Das Aus für den NDR-Sportclub

Ende einer Institution

02.12.2024

Durch das Aus für den Sportclub des NDR verschwindet eine traditionsreiche Regionalsportsendung nach mehr als 50 Jahren aus dem Fernsehen. Werden andere folgen? Ein Bericht von Maik Rosner.

 

Es gibt einige hübsche Archivvideos auf der Internetseite des NDR, und gewürdigt wird mit den Clips der Sportclub, also jene Fernsehsendung am Sonntagabend, die erstmals am 13. Januar 1974 unter dem Namen Sport III ausgestrahlt wurde und später auch Sport 3 sowie Sport im Norden hieß. Zu sehen in den Videos sind zum Beispiel Diego Maradonas Besuch mit dem FC Barcelona in Meppen oder Jörg Wontorras Bemühungen, dem Publikum die Witze der Studiogäste zu erklären. Oder Ewald Lienens Empörung, dass in einer Sportsendung Gummibärchen auf dem Tisch stehen. "Das gehört hier nicht hin? Aber die schmecken gut", entgegnet Moderator Gerhard Delling, während der andere Studiogast Frank Pagelsdorf amüsiert und gerne zugreift.

Was Anfang 2014 zum 40. Geburtstag des Sportclubs auf die Internetseite gestellt wurde, lohnt gut zehn Jahre später umso mehr einen Blick, weil es den Sportclub bald nicht mehr geben wird, jedenfalls nicht in seiner jetzigen Form am Sonntag ab 22.50 Uhr. Am Ende der aktuellen Saison wird auch bei dieser Institution Schluss sein, im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga aber wohl endgültig. "Der Sportclub wird in seiner bisherigen, regelmäßigen Form nach der Saison 24/25 tatsächlich nicht weitergeführt", bestätigt NDR-Sportchef Gerd Gottlob das Aus auf Anfrage. (Delling-Foto: NDR/Screenshot sj/vds)

Fragt man Delling, was die Nachricht in ihm auslöse, antwortet er: "Enttäuschung und auch ein wenig Bestürzung, denn diese Sendung hat sowohl für den Sport im Norden als auch für die Redaktion eine Bedeutung – ganz zu schweigen von der Tradition." Delling hatte den Sportclub mit Unterbrechung mehr als zwei Jahrzehnte lang und letztmals am 5. Mai 2019 moderiert. Er ist oder war das Gesicht der Sendung. Neben ihm und Wontorra moderierten diese auch Monica Lierhaus, Johannes B. Kerner und Alexander Bommes, um nur einige zu nennen.

Delling verbindet mit dem Sportclub "anspruchsvolle Filme oder faktische Berichte" genauso wie "überraschende, teils noch nicht so bekannte Sportarten und immer ganz viel Norddeutschland". Sogar über Schweinerennen und Boßeln wurde berichtet, prominente Gästen von Uwe Seeler bis Michael Stich kamen ins Studio. Delling verweist auf die Bandbreite, auf "unzählige Begegnungen mit Persönlichkeiten, die die ganze Welt kennt, bis hin zu Menschen von nebenan". Er findet, der Erhalt solcher regionalen Sportangebote wäre "extrem wichtig, weil linear immer noch Zuschauer im guten sechsstelligen Bereich zu gewinnen sind, was wieder auf die anderen Ausspielwege wie Online und Radio ausstrahlt und im besten Fall sogar ein wenig vice versa gilt. Qualitativ gut gemachte Angebote, die wichtige Fragen stellen oder beleuchten, finden überall ihr Publikum.“ Erfolgreich könne man mit relevanten Themen sein, und der NDR habe dafür hungrige, gut ausgebildete Filmemacher und Reporter. Dellings Empfehlung: "Nicht auf die Quote schielen, sondern auf die Wichtigkeit des Inhalts – dann kommt die Akzeptanz von ganz allein." (Foto: NDR/Screenshot sj/vds)

Delling ist sich der Umbrüche in den Medien und bei deren Rezeption natürlich bewusst. Der Sportclub liegt nach seinen einst siebenstelligen Zuschauerzahlen nun im unteren sechsstelligen Bereich. Zugleich aber würde sich Delling für den NDR und andere dritte Programme weiterhin ein "mit großem Know-how gemachtes lineares Sportangebot" wünschen, und zwar mit "Liveberichterstattung, Magazinen und Dokumentationen, die parallel in Online-Formate transformiert und erweitert werden". Zudem verweist Delling aufs Radio als zusätzlichen Verbreitungsweg.

Die multimedialen Angebote benennt auch Gottlob. Dabei betont er den neuen Schwerpunkt. Als Hauptgrund, warum der Sportclub in seiner jetzigen Form eingestellt werde, führt Gottlob an, "dass wir mit Sport verstärkt jüngere Zielgruppen unter 50 Jahren erreichen wollen und können, dies jedoch vor allem auf digitalen Ausspielwegen. Die Entwicklung der Mediennutzung ist hier eindeutig." Zu tun haben die Veränderungen neben Sparzwängen demnach also mit rückläufigen Zuschauerzahlen im TV und der Vorgabe für alle ARD-Sender, die digitalen Angebote zu stärken. "Ziel ist es jetzt, neue digitale Formate zu entwickeln. Wir werden die gleichen, starken Inhalte realisieren, aber die Ausspielwege verändern", sagt Gottlob. Möglich bleibe, "dass der Sportclub bei wichtigen Themen als Einzelsendung im NDR Fernsehen gezeigt wird". (Gottlob-Foto: NDR/Christian Wyrwa)

Vor dem Sportclub wurden schon andere traditionsreiche Sportsendungen in den dritten Programmen eingestellt oder durch andere (Sport-)Angebote ersetzt. Im RBB wurde der Sportplatz 2017 geschlossen, im WDR der Sport im Westen bereits 2007 zunächst durch sport inside ersetzt, ehe auch dieses Hintergrundmagazin vom gewohnten Sendeplatz genommen wurde. Derzeit läuft dort Arnd Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs, die deutlich günstiger zu produzieren sein dürfte als eine Studiosendung mit Beiträgen und Gästen oder ein aufwändiges Recherche-Format.

Nach dem Ende des Sportclubs wird der Blickpunkt Sport im BR Fernsehen die älteste regionale Sportsendung sein. Auch dieser Klassiker erreichte einst ein Millionenpublikum und eine deutlich zweistellige Quote. Das lag auch daran, dass der FC Bayern einen Spieler oder Funktionär wie selbstverständlich zu den Moderatoren Waldemar Hartmann und Gerd Rubenbauer ins Studio schickte. Allein Uli Hoeneß bringt es auf eine hohe zweistellige Zahl an Besuchen. Längst aber ist das Interesse des FC Bayern an derartigen Auftritten so gut wie erloschen.

Der erstmals am 14. April 1975 ausgestrahlte Blickpunkt sei dennoch "nach wie vor ein echtes Aushängeschild" sowie "populär und beliebt, mit stabilen Einschaltquoten von durchschnittlich knapp sieben Prozent“, lässt BR-Sportchef Christoph Netzel auf Anfrage die Presseabteilung ausrichten, "einzelne Ausgaben erzielten zuletzt sogar Spitzenwerte jenseits der zehn Prozent – trotz des durchaus herausfordernden Sendeplatzes am Sonntagabend". Ob es eine Bestandsgarantie für den Blickpunkt Sport am Sonntagabend über das Saisonende hinaus gebe und wenn ja, für wie lange, bleibt allerdings auch auf Nachfrage unbeantwortet. Netzel sagt nur so viel: "Diese hypothetische Frage stellt sich für uns momentan nicht." Dieses Ausweichen lag wohl auch an der bei Redaktionsschluss noch ungeklärten Rechtevergabe für die Fußball-Bundesliga ab der kommenden Saison. (Foto: BR/Screenshot sj/vds)

Horcht man in die Redaktionen hinein, ist Unbehagen zu vernehmen. Es mache sich das Gefühl breit, "jetzt kommt alles auf den Prüfstand", heißt es, die Befürchtung sei: "Ohne Gebührenerhöhung könnte es noch ganz andere Einschnitte geben." Die Einstellung des Sportclubs hätten zudem "viele als Signal gewertet, dass wir die Bundesligarechte verlieren werden". Solch einen Pessimismus gab es allerdings schon mehrfach. Klar ist jedenfalls: Es muss gespart werden.

Nicht gut angekommen sein soll, dass das Aus für den Sportclub erst nach Paris verkündet wurde, obwohl es bereits vor den Olympischen Spielen festgestanden habe, über die die ARD unter Federführung des NDR berichtete. Angesprochen darauf sagt Gottlob: "Der Beginn des Veränderungsprozesses sollte erst nach diesem für den NDR Sport sehr anstrengenden Sommer starten. Das haben wir so angekündigt, und daran haben wir uns gehalten." Und auch wenn der Sportclub in seiner jetzigen Form eingestellt werde, blieben "die finanziellen und personellen Kapazitäten" erhalten. "Wie sich Aufgaben verschieben können, wird der Veränderungsprozess ergeben. Wir sind mit allen Kolleginnen und Kollegen, die die Veränderung betrifft, im intensiven Austausch", sagt Gottlob.

Vorerst läuft der Sportclub im linearen Fernsehen am Sonntagabend noch weiter. Ein paar hübsche Videos von besonders guten, lustigen und kuriosen TV-Momenten aus der Vergangenheit könnten im Internet also noch hinzukommen – fast so, als seien sie Teaser für die digitale Zukunft.