VDS-Fotografensprecher Wolfgang Rattay hat schon einige Schulungen zum Thema "hostile environment" hinter sich gebracht. Dabei ging es um das richtige Verhalten bei gefährlichen Einsätzen – also Demos, Kundgebungen oder ähnlichem. Um Fußballspiele ging es nicht, dabei zählen die nach Einschätzung vieler Fotografinnen und Fotografen längst zu ihren gefährlichsten Einsätzen.
"Früher hat man sich den Platz ausgesucht, von dem aus man die beste Perspektive hatte", berichtet Agenturfotograf Peter J. (Name geändert; die Red.). "Heute stelle ich mich da hin, wo ich am ehesten geschützt bin." Gebracht hat ihm das zuletzt wenig: Beim Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund wurde er von einer Bengalfackel getroffen, die ganz gezielt in seine Richtung geworfen worden war (Foto: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/augenklick).
"Glücklicherweise wurde ich nicht direkt am Kopf getroffen und hatte eine dicke Jacke an. Ich möchte nicht wissen, wie das im Sommer ausgegangen wäre, wenn man nur ein Shirt trägt", sagt er. J. hat die Nase jedenfalls voll. Und ist auf Ultras und Vereine gleichermaßen schlecht zu sprechen. "Die Vereine machen die Augen zu. Die Ultras haben bei denen Narrenfreiheit."
Was J. widerfahren ist, ist kein Einzelfall. Schon 2019 wurden beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach zwölf Ordner und Fotografen durch einen Böllerwurf verletzt. Vor ein paar Tagen wurde ein Kameramann, der für Sky bei der Partie Dortmund gegen Köln im Dienst war, verletzt. Damals, Mitte März, zelebrierte die Kölner Kurve die 1:6-Niederlage quasi 90 Minuten lang mit Bengalos – der Kollege konnte nichts mehr sehen, weil ihm aufgrund der Rauchentwicklung die Augen brannten und er behandelt werden musste.
"Keine Frage, dass so etwas auf gar keinen Fall passieren darf in einem Fußballstadion, dass jemand, der dort seinen Job macht, von Fans verletzt wird", sagte Thomas Kessler, der Leiter der FC-Lizenzspielerabteilung. Und wünschte gute Besserung. Das klang hilflos. Andererseits: Was sollte Kessler auch anderes sagen?
Eine neue Jacke als Entschädigung – unzureichend oder schlicht schäbig?
Peter J. hingegen fand die Reaktionen der Geschäftsstellen aus Schalke und Dortmund nicht sonderlich überzeugend: "Erst als mein Chef interveniert hat, haben beide Vereine sich entschuldigt." Wäre an seiner Stelle ein Schiedsrichter getroffen worden, wäre die Reaktion anders ausgefallen, vermutet er.
Der BVB, aus dessen Fanszene der Bengalo-Werfer kam, zahlte ihm eine neue Jacke. Das kann man als Entschuldigung von Seiten eines millionenschweren Unternehmens unzureichend finden. Oder schlicht schäbig. "Und Schalke hat gar nichts gemacht. Dabei haben die bei der Kontrolle versagt."
Ob das so ist, sei dahingestellt. Auch im Off erklären mehrere Vereinssprecher, es gebe keinen Weg, Pyrotechnik komplett aus den Kurven fernzuhalten. Im gleichen Atemzug geben sie aber zu, dass die Situation für Fotografen und Kameraleute unbefriedigend sei. Trotz aller Gespräche, die man mit Teilen der Szene durchaus führen könne – und bei denen diese das Werfen von Pyrotechnik scharf verurteilten –, ist es wohl in keinem Stadion der Republik ratsam, Fotografen unmittelbar vor den harten Kern der Kurve zu platzieren (Foto: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/augenklick).
Was aus Sicht der Fotografen natürlich eine Ohnmachtserklärung ist. Genau wie die Tatsache, dass die Kameraleute in Dortmund unter einer Plexiglas-Konstruktion arbeiten müssen, die nicht ohne Grund "Spuckzelt" genannt wird. Daran, dass jederzeit Bierbecher auf einen geworfen werden können, habe man sich ja fast schon gewöhnt, heißt es. Man sei schon froh, wenn die nicht mit Urin gefüllt seien.
Bliebe die Frage, ob es nicht zumindest möglich wäre, die Sicherheit vor Ort dadurch zu erhöhen, dass man den Kolleginnen und Kollegen möglichst feuerfeste Kleidung zuteilt. Fotografensprecher Rattay hat jedenfalls aus den "hostile environment"-Vorträgen als Quintessenz mitgenommen, dass bei gefährlichen Einsätzen auf gar keinen Fall Kleidung getragen werden darf, die Plastikfasern enthält. P. trug, als er getroffen wurde, eines der grauen Fotografen-Leibchen, ohne die die Liga keinen Zutritt in den Stadioninnenraum erlaubt.
"Das kokelte sofort vor sich hin, nachdem mich die Fackel getroffen hatte", berichtet P. Deshalb hätte man zu gerne im Zuge dieser Recherche erfahren, wie es um die Feuerfestigkeit der Leibchen bestellt ist. Doch eine entsprechende Anfrage bei Sportcast blieb unbeantwortet. Unwidersprochen bleibt somit das Fazit, das P. zieht: "Es ist im Fußball wie im Rest der Gesellschaft: Es muss erst etwas passieren, damit etwas passiert."
Christoph Ruf arbeitet als Freelancer von Karlsruhe aus. Hier geht es zu Rufs Website.