"OlympJA" oder "NOlympia" – wer im April in Hamburg wohnte, konnte sich diesem Thema nicht entziehen. Benzinpreise, Wohnraummangel, Baustellenchaos – alles wichtig. Das vorherrschende politische Thema auf Plakaten und Terminen aber war der Kampf um eine Bewerbung der Stadt um eine mögliche Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele. Bis 31. Mai sollen die Hamburger ab 16 Jahren in einem Referendum darüber abstimmen, ob die Freie und Hansestadt neben München, Rhein-Ruhr und Berlin als Kandidat für die Auswahl der deutschen Bewerberstadt für Spiele 2036, 2040 oder 2044 durch den DOSB antritt.
Die Vehemenz, in der sich Befürworter und Gegner der Spiele fast schon bekämpften, war und ist bemerkenswert, der Einsatz beider Seiten an menschlichen und finanziellen Ressourcen enorm. Während die Kampagne vom Senat aus SPD und Grünen sowie der oppositionellen CDU, also 71,8 Prozent der Wählerstimmen der Bürgerschaftswahl 2025, getragen wird, weiß "NOlympia" in einer erstaunlichen Koalition der Unwilligen sowohl Linke als auch AfD hinter sich. Doch die Pro-und-Contra-Linie ist eben nicht so einfach entlang der Parteipolitik zu ziehen. Viele Gruppierungen sind gespalten.
So tragen die grünen Senatoren die Bewerbung mit, in der Parteibasis ist das aber längst nicht so klar. Beim FC St. Pauli ist Präsident Oke Göttlich ein Olympiafreund, viele Fans und Mitglieder sind das nicht. Und selbst bei vielen der rund 580.000 Aktiven in den 855 Vereinen des Hamburger Sportbundes gibt es Zweifel. Olympia wirkt zu groß, zu teuer, zu kompliziert und kann über Wochen zu persönlichen Einschränkungen führen. Die positiven Emotionen, die mit den Spielen verbunden sind, haben die wenigsten selbst erleben können, die Versprechen über nachhaltige Verbesserung der Infrastruktur, Barrierefreiheit und Sportanlagen werden nicht ohne Weiteres geglaubt.
Für die großen Hamburger Medien ergibt sich aus dieser Spaltung der Gesellschaft die große Herausforderung als neutral und unabhängig wahrgenommen zu werden. "Wir müssen objektiv und neutral berichten, das ist das A und O", sagt Britta Kehrhahn, die verantwortliche Sportredakteurin bei 90,3, der "Hamburg-Welle" des NDR. Die Berichterstattung ist im Landesfunkhaus Hamburg mit den TV-Kollegen und der Online-Redaktion koordiniert, auch die "Sportzone" der norddeutschlandweit hörbaren Sender NDR2 und NDR Info ist involviert. "Wir führen tatsächlich intern Buch, ob wir ausgeglichen berichten, um uns nicht angreifbar zu machen", erzählt Kehrhahn. (Foto Kehrhahn: NDR/Marco Peter)
Beim Hamburger Abendblatt, berichtet Sportchef Alexander Laux, hat man sich gegenüber der 2015 im Referendum gescheiterten Bewerbung für die Spiele 2024 zu einem anderen Vorgehen entschlossen. "Damals hatte unser Chefredakteur Lars Haider in einem Leitartikel klar Position für Olympia bezogen. Wir haben dann vor dem Referendum täglich eine Olympiaseite mit überwiegend positivem Inhalt erstellt", erinnert sich Laux, "aber das war eher kontraproduktiv, und Pro-Sein sehen wir heute nicht mehr als unseren Auftrag. Die Menschen in Hamburg wollen informiert werden, nicht dirigiert."
Bei der Hamburger Morgenpost, die in der Woche nur noch online erscheint, aber jeden Freitag eine Wochenausgabe im Print veröffentlicht, hat das Ressort Landespolitik die Federführung bei der Berichterstattung. "Wir Sportler sind da mehr begleitend eingebunden", sagt Sportchef Frederik Ahrens, "Stadtentwicklungsthemen sind Sache der Chefredaktion, bei sehr vielen Info-Veranstaltungen vor Ort waren die Kollegen aus dem Lokalen. Wir betreuen die Sport-Bubble, wie die Hamburger Sportgala."
Jörn Lauterbach, der Redaktionsleiter WELT/Welt am SONNTAG Hamburg, hat sich selbst den Hut für das Thema aufgesetzt. Der gedruckte Regionalteil der Welt wurde ja bereits 2019 eingestellt, entsprechend gering sind die Manpower für und das Interesse an den Ereignissen in der Hansestadt. Mit großen Schwerpunktgeschichten und prominenten Gastautoren wie Oliver Wurm deckt er das Thema ab, auch bei ihm kommen "alle Seiten zu Wort". Aber: "Olympia ist bei unseren Lesern gefühlt noch nicht Talk of the Town", meint Lauterbach, "das Interesse war bis April eher im unteren Mittelfeld." Die, die sich melden, gehören seiner Wahrnehmung nach eher der Gegnerseite an: "Das ist ein Lagerfeuerthema linker Gruppen. Viele haben auch keine Beziehung zum Leistungssport und es ist einfach, das 'böse IOC' zu verdammen."
2015 war in Hamburg das Olympiareferendum mit 51,6 Prozent Nein-Stimmen gescheitert. Damit war nach allen vorherigen Umfragen nie zu rechnen. Tatsächlich konnten die Gegner besser mobilisieren. Auch deshalb werden diesmal Briefwahlunterlagen verschickt. In einer Unzahl von Veranstaltungen vor Ort, in Stadtteilen, Vereinen, Bürgerhäusern, versuchen Bewerbungschef Steffen Rülke, Sportsamtsleiter Christoph Holstein sowie Innen- und Sportsenator Andy Grote oder Bürgermeister Peter Tschentscher, Fragen zu beantworten und Bedenken auszuräumen. So ganz gelungen war das Mitte April nicht, Umfrageergebnisse wechselten jeweils um die 50 Prozent.
Klar wurde aber, dass die Gegner lauter und wahrnehmbarer auftraten. Sie hatten es mit Blick auf die zahlreichen Baustellen in der Stadt, Chaos an Flughafen und Hauptbahnhof sowie die immensen Probleme bei Neubauprojekten wie Elbtower und neuem Bahnhof Altona einfacher. Dass einige der kritisierten Infrastrukturthemen bei einer erfolgreichen Bewerbung für 2024 (Foto des damaligen Bundestrainers Joachim Löw von 2015, GES-Sportfoto) längst gelöst wären, verschweigen die, die schon damals Nein gesagt haben.
"Die Olympiagegner reagieren aggressiver, wenn ihnen die Berichterstattung nicht gefällt", meint Laux, "es ist ein Reizthema für die, die sich dafür interessieren. Bei vielen anderen scheint mir die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, eher gering ausgeprägt zu sein." Das sieht man eben nicht nur an den Zuschriften oder Kommentaren in Sozialen Netzen, sondern eben auch an Online-Klicks.
Niemand der Hamburger Medienmacher rechnet einen Monat vor dem Referendum mit einem klaren Ja, das auch nur annähernd die 60 Prozent plus in München oder Westdeutschland erreicht. Wenn überhaupt. "Unser Job ist es nicht, die Hörer von etwas zu überzeugen", erklärt Britta Kehrhahn, "uns ist wichtig, dass die Leute ihr demokratisches Recht wahrnehmen." Hamburg, sagt Frederik Ahrens, "ist in vielen Punkten die weltoffenste Großstadt Deutschlands. Es ist aber auch die Hauptstadt der Bedenkenträger."