Die Klubs und das "Wir"

"Hier ist Hoeneß..."

06.05.2026

Viele Spieler und Offizielle scheinen nicht zu wissen, welche Funktion Journalismus hat. Von wütenden Anrufen beim Reporter und Trainern im Diktiermodus berichtet Christoph Ruf.

 

Der Reporter der Lokalzeitung war verdutzt. Gerade hatte er einem Spieler des Zweitligisten, dessen Werdegang er seit Jahren begleitet, nach einer Niederlage mühsam ein paar Sätze abgerungen, da stand plötzlich ein Mitarbeiter der Pressestelle vor ihm und fuhr ihn an: "Findest du das angemessen, zu lächeln nach so einem Spiel?"

Eine Frage, die tief blicken ließ: Offenbar zählte der Journalist in den Augen des Klubmitarbeiters zur Schicksalsgemeinschaft, die zurückliegenden 90 Minuten sollten doch bitteschön eine angemessen pietätvolle Mimik gegenüber "unseren" Spielern geboten haben. Der Reporter hatte seine Rolle immer anders gesehen. Und sich auch deshalb gewundert, wenn immer wieder Anrufe aus der Geschäftsstelle kamen, warum er denn so negativ berichte.

Ähnliche Erlebnisse hatten über Jahre hinweg auch immer wieder FC-Bayern-Reporter, die oft schon wussten, wer gleich am anderen Ende der Leitung losschimpfen würde, wenn ein Anruf mit unterdrückter Nummer einging. Und tatsächlich hörten sie kurz darauf eine bekannte Stimme: "Hier ist Hoeneß..."

Der langjährige Bayern-Manager und -Präsident, heißt es, habe zuweilen angerufen, weil er Fakten falsch wiedergegeben fand. Aber eben auch, wenn ihm die Stoßrichtung eines Textes nicht gepasst oder er seinen Verein zu negativ dargestellt gesehen habe. Und während Ersteres nicht nur legitim, sondern hilfreich sein kann – angeblich machen ja selbst Journalisten Fehler –, belegt Zweiteres den Verdacht, den auch der Bundesliga-Reporter, der zu viel gelächelt hatte, hegt: In der Sportbranche haben viele eine völlig falsche Vorstellung davon, was Journalismus ist oder zumindest sein sollte: Eine unabhängige Instanz, die kritisch beobachtet und berichtet. Und eben kein weisungsgebundenes Organ der Vereinspolitik – oder der deutschen Nationalmannschaft.

Das schien schon bei der WM 2018  auch Toni Kroos anders zu sehen, der "die Presse" kritisierte ("heftig, was da abgeht") und sie aufforderte, patriotischer über die Nationalmannschaft zu berichten: "Wenn wir dieses große Ziel erreichen wollen, sollten wir alle an einem Strang ziehen." Noch deutlicher als Kroos formulierte das bereits damals Joshua Kimmich: "Man hat nicht das Gefühl, dass das ganze Land hinter einem steht. Der Zuschauer vielleicht schon, aber was die Presse angeht, bekommt man einen anderen Eindruck." Fünf Jahre später gab Kai Havertz den Medien eine Mitschuld daran, dass sich die DFB-Auswahl in Katar nicht von einer Welle der Euphorie getragen gefühlt habe. (Foto Kroos: GES-Sportfoto/Markus Gilliar)

Noch eine Spur verräterischer war zuletzt eine Aussage von Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking, einem erfahrenen, im Umgang mit Journalisten durchaus gewieften Trainer. Er herrschte in der Mixed Zone die Kollegen an, die nach dem 0:0 gegen Mönchengladbach den Angreifer Dženan Pejčinović nach dessen Zukunft befragten. Sie mögen nicht solche "Scheiß-Fragen" stellen, befand Hecking. Später präzisierte er: "Ich finde es nicht gut, wenn meine Spieler ständig mit solchen Themen konfrontiert werden."

Aus Sicht eines Trainers mag das verständlich sein. Aber wie um Himmels Willen kommt er nach über 40 Jahren im Bundesliga-Geschäft auf die Idee, dass die Journalisten vor Ort automatisch die gleichen Interessen hätten wie er?

Nun, vielleicht auch, weil in unserer Branche auch einige Menschen die Grenzen zwischen Journalismus und Klubs verschieben. Auch Hecking dürfte schon Journalisten begegnet sein, die von "wir" sprachen, wenn sie den Verein meinten. Da ist es dann fast schon naheliegend, wenn er als Trainer am liebsten die Fragen diktieren würde, die er für dieses "Wir" gerade am besten findet.

Natürlich sind auch die "Medienpartnerschaften" nicht gerade förderlich, um die notwendige Distanz zu manifestieren. Zahlreiche Erst- und Zweitligisten kooperieren bekanntlich mit der jeweiligen Lokalzeitung – gut zu erkennen an den Werbebanden am Spielfeldrand. Und damit deutlich dezenter als in Österreich, wo die Kronen-Zeitung das ÖSV-Alpin-Team sponsert und dort prominent auf der Brust vertreten ist.

Hierzulande sind die Modalitäten der Zusammenarbeit hingegen überall unterschiedlich und oft gar nicht so genau definiert. Gemeinsame Aktionen wie sie gerade der Zweitligist Fortuna Düsseldorf mit der Rheinischen Post bei einer Veranstaltung zur Förderung von Medienkompetenz an Schulen durchführt, sind aber gang und gäbe.

Die ursprüngliche Hoffnung der Verlagshäuser, durch die Kooperationen an exklusive Informationen oder Gesprächspartner zu kommen, dürfte sich immer weniger erfüllen. Doch dafür ist der Ärger auf mancher Pressestelle groß, wenn "ausgerechnet der Medienpartner" wieder eine Geschichte geschrieben hat, die der Vereinsführung nicht gefiel.