Gute Nachrichten über Zeitungen gibt es schon seit Längerem noch seltener als gute Nachrichten in Zeitungen. Wie die Weltlage befindet sich auch die Auflage der meisten Blätter in einem beständigen Abwärtstrend. Manchmal aber entstehen sogar hoffnungsvolle Nachrichten über Zeitungen durch Ereignisse in Ländern, die einiges zur schlechten Weltlage beitragen.
Die Fußball-WM im vergangenen Sommer ist so ein Beispiel. Das Turnier hatte sich hauptsächlich in den USA abgespielt, und noch bevor sich die Co-Gastgeber Mexiko und Kanada mit ihren Spielorten und Mannschaften verabschiedet hatten, war die deutsche Elf ausgeschieden. Dennoch hat die auch wegen US-Präsident Donald Trump skeptisch beäugte WM bei Zeitungen hierzulande durchaus für Freude gesorgt. Das wird deutlich, wenn man sich in der Branche umhört. Zwar hat das auf fast sechs Wochen aufgeblähte Turnier nicht dafür gesorgt, dass die Papierausgaben plötzlich reißenden Absatz gefunden hätten. Dafür fällt die Bilanz beim E-Paper oft erfreulich aus.
Aus vielen Sportredaktionen heißt es, der zusätzliche Aufwand durch die
Aktualisierungen am späten Abend und frühen Morgen habe zu einer positiven Resonanz geführt. "Wir haben in den Zugriffs- und Nutzungszahlen gesehen, dass unsere Leser das sehr gerne angenommen haben", sagt beispielsweise Sebastian Weßling, der Redaktionsleiter von Funke Sport NRW. In der Zentrale in Essen wurde das E-Paper für die gesamte Mediengruppe produziert, also auch für Titel wie das Hamburger Abendblatt, die Berliner Morgenpost und die Thüringer Allgemeine. (Foto Sebastian Wessling: Lars Heidrich/Funke Foto Services)
Bei einigen dieser Titel wurde der Sportteil im E-Paper um zahlreiche Seiten erweitert. Hinzu kamen Geschichten, die keinen Eingang in die Printausgabe gefunden hatten. Am nächsten Morgen hatte die E-Paper-Ausgabe einen noch größeren Umfang durch weitere Texte und die Aktualisierungen zu den Ereignissen der Nacht. Zu den digitalen Zusatzangeboten zählten auch Videos und Fotostrecken. Weßling sagt: "Die WM war ein sehr ermutigendes Beispiel, dass sich das lohnt."
Bei der Ippen-Gruppe wird ebenfalls von guten Erfahrungen berichtet. Dort wurden in der Redaktion von Münchner Merkur und tz täglich zwei zusätzliche Seiten für die E-Paper-Ausgaben aller Ippen-Blätter im Bundesgebiet erstellt. Sportchef Florian Benedikt, zugleich stellvertretender Chefredakteur der tz, hatte dafür eine morgendliche Extraschicht von sechs bis acht Uhr eingerichtet, für die er einen Kollegen abstellte.
"Alles, was in der Nacht bei der WM passiert ist, haben wir im E-Paper abgebildet.
Auch Spiele, die nachts um drei Uhr stattgefunden haben, konnte man morgens um acht im E-Paper finden", sagt Benedikt, "da war schon Power drauf." Teilweise wurde das E-Paper zudem mit eigenen Geschichten bestückt, die man in der Printausgabe nicht untergebracht hatte. Sinnvoll gewesen sei der Aufwand "auf alle Fälle, um die Leute zum E-Paper zu bewegen", findet Benedikt, "das geht, wenn du Extraleistungen und einen Mehrwert anbietest."
Doch nicht nur große Mediengruppen haben bei der WM ihre Redaktionsdienste um einige Stunden erweitert. Auch eigenständige Regionalzeitungen haben im Rahmen ihrer personellen Möglichkeiten versucht, im E-Paper einen Mehrwert zu schaffen. (Foto Claus Weber: privat)
Bei der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) aus Heidelberg wurde beispielsweise bis Mitternacht aktualisiert, bei Spielen der deutschen Mannschaft auch länger. "Es hat sich rentiert", sagt Sportchef Claus Weber. Und das, obwohl extra Personal abgestellt werden musste, um Grafiken zu aktualisieren. Nachdem die deutsche Elf gegen Paraguay ausgeschieden war, wurde die ausgedehnte Spätschicht auf die übliche Arbeitszeit heruntergefahren. Auf Aktualisierungen nach Nachtspielen internationaler Teams verzichteten sie bei der RNZ, weil sie darin nicht ihre Kernaufgabe sehen. Weber sagt: "Als Regionalzeitung haben wir andere Schwerpunkte, vor allem die heimischen Vereine, den heimischen Sport."
Von durchweg positiven Erfahrungen zu sprechen, wäre aber übertrieben. Die Gutscheincodes in den Printausgaben, die zum aktualisierten E-Paper führen, werden nur mäßig angenommen, heißt es aus mehreren Verlagen. Dafür sei die Verweildauer in der App während der WM höher ausgefallen als in anderen Zeiträumen. Zudem fühle sich eine im Vergleich zur Printausgabe durchschnittlich rund zehn Jahre jüngere Leserschaft vom E-Paper angesprochen, hinzu komme eine recht hohe Zahlungsbereitschaft für reine E-Paper-Abos. Das liegt wohl auch daran, dass das Bedürfnis nach Aktualität viel besser befriedigt werden kann als mit den Printausgaben, die vielerorts schon nachmittags den ersten Andruck haben.
Noch immer machen die Printausgaben rund 70 Prozent der Gesamtauflage der deutschen Tageszeitungen aus, die E-Paper-Abos haben aber eine deutlich steigende Tendenz. Laut IVW sank die Zahl der hierzulande verkauften Print-Auflagen im zweiten Quartal 2026 um 7,1 Prozent im Vorjahresvergleich auf 9,68 Millionen Exemplare. Die darin enthalten E-Paper-Verkäufe legten um 8,1 Prozent auf 2,88 Millionen Exemplare zu. Differenzierte Zahlen zum konkreten WM-Effekt gaben mehrere Verlage auf Anfrage nicht preis.
Befragt man Thomas Horky von der Macromedia Hochschule für Medien und
Kommunikation in Hamburg zum E-Paper-Aufschwung, spricht der Sportjournalismus-Professor von einem möglichen Zukunftsmodell. "Früher hat man das E-Paper für eine Art Zwischenlösung gehalten, inzwischen könnte es ein Fingerzeig Richtung Zukunft sein", sagt Horky. Zu merken sei, dass Aktualität alles schlage und die WM wie ein "Extrabonbon" wirke. Das Phänomen steigender Auflagen bei großen Sportereignissen gebe es seit Jahrzehnten. "Das scheint sich im E-Paper-Bereich deutlich fortzusetzen", sagt Horky, "wenn man auch noch eine Verbindung zu Bewegtbildmaterial hinbekommt, werden auch moderne Nutzungsgewohnheiten bedient, gerade bei jüngeren Rezipienten. Da haben die Verlage ein Produkt, das man deutlich ausweiten kann." (Foto Thomas Horky: macromedia)
Das sei auch geboten, sagt Janina Mütze, Chefin des Meinungsforschungs-Unternehmens Civey, nach einer Befragung von 1000 Zeitungsleserinnen und -lesern für den Branchennewsletter turi2. Ihre wichtigste Erkenntnis: Verlage hätten "im Digitalen noch gewaltigen Nachholbedarf". Sie müssten "gezielt digitale Anreize schaffen und Hürden abbauen", um die Wechselbereitschaft der Print-Leserschaft zu erhöhen, damit sie diese nicht verlieren, sobald das Papier wegfällt.
Zusätzliche Angebote im E-Paper wie bei der WM könnten ein Schlüssel sein. Die überwiegend positiven Erfahrungen der Zeitungen damit wirken bereits nach. Auch nach Alexander Zverevs Sieg bei den US Open aktualisierten viele Häuser ihre E-Paper. Das ist in vielen Verlagen zwar auch die Praxis bei Länderspielen und im Europapokal, wird aber nicht so konsequent betrieben wie bei der WM. Vielerorts wird nun erwogen, die Aktualisierungen auszuweiten.
"Die WM war eine Art Test, um zu sehen: Was ist möglich, was können wir leisten und wie wird das angenommen?", sagt Weßling, "die Rückmeldungen waren sehr positiv, sodass wir uns nicht nur im Sport, sondern ressortübergreifend überlegen, was im Alltag sinnvoll ist und sich im Workflow gewährleisten lässt." Noch gibt es darauf in vielen Häusern keine abschließende Antwort. Doch vor allem bei größeren Verlagen spricht schon jetzt einiges dafür, dass auch während der Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles viele Zusatzangebote im E-Paper zu finden sein werden.