Sportjournalisten in der Kabine? In Nordamerika völlig normal!

Hereinspaziert

02.10.2023

Die Bundesliga-Sender Sky und DAZN würden gerne mehr Nähe zu den Sportlern herstellen und deshalb auch aus der Kabine berichten. Muss das sein? Was bringt das? In den Profiligen in Nordamerika ist der "open locker room" gang und gäbe. sj-Autor Heiko Oldörp schildert aus eigener Erfahrung, wie die Beteiligten damit umgehen. 

 

Bastian Schweinsteiger traute seinen Augen nicht. Nur mit einem Handtuch um die Hüften kam er nach seiner Premiere für Chicago Fire aus der Dusche und sah sich vor seinem Spind in der Umkleidekabine plötzlich zwei Dutzend Medienvertretern gegenüber. Gut, es war zwar der 1. April 2017, aber sollte dies ein April-Scherz sein, so konnte Schweinsteiger darüber nicht lachen. 

Offenbar hatte niemand aus der Presseabteilung seines neuen Vereins Schweinsteiger darüber informiert, dass die Interviews in Nordamerikas Profiligen in der Kabine geführt werden, nur wenige Minuten nach Spielende. Ganz gleich, ob die Profis nackt, halbnackt oder schon geduscht und umgezogen sind – die Kameras laufen, die Mikrofone sind eingeschaltet, die Notizblöcke gezückt. 

"Open locker room" nennen sie das. Ob NFL, NBA, NHL, MLB oder MLS: Die Kabinen gehören für die Medien genauso zum Arbeitsumfeld, wie Pressetribüne oder Trainingsplatz. Eine Mixed Zone wie in Deutschland gibt es hier gar nicht. Spieler sprechen mit den Medien, während sie sich anziehen, eincremen, Deo auftragen, die Schuhe zubinden. 

Die Reporter bekommen so einen viel näheren und authentischeren Eindruck. Wenn die Kabinentür für sie zehn Minuten nach Spielschluss aufgeht, ist das Ergebnis der Partie mitunter noch spürbar und sichtbar. Spieler jubeln und flachsen miteinander – oder sitzen bedrückt und nachdenklich auf ihrem Platz, starren auf ihr Handy oder auf die Statistikzettel, die die Mitarbeiter der Presseabteilung austeilen. Und manchmal ist auch noch die Obstplatte in einer Ecke zu sehen, die der Trainer vor Wut über die knappe Niederlage dort hingeworfen hatte. (Im Bild: sj-Autor Heiko Oldörp nach einem Spiel mit Dirk Nowitzki. Foto: privat)

"Die Presse hat auf jeden Fall mehr Einblick und bekommt ein besseres Gefühl dafür, wie die Stimmung ist. Und dieser Einblick wird letztlich an die Fans weitergegeben, sie sind somit mehr dabei, näher dran”, sagt Dennis Seidenberg im Gespräch mit dem sportjournalist. Er hat 15 Jahre in Nordamerikas Eishockey-Profiliga NHL gespielt, als Höhepunkt 2011 mit den Boston Bruins den Stanley Cup gewonnen. Nach Training und Spielen den Medien in der Kabine zur Verfügung zu stehen, habe er immer "als Teil meiner Arbeit" gesehen, sagt der 42-Jährige, fügt aber an, dass es "manchmal auch bisschen stressig" gewesen sei.

Geht es nach Sky und DAZN, gibt es womöglich bald auch für die Fans der Fußball-Bundesliga Einblicke in die und Interviews aus der Umkleide. "Wenn der Fußball sich entwickeln will, und wenn er vor allem bei jungen Zielgruppen punkten will, dann muss er sich mehr öffnen", betonte Sky-Sportchef Charly Classen gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. 

Die beiden Bezahlsender schultern derzeit 80 Prozent der 4,4 Milliarden Euro teuren nationalen Medienrechte. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) vergibt diese Rechte immer über einen Zeitraum von vier Jahren. Im kommenden Jahr werden sie neu ausgeschrieben und gelten ab der Saison 2025/26. Classen wünscht sich, für das Geld mehr Zugang zu bekommen, um so "die gesamte Bandbreite der Emotionen" abzubilden und “den Sportfan näher an seine Idole zu bringen."

Die Umkleide, dieser in Deutschland bislang für Medien hermetisch abgeriegelte Raum, das "Heiligtum" der Mannschaft, könnte also zur Quelle von Neuigkeiten und Reaktionen werden. Anstelle des "was in der Kabine gesagt wird, bleibt auch in der Kabine" hieße es vielleicht dann: "Live aus der Kabine hinaus in die Welt." Er glaube schon, sagt Seidenberg, "dass das für Deutschland interessant ist und es den Leuten gefallen würde".

Die deutschen Bundesligisten dürften das womöglich anders sehen.

Jürgen Schmieder kennt beide Seiten, die deutsche und die nordamerikanische. Er hat einst für die Süddeutsche Zeitung über den FC Bayern München geschrieben – und berichtet seit 2013 als SZ-Korrespondent aus Los Angeles. Er war am 1. April 2017 auch in Chicago, als Schweinsteiger, der damals 32-jährige Weltmeister, der mit den Bayern alles gewonnen hatte, sein erstes Interview in der Kabine gab. 

Der größte Unterschied, so Schmieder, sei die "zeitliche Entzerrung" der Mixed Zone. Dort gehen die Profis 30 bis 40 Minuten nach Spielende entlang, sind geduscht und konnten sich bereits ein paar Gedanken über die Partie machen. Und dort, hebt Schmieder hervor, "kämpfst du mit zehn bis 30 anderen Journalisten, um diesen Spieler, der da gerade entlanggeht". Er nennt es ein "Hauen und Stechen".

In Nordamerika hingegen sind alle Spieler gleichzeitig verfügbar, sobald die Kabine geöffnet wird. "Wenn die US-Kollegen bei den Los Angeles Lakers alle zu LeBron James gehen, du aber was von Dennis Schröder wolltest, musstest du nicht extra warten, bis der in die Mixed Zone kommt und dich mit anderen um ihn streiten”, sagt Schmieder. Zudem ergäbe diese Konstellation, gerade für deutsche Journalisten, eine weitaus größere Chance, ein 1:1-Gespräch mit dem Athleten führen zu können. Und somit entstehe dann auch "ein richtiges Gespräch", denn die Gesprächssituation sei eine andere, "eine ungezwungenere", betont Schmieder. (Im Bild: sj-Autor Oldörp in der Kabine mit Dennis Schröder. Foto: privat)

Die Mixed Zone sieht er als eine Art "Bittstellertum" an, so nach dem Motto: "Thomas Müller, kannst du bitte mit mir reden?" In der Kabine hingegen steht der Sportler mitunter nur im Handtuch vor einem – das mache ihn "auch ein wenig verletzlich", so Schmieder. Denn Kratzer, Blessuren, Wunden, in Eis gepackte Gelenke – alles ist sichtbar, der Einblick intimer, der Kontakt intensiver. Kein Vergleich zur Fußball-Bundesliga. Dort, sagt Schmieder, "ist es völlig vorbei, dass es in der Mixed Zone ein Gespräch zwischen einem Journalisten und einem Athleten gibt." 

Wie privilegiert die Medien in Nordamerika sind, wurde während der Corona-Krise deutlich. Die Umkleiden blieben plötzlich verschlossen, Zugang zu Spielern und Trainern war nur via Zoom-Call möglich – zusammen mit vielen anderen Kollegen. Exklusive Informationen waren somit ausgeschlossen. "Schrecklich", erinnert sich Schmieder. Mittlerweile sind die Kabinen wieder offen, alles ist wie immer. Medien schauen Sportlern beim Umziehen zu, stellen Fragen, senden live. Business as usual.

Heiko Oldörp lebt seit 2007 in Boston und berichtet seitdem als Freiberufler für diverse deutsche und europäische Medien (unter anderem ARD, Sky, SRF, Spiegel, RND und n-tv) über den Sport in Nordamerika.