Eine Rasanz allerdings, die auch künstlich wirken kann, wie der Journalist Mark Lazerus (The Athletic/New York Times) nach dem Betrachten des Eishockeyspiels zwischen der Slowakei und Finnland festgestellt hat: Aus einem Tor, "wie man es schon tausend Mal zuvor gesehen hatte", sei etwas ganz anderes geworden: "Man sah das Weiße in den Augen des gegnerischen Abwehrspielers. Und man sah die ungebremste Geschwindigkeit, mit der der Puck den Stock verließ – und dann das Netz, das sich Sekundenbruchteile später schon kräuselte." Die Spidercam über dem Eis, bilanziert Lazerus, sei "der eigentliche Star der Show" gewesen.
Die "Matrix-Replays", die Lazerus so plastisch beschreibt, werden zusammengeschnitten aus Material, das aus drei verschiedenen Winkeln gefilmt wurde. So entsteht noch mehr Tempo – und für den Reporter immer dann ein
Problem, wenn er eigentlich etwas ganz anderes kommentieren wollte als die Szene, die gerade aus unzähligen Perspektiven läuft. Viele Eishockeyfans haben dazu noch das gleiche Problem von Sportinteressierten, die ein Spiel lieber im Stadion als vorm Fernseher sehen: Taktische Feinheiten erkennt man am besten aus der Totalen – und verzichtet dabei gerne auf die Erkenntnis, dass Spieler X sich am Morgen nicht rasiert hat. (Drohne stürzt hinter Skirennläufer Marcel Hirscher ab. Foto: picture-alliance/dpa/eurosport)
Es gibt größere Probleme: 2015, als die TV-Drohnen fliegen lernten und dementsprechend wuchtig waren, stürzte eine davon in Madonna di Campiglio ab und zerschellte nur ein paar Meter hinter Skirennläufer Marcel Hirscher. Und noch im vergangenen Jahr landete eine Drohne beim Weltcup-Riesenslalom im Schweizer Adelboden etwa zehn Meter hinter dem Deutschen Jonas Stockinger. "Ich habe es gar nicht mitbekommen, ich war da so im Fokus, und in Adelboden ist es noch dazu sehr laut", sagte er später der SZ. Die Technik sei aber "mittlerweile so fortgeschritten, ich glaube, da werden keine so riesigen Teile mehr eingesetzt".
Der professionelle Drohnen-Pilot Ralf Hogenbrink, der im Eiskanal von Cortina bis auf zwei Meter an die Olympiateilnehmer heranfliegen durfte, berichtete dem SID von ähnlich positiven Reaktionen. Da man stets hinter den Athleten bleibe, "stören wir sie überhaupt nicht". Tatsächlich ging bei den Spielen offenbar kaum einer mit einem mulmigen Gefühl in seinen Wettbewerb. "Das ist mal eine ganz schöne Sache, was die Jungs dort machen“, lobte beispielsweise Rodler Felix Loch.
Frank Ketterer wundert sich dennoch, warum eine Sicherheitsdebatte allenfalls am Rande geführt wird: "In anderen Lebensbereichen wird immer mal wieder von
Drohnenabstürzen berichtet. Da fragt man sich schon, wie gefährlich ihr Einsatz für Sportler und Zuschauer ist." Der Sportautor der Badischen Neuesten Nachrichten in Karlsruhe, der an vier Olympischen Spielen als Reporter teilnahm, hält dennoch einen anderen Aspekt für auffallender: "Das Summen ist so laut und hochfrequent, dass es manche Menschen sicher schon vor dem heimischen Fernseher stört. Wie geht es da erst denen, die sich die Wettkämpfe vor Ort anschauen?" Allzu bedenkenträgerisch will er als Wintersport-Fan aber auch nicht klingen: "Das ist schon eine neue Dimension der Kamera-Führung."
Das ist schwer zu bestreiten. Dass Drohnen und Spidercams Teil einer sehr zeitgeistigen Inszenierung sind, allerdings auch nicht. Die Zuschauer vor Ort dürften jedenfalls das Dauer-Gesumme rund um Eiskanal und Piste ebenso nervtötend finden wie die Tatsache, dass ihr Blick ständig zwischen dem Athleten und dem Flugobjekt, das ihn verfolgt, hin- und herwechseln muss.
Der Fernsehzuschauer fühlt sich indes bestens unterhalten. Und um den geht es bekanntlich im Leistungssport zunehmend. Dass man beim Abfahrtslauf jahrzehntelang die Athleten nur sehen konnte, wenn sie wieder ins Visier der Kamera fuhren, wird einem schon bald so antiquiert vorkommen wie die gute alte Sportschau unter Ernst Huberty. (Drohne beim Skeleton im Eiskanal von Cortina d'Ampezzo. Foto: picture-alliance/dpa/Robert Michael)
Allerdings sorgt das IOC nicht ohne Grund dafür, dass ein 08/15-Eishockeyspiel nun so dramatisch wirkt wie auf der Konsole. Denn die hat die Generation sozialisiert, die heute als kommerzielle Zielgruppe Nummer eins gilt. Wie es auch kein Zufall ist, dass die Athleten sich in Italien auf dem Siegertreppchen kaum sortieren konnten, ehe ihnen dienstbare Hände ein Smartphone in die Hand gedrückt hatten. Ob man diese Über-Inszenierung normal findet oder nicht, dürfte nicht zuletzt eine Altersfrage sein.