Fußball-WM in TV und Stream: Ein Zwischenfazit

Experten unter sich

01.07.2026

Jörg Heinrich, Sport-TV-Kolumnist der Münchner tz, hat mal hingeschaut. Eine persönliche Analyse.

 

Die Fußball-WM 2026 im XXL-Format fordert mit fünfeinhalb Wochen Dauer das Sitzfleisch der Fernsehzuschauer heraus. Und sie liefert ein faszinierendes mediales Lehrstück, da die Konzepte der drei übertragenden Sender extrem weit auseinanderklaffen. Ein Gesamtblick auf ARD, ZDF und MagentaTV zeigt eine Gratwanderung zwischen verordnetem Frugalismus, Berliner Wohnzimmer-Pragmatismus und einer pompösen Star-Sause, die gelegentlich im Dauer-Witzeln zu ertrinken droht.

ARD: FRUGALISMUS TRIFFT GROSSES GEFÜHL

Plus: Traumpaar mit blindem Vertrauen: Dass diedi Berichterstattung im Ersten trotz magerer Kulissen glänzt, liegt an Esther Sedlaczek und Bastian Schweinsteiger. Motto: "Arm, aber sexy!" Weltmeister Schweinsteiger hat eine enorme Transformation durchgemacht. Vorbei sind seine Zeiten als verdruckster Jung-Experte, der auf die kuriosen Fragen seiner damaligen Partnerin Jessy Wellmer kaum eine sinnvolle Antwort fand. An Sedlaczeks Seite blüht er auf. Die beiden schätzen und vertrauen sich blind. Als Esther fürsorglich anmerkt: "Ich hab Sorgenfalten bei Dir auf der Stirn gesehen", kontert er trocken: "Nee, das sind andere Falten." Und sein Lob sitzt: "Ich mag das, dass Du immer 'Wie bitte?' sagst. Alle anderen sagen immer nur 'Was?‘!" Die ARD spart am Studio, aber nicht am Gefühl. (Foto Sedlaczek/Schweinsteiger: picture-alliance/Federico Gambarini)

Minus: WM auf Wish bestellt: Wer auch rund um die Spiele opulente Bilder erwartet, reibt sich enttäuscht die Augen. Die ARD sendet so karg, wie man es sich zur Haushaltskonsolidierung nur wünschen kann. Zu Turnierbeginn meldeten sich Sedlaczek und Schweinsteiger mutterseelenallein von der Pressetribüne aus Toronto – serviert in einer Vintage-Bildqualität von 1986, die wirkte wie "WM, auf Wish bestellt". Schaltet der Sender ins Kölner Studio um, atmet das Kabuff den rauen Charme eines Wohnzimmers von Fiete Petersen in Hamburg-Mümmelmannsberg. Dahinter steckt Kalkül: Das Erste muss dem Beitragzahler sichtbare Gebühreneinsparungen nachweisen. Das visuelle Ergebnis lautet: "ARD: Ausgesprochen reduziertes Design" – oder auch "Alle Rundfunkgebühren durch?"

ZDF: DER KLUGE BERLINER KOMPROMISS
Plus: "Wetten, dass...?"-Gefühl im Zollernhof: Das ZDF verzichtet auf teure Präsenz vor Ort und inszeniert eine WM-Arena im Berliner Hauptstadtstudio. Dieser Ansatz funktioniert prima als Kompromiss zwischen ARD-Kargheit und Magentas Star-Overkill. Die Couch ist oft so vollgestopft wie früher bei "Wetten, dass…?" – nur, dass niemand wie einst bei Gottschalk nach einer Viertelstunde zum Flieger muss.

Das Zusammenspiel von Chris Kramer und Per Mertesacker macht Spaß wie eh und je. Während Sonnenschein Kramer unerschütterlich an die deutsche Mannschaft glaubt, raunzt Mertesacker dazwischen. Als Kramer ein Portugal-Remis erklärt ("Sie spielen so ein bisschen 'Around the Cake', wie der Engländer sagen würde"), kommentiert Mertesacker trocken: "Der Engländer sagt das nicht." Dazu glänzt der schrullige Schwarzwald-Neuzugang Christian Streich, der Fußball mit badischem "Äch" (statt "Ich") an der antiken Magnettafel erklärt und schnell Kultstatus erreicht hat. Oder wie er selbst sagt: "Schgut!" (ZDF-Runde mit Katrin Müller-Hohenstein, Per Mertesacker, Christoph Kramer, Thorsten Kinhöfer, Christian Streich und Jochen Breyer. Foto: ZDF/Thomas Kierok)

Minus: Streaming-Schluss vor dem Abpfiff: ZDF-Abzüge gibt es bei der Umsetzung. Zum WM-Start verschlief das Zweite den Start der Eröffnungsfeier. Und wer während der Nachspielzeit bei Österreich gegen Jordanien morgens um 8.00 Uhr den Internetstream abschaltet, um eine Dokumentation zu zeigen, verärgert die Fans massiv. Auch Kommentatorin Claudia Neumann bleibt mit holprigem Problemdeutsch ("portugiesische Gefahrenauslöser") und der kreativen Erfindung von Spielernamen wie "Fernando Fernandsch" ein Kritikpunkt. Es gibt aber exzellente TV-Frauen bei dieser WM, von Laura Wontorra bis Christina Rann und Tabea Kemme.

MAGENTATV: DER FC HOLLYWOOD 
Plus: Wer bereit ist, (faire) 22 Euro für das WM-Abo zu bezahlen, bekommt das größte Star-Aufgebot geliefert. Jürgen Klopp und Thomas Müller agieren wie die "Lennon/McCartney des Fußball-Erklärens". Zusammen mit Johannes B. Kerner, der die Truppe als besonnener Dompteur mit emotionaler Flatrate im Zaum hält, bietet MagentaTV erstklassige Unterhaltung. Auch Mats Hummels glänzt vor der New Yorker Wolkenkratzer-Kulisse mit blitzgescheiten Analysen und trockenem Humor. Einen eigenen Versprecher fängt er selbstironisch auf: "Es wäre natürlich elemendar, äh, elementar. Sorry, kurzer Lothar-Matthäus-Moment."

Minus: Die Comedy-Ausrichtung birgt Gefahren. Vor allem Thomas Müller muss aufpassen, dass er das Dauer-Witzeln nicht überzieht. Der redselige Raumdeuter neigt dazu, sich als unfehlbarer "Besserdisser" zu inszenieren. Wenn er auf kritische Nachfragen genervt reagiert und gegenüber Laura Wontorra in chauvinistische Altherren-Sprüche verfällt ("Ich hab nix verstanden, ich hab nur Deine süße Stimme im Ohr"), kippt die Stimmung. Aus gutem Schmäh wird bei "Radio Müller" dann schnell anstrengendes "Radio Blabla". MagentaTV liefert Starpower, schafft mit bis zu 6,5 Millionen Zuschauern pro Spiel neue Rekorde für Fußball-Abos – balanciert aber auf dem schmalen Grat zur puren Selbstdarstellung.

Anm.: Der Autor gibt nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder