Italiens Medienlandschaft im Wandel

Die letzte Heimat für Romantiker?

03.12.2025

Felix Haselsteiner lebt in Mailand und beobachtet auch dort einen schrittweisen Abschied von der Medientradition. Und doch bleibt er hoffnungsvoll, dass die Romantik nicht komplett verschwindet.

 

Es ist nicht so, dass sich das Leben in Italien nicht auch verschlechtert, wenn sich etwas erneuert. Im Herbst erst war meine Mailänder U-Bahn-Station für einige Wochen eine Baustelle. Gleise wurden neu verlegt, eine notorisch kaputte Rolltreppe repariert. Zusätzlich bekam der kleine Laden, der die nur von einer Linie befahrene Station Lanza im zentralen Stadtteil Brera täglich mit den Nachrichten versorgte, einen neuen Anstrich. Und ein wenig veränderte sich damit das Leben im Viertel.

In der Station Lanza konnte man nämlich bislang an sieben Tagen eine hervorragende Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften kaufen. Unter der Woche gab es so gut wie alle Printprodukte, die Italien (noch) zu bieten hat. Am Wirtschafts-, Finanz- und Sportstandort braucht man davon vor allem zwei, um das tägliche Geschehen umreißen zu können: Die Sole 24 Ore, Italiens führende Wirtschaftszeitung. Und natürlich die rosafarbene Bibel, die Gazzetta dello Sport, die zwischen Meran und Brindisi weiterhin umfassender, aktueller, personalintensiver und inhaltlich besser berichtet als alle Wettbewerber. Dazu gleich mehr, erst aber nochmal kurz zurück nach Lanza. (Frühstückslektüre in Italien. Foto: Gazzetta dello Sport)

An Wochenenden nämlich lag dort an der U-Bahn-Station nicht nur Italiens Hauspresse, sondern auch die New York Times genauso bereit wie die Weekend Financial Times, der Spiegel und manchmal, mit etwas Glück, auch eine Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung. Es war der Anspruch des Besitzers, diesen internationalen Querschnitt durch die Presselandschaft auszustellen – Mailand ist stolz darauf, eine internationale Großstadt zu sein. Und so führte mich wie viele andere der Weg jeden Samstagmorgen in meine U-Bahn-Station, auch wenn ich nirgendwo hinfahren wollte.

Nun aber, nach der Modernisierung der U-Bahn-Station, gibt es in Lanza nur noch einen kleinen Pressestand, dafür aber eine noch größere Auswahl an Vape-Produkten, Chips und Touri-Krimskrams (zugegeben: der Pressebereich ist vor einigen Tagen doch wieder etwas größer geworden, ich glaube, weil sich die Stammkundschaft inklusive mir beim neuen Besitzer mit einem traurigen Unterton beklagt hatte). Nichtsdestotrotz kann man auch hier den Wandel erkennen, vor dem selbst Italien nicht gefeit scheint: Dem Abschied von einer traditionell großen, starken, bunten Medienlandschaft. Wie er anderswo schon weiter vorangeschritten ist.

Eine kurze, rein subjektive Bilanz der vergangenen Monate auf Reisen: In New York musste ich durch zwei Stadtviertel ziehen, bis ich eine gedruckte Times in den Händen hielt; in München bat ich einen Freund, der in Haidhausen lebt, mir eine gedruckte SZ zu besorgen, er fand sie erst in der Innenstadt. Und in Wien rettete mich auf der Suche nach einem Falter nur der bestens sortierte Straßenverkäufer am Stephansdom, in den meisten Trafiken findet sich (neben der Krone) kein Printprodukt mehr. (Titelseite der Gazzetta dello Sport. Foto: Gazzetta dello Sport/Screenshot sj)

Dagegen ist Italien immer noch ein Paradies für so rückständige Zeitungsleser wie mich. 733 Kioske und Zeitungsverkäufer gibt es im Großraum Mailand einer aktuellen Statistik zu Folge, in München sind es nur noch etwa 145, wobei die meisten keine Zeitungen mehr führen. Das ist einerseits mit staatlicher Förderung erklärbar – in Mailand etwa werden 338 von der Stadt betrieben oder zumindest subventioniert. Der Rückgang ist trotzdem offensichtlich: Sowohl nördlich als auch südlich der Alpen zeigt der Trend scharf nach unten, auch wenn man sich in Deutschland schon früher und deutlicher vom Gedanken verabschiedet hat, eine Zeitung in gedruckter Form zu lesen.

Die eine Frage ist, was das mit der Medienlandschaft macht. In Italien sind inzwischen, mit ein paar Jahren Verspätung, dieselben Effekte erkennbar wie in Deutschland. Laut der nationalen Aufsichtsbehörde für das Kommunikationswesen AGCOM wurden im ersten Quartal 2025 täglich 1,4 Millionen gedruckte Tageszeitungen im Land verkauft – ein Drittel weniger als noch im Jahr 2021. Die romantische Vorstellung, dass die Italiener sich der Moderne verweigern, stimmt also nicht, wenngleich etwa die Gazzetta mit ihrer einzigartigen Optik eine gewisse melancholische Motivation auslöst, sie "in echt" zu lesen. 

Geld verdient Italiens wichtigste Sportzeitung (mit fast viermal so vielen Lesern wie der Wettbewerber Corriere dello Sport) allerdings auch längst mit dem Online- und Digitalgeschäft. Das ist mit denselben Herausforderungen wie überall sonst verbunden: Es wird auch auf gazzetta.it lauter berichtet, in größeren Lettern, mit weniger Platz für Untertöne und Randsportarten. Da kann es schon mal sein, dass während eines Länderspiels der Artikel über Jannik Sinner und seine Freundin einen prominenteren Platz bekommt als der Liveticker. Die Qualität leidet unter den finanziellen Zwängen der Online-Welt. Das sei, so hört man, auch innerhalb der Redaktion ein Thema. (Zeitungskiosk in Mailand. Foto: Ana-Maria Sarcu/Unsplash)

Die andere Frage aber ist, was das Aussterben der Zeitungen mit dem Stadtbild macht. Am Olympiastandort Mailand gehören die Edicole, die Kioske, traditionell zum Alltag wie der Caffè und der Brioche an der Bar. Man führt kurze Konversationen, beschwert sich wahlweise über die Torhüterleistung am Vorabend oder den neuesten Streikaufruf und zieht dann weiter. Es ist eine Kultur, die gepflegt werden möchte; ich persönlich habe auf diese Weise weite Teile meines Italienisch gelernt.

Unaufhaltsam scheint der Trend allerdings, zumindest was die Masse angeht. Mailand aber ist auch eine Modestadt und womöglich liegt darin eine Zukunft: Ich spaziere in Brera inzwischen ein paar Hundert Meter weiter am Samstagmorgen, die Via Solferino entlang. Dort ist die Edicola Largo Treves beheimatet, ein Kiosk auf einem kleinen Platz, der eine grandiose Auswahl sämtlicher großer Mode-, Kultur- und Architekturzeitschriften bereitliegen hat, in der ganzen Stadt ist er für diese Selektion bekannt. Genauso liegen aber auch ein Stapel frischer Weekend FTs bereit, die New York Times und, nachdem ich letztens extra nachfragte, sogar ein paar Ausgaben der SZ.

Und wenn ich mich dann mit dem Verkäufer in einem kurzen Plausch verliere, bleibt trotzdem ein tröstender Gedanke: Ein wenig mehr Heimat für Liebhaber und Romantiker ist Italien dann eben doch noch. Nicht nur, was den Medienkonsum angeht.

Felix Haselsteiner ist Korrespondent und Autor der Süddeutschen Zeitung. Er lebt in Mailand.