Kaiserslautern in den neunziger Jahren. Eine Stadt in der Westpfalz, die Region beschrieben als strukturschwach und besonders arme deutsche Provinz. Das Kind Christian Baron lebt hier in einer bedürftigen Familie. Der Vater ein unberechenbarer und prügelnder, dem Alkohol verfallener Möbelpacker. Die Mutter depressiv, an Krebs leidend. Sie stirbt mit 48. Sohn Christian ist da gerade zehn Jahre alt.
Ein Buch von Christian Baron erzählt, wie es sich anfühlt, in einem reichen Land in erbärmlicher Not aufzuwachsen. Wie er zwischen Angst und Gewalt Trost sucht durch die in ihm wachsende Hingabe zum Fußball. Und er schließlich glühender Anhänger wird des „1. FC Kaiserslautern“ – so der Titel seiner Autobiographie mit der Unterzeile „Eine Liebeserklärung“. Hier arbeitet Baron das Trauma einer erschütternden Kindheit ab. Als ein Fan, der in guten und in schlechten Zeiten unerschütterlich zum Klub seines Herzens steht, dem FCK. Für ihn werden die „Roten Teufel“ zum Himmel (Buchcover-Abbildung: Ullstein Taschenbuch).
Es ist für den Leser eine emotionale Achterbahn, den heute 41 Jahre alten Autor durch dieses frühere Leben zu begleiten. Wie er mit seinem Verein durch Höhen und Tiefen geht. Mit der Euphorie zur deutschen Meisterschaft 1998 bis hinunter zu Depressionen wegen des drohenden Abstiegs in die vierte Liga 2011. Eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Niederlagen werden zur persönlichen Kränkung, Siege zum kollektiven Fest.
In diesem Bewusstsein pilgert Baron hinauf zu den Heimspielen im Stadion auf dem „Betze“. Berichtet wird von Episoden wie im Winter der siebziger Jahre der FCK-Tormann Josef „Sepp“ Stabel während des Spiels eine Wärmflasche für die frierenden Hände brauchte. Und gegen Ende dieses SPIEGEL-Bestsellers ist über neun Seiten eine herzerwärmende Hommage dem unvergessenen Spielführer Fritz Walter gewidmet, der größten Legende des Vereins.
Gerne wäre der Autor Sportjournalist geworden. Doch Baron – sechs Monate Hospitant und davor zwei Jahre lang freier Mitarbeiter für die Sportredaktion der RHEINPFALZ – bekam nach seinem Studium und mit 27 Jahren „nur Absagen bei Bewerbungen um eine Ausbildungsstelle als Zeitungsredakteur“. Das wurde er schließlich doch noch, im Feuilleton beim Neuen Deutschland. Da mag es nicht wundern, dass sein Buch am Ende sehr gesellschaftskritisch ist. Unter „Mit links in den rechten Winkel“ schießt Baron gegen das große Geld im Fußball, die „Rolle im kapitalistischen Lager“.
Er kritisiert die Erfolge von Borussia Dortmund, wo das „Geschäftsmodell in der Produktion von Kriegs- und Mordinstrumenten besteht“. Und immer wieder sind Spitzen gegen Uli Hoeneß und den FC Bayern zu lesen. Auch die TSG Hoffenheim bekommt ihr Fett weg, wegen eines namentlich nicht genannten Mäzens, der dort als „ein windiger Kapitalist am Werk ist“. Nun der 1.FC Kaiserslautern und die Geschichte zu einem Mann, der den Weg geschafft hat von ganz unten nach ganz oben – und von dort den Großen die Leviten liest.
Christian Baron
„Der 1.FC Kaiserslautern – Eine Liebeserklärung“
Ullstein Taschenbuch, Hardcover, 208 Seiten, Juli 2026
ISBN-10: 3548074650 / ISBN-13: 978-3548074658
16,99 Euro
Wolfgang Uhrig, Jahrgang 1940, war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Seine Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Diese erscheint auch regelmäßig auf der VDS-Website.