Vielleicht kann man sich den Moment ungefähr so vorstellen wie jene Bilder, die am 18. Februar 2021 aus dem NASA-Kontrollzentrum in Pasadena um die Welt gingen. Dort in Kalifornien war nach bangen Minuten der Ungewissheit das Funksignal des Mars-Rovers Perseverance eingetroffen, ehe auf die geglückte Landung rasch die ersten Fotos folgten. Seriöse Wissenschaftler sprangen jubelnd auf und reckten Fäuste nach oben, manche hüpften euphorisch umher, viele klatschten.
Versteht man die Schilderungen von Beteiligten richtig, muss es fünf Jahre später bei ProSiebenSat.1 ähnlich zugegangen sein, nur ohne seriöse Wissenschaftler. Auch in Unterföhring wurde gefeiert, als bekannt wurde, dass sie erstmals die Übertragungsrechte für die Darts-WM und weitere Major-Events erhalten, per Sub-Lizenz von DAZN.
Gelungen war der Coup nicht nur dank einer höheren Zahlung für die Rechte als bei
der vorherigen Vergabe, sondern auch, weil ProSiebenSat.1 die Professional Darts Corporation (PDC) davon überzeugen konnte, den Sport noch populärer zu machen. Allein schon, weil die Sendergruppe deutlich mehr Sichtbarkeit verspricht als Sport1. Der Nischensender zeigt die Darts-WM seit 2004, letztmals überträgt er das Spektakel aus Londons Alexandra Palace im kommenden Winter. Beim vergangenen WM-Finale schalteten im Schnitt zwei Millionen Menschen ein und in der Spitze sogar 2,9 Millionen. Per Sub-Lizenz von DAZN wird zwar auch Sport1 weiterhin Darts übertragen, darunter die Premier League. Aber die massentaugliche WM wird sehr fehlen. (ProSiebenSat.1-Sportchef Gernot Bauer, Foto: ProSiebenSat.1)
Umso größer fiel die Freude bei ProSiebenSat.1 über den Zuschlag für die kommende Rechteperiode von 2027 bis Anfang 2032 aus. Als einen "Volltreffer" und "Meilenstein in unserer Sport-Strategie" bezeichnete der zuständige Geschäftsführer Henrik Pabst die Darts-WM. Es war offenbar gefühlt der dritte Pfeil einer Triple-20-Serie für die Unterföhringer, die bisher aber davon abgesehen haben, die Sendergruppe in ProSiebenSat.180 umzubenennen.
Unterhält man sich mit Gernot Bauer, klingt der Sportchef auch mit dem Abstand von mehr als einem Monat noch immer höchst erfreut über den Coup. Um dessen Bedeutung für die Sendergruppe zu verdeutlichen, spricht der 49-Jährige vom "Tüpfelchen auf dem I" und von der "Kirsche, die oben auf der Sahnetorte noch gefehlt hat". Er sagt sogar: "Es gibt wohl kaum ein Recht, das von der DNA her besser zu ProSiebenSat.1 passt, weil Darts diese besondere Entertainment-Komponente hat, ein hochklassiger Sport ist, der sich toll entwickelt hat und unfassbar gute Typen hervorbringt."
Bauer verweist auf die Verdienste von Sport1 und formuliert ein "ausdrückliches Lob an die Kollegen in Ismaning". Der Sender hat den hiesigen Darts-Boom maßgeblich befördert. "Sport1 hat Darts aus der Nische geholt und in mehr als 20 Jahren zu einer Top-Sportart und zu einem Top-Quotenprodukt ausgebaut", sagt Bauer. Zugleich ist er zuversichtlich, das Interesse an Darts weiter steigern zu können. Das Potenzial habe man schon an den Zugriffen auf den Sport1-Stream über die hauseigene Plattform Joyn erkannt, ebenso an den Zahlen bei ran.de.
Dabei fiel auch auf, welche Sogwirkung die Stars der Szene entfalten. "Bei uns sind
Reels und Stories zu Luke Littler bei Instagram durch die Decke gegangen, obwohl wir gar kein Rechteinhaber waren",, sagt Bauer. Zurückgreifen in der künftigen Darts-Berichterstattung kann er auf die Expertise von Alexander Wölffing, der über viele Jahre Darts bei Sport1 betreut hatte, ehe er 2018 zu ran kam und dort seit 2024 Leiter der TV-Redaktion ist. (Foto: picture alliance/Hübner)
Wie andere Fernseh-Unternehmen kämpfen sie auch bei ProSiebenSat.1 damit, dass das Publikum ins Digitale abwandert. Zugleich versprechen sie sich einiges von den Besonderheiten des Sports mit den Pfeilen. "Darts ist ein echtes Leuchtfeuer. Es wird immer herausfordernder, die Leute in einer gewissen Relevanz am Fernseher zu halten", sagt Bauer, "Darts hat diesen Bindungsfaktor, ist sehr kurzweilig. Es gibt viele Einschaltimpulse, ist leicht verständlich.“
Viel Vermarktungspotenzial liege darin, sagt der Sportchef, zudem biete Darts gute Möglichkeiten, lineare und digitale Angebote besser zu verknüpfen, auch mit Übertragungen tagsüber auf Joyn, ehe es abends zur Primetime im TV weitergeht. Angedacht ist zudem viel Cross-Promotion über andere Formate der Sendergruppe wie taff, Galileo oder dem Frühstücksfernsehen. So wird es bereits beim Handball praktiziert. Im März waren die Nationalspieler David Späth und Miro Schluroff bei Joko und Klaas zu Gast. Der Zugang zu einem jüngeren Publikum ist im Sinne des Deutschen Handballbundes.
Zu verstehen ist der Erwerb der Darts-Rechte auch vor dem Hintergrund jenes Strategiewechsels, den sie in Unterföhring vor gut zwei Jahren vollzogen haben, nachdem Bauer von der Eurosport-Mutter Discovery übergelaufen war und im November 2023 die Nachfolge von Alexander Rösner als Leiter der ran-Sportredaktion angetreten hatte. Seither verabschiedete sich ProSiebenSat.1 zunehmend von seriellen Sportelementen wie diversen Ligen und sicherte sich vor allem Rechte an "Leuchtturm-Events", wie Bauer sie nennt.
Gemeint sind Turniere, die wie ein Lagerfeuer wirken und für hohe TV-Quoten und Abrufzahlen im Digitalen sorgen können, besonders bei deutschen Erfolgen. Das ist auch das Kalkül der Strategie, in der die Chancen die Risiken aus Sicht der Unterföhringer überwiegen. Der Konkurrent RTL legt dagegen einen Schwerpunkt auf die Übertragungen von Ligen wie der National Football League und der zweiten Fußball-Bundesliga. Zudem sind dort unter anderem Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, der Europa League und einzelne Rennen der Formel 1 zu sehen.
Im Spätsommer 2025 hatten die Kölner auch noch die Spiele der deutschen
Basketball-Nationalmannschaft auf dem Weg zum EM-Titel übertragen. Inzwischen hat sich ProSiebenSat.1 die Rechte an den Welt- und Europameisterschaften im Basketball ebenso gesichert wie an den Weltmeisterschaften im Handball, jeweils der Männer und Frauen. Die kommenden Europameisterschaften der Männer und Frauen bleiben zwar bei ARD und ZDF. Doch das Gros der Handballübertragungen übernimmt künftig die ProSiebenSat.1-Mediengruppe mit den Weltmeisterschaften von 2027 bis 2031 und insgesamt mehr als 60 Länderspielen der Frauen und Männer. Diese Sportrechteoffensive sorgte genauso für Aufsehen wie die Verpflichtung von Florian Schmidt-Sommerfeld als Handball-Kommentator. Erstmals in dieser Funktion für ran im Einsatz war der 36-Jährige im März bei den beiden Länderspielen gegen Ägypten. (ProSiebenSat.1-Handball-Team mit, v.l.n.r., Florian Schmidt-Sommerfeldt, Andrea Kaiser und Silvio Heinevetter)
Hinzu kommen die Rechte an der Eishockey-WM sowie im Fußball an der Klub-WM und U21-EM samt Qualifikation. Zudem hält ProSiebenSat.1 die Rechte am sogenannten Paket E der Deutschen Fußball Liga (DFL), das insgesamt neun Spiele im Free-TV beinhaltet. Dazu zählen der Supercup, drei Bundesligapartien vom ersten, 17. und 18. Spieltag, eines vom ersten Spieltag der zweiten Liga sowie die insgesamt vier Relegationsspiele zwischen erster und zweiter sowie zweiter und dritter Liga. Bei ProSiebenSat.1 liegen auch die Rechte an der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM), der Rugby-WM und an Wrestling (WWE). Unter anderem überträgt ProSieben MAXX.
Den Schwerpunkt legen die Unterföhringer aber auf Turniere - in der Hoffnung auf erfolgreiche deutsche Mannschaften. So gesehen passt die Darts-WM gar nicht ideal ins Sportportfolio, sie erfüllt dafür aber umso mehr den Wunsch nach Unterhaltung. Insgesamt sechs Welt- und zwei Europameisterschaften werden sie 2027 bei ProSiebenSat.1 zeigen. "Da passt die Darts-WM hinten raus in der Weihnachtszeit wie die Faust aufs Auge, weil sie mehr ist als nur Sport, nämlich großes Entertainment", sagt Bauer.
Das erste Darts-Event soll in rund einem Jahr ausgestrahlt werden, insgesamt kalkuliert Bauer fürs Darts ungefähr 25 bis 30 Übertragungstage pro Jahr ein. Wie diese inhaltlich ausgestaltet werden sollen, wer moderieren und kommentieren darf und auf welchem Sender die WM übertragen wird, all das steht noch nicht fest. Erahnen lässt sich aber schon jetzt, dass man keine allzu kritische Betrachtung des Spektakels im Ally Pally erwarten sollte. Sie werden sich eher am langjährigen ProSieben-Slogan orientieren, er lautet: "We Love to Entertain You."